Archiv

 

 

TOD EINES UNSCHEINBAREN

 

Als «Pornopolizist» kam er in die Schlagzeilen. Die Polizei suspendierte ihn vom Dienst. Für Kurt W. brach eine Welt zusammen.

 

von Sabine Windlin

 

Morgens um zehn Uhr, wenn der Pöstler kommt, treffen sich die Hausbewohner des Lerchenrain 1 in Affoltern ZH jeweils beim Briefkastenleeren und diskutieren die Schlagzeilen des «Zürich Express». Am 28. Oktober meldete der Gratisanzeiger: «Rex Gildo ist tot».Das persönliche Drama des lebensmüden Schlagerstars sorgte bei den Bewohnern des achtstöckigen Hochhauses für regen Gesprächsstoff. Der Verlust der deutschen Stimmungskanone sei eine traurige Sache. «Vermutlich», orakelt eine Nachbarin, «hat der Vollmond mitgespielt.»


Kein Thema ist der Todesfall im eigenen Haus. Niemand in der Klatschrunde weiss, dass der langjährige Mitbewohner aus dem ersten Stock seit fünf Tagen tot ist. Auch Kurt W., 47, war des Lebens müde. Der Polizist hatte sich am 23. Oktober mit seiner Dienstwaffe erschossen. Kurz zuvor hatte er gestanden, einem Knaben in einem Schwimmbad pornografische Bilder gezeigt zu haben. Das machte ihn in der Öffentlichkeit zum «Pornopolizisten».


Hinter dieser Bezeichnung steht die Geschichte eines unauffälligen Mannes, der bei der Stadtpolizei Zürich während 28 Jahren sachkundig seinen Dienst leistete und dem mit der Suspendierung vom Polizeidienst der letzte Halt im Leben abhanden gekommen war. Als unscheinbarer Mitbewohner galt Kurt W. auch im Lerchenrain. Liebevoll kümmerte er sich um seine Balkonpflanzen. Er war ein Naturfreund und machte ausgiebige Touren auf seinem Rennvelo. Zusammen mit seiner Frau fuhr er los - jeden Samstag, bei jedem Wetter. «Der Polizist», sagt seine Nachbarin Rosa Grieder, «ist nie negativ aufgefallen. Nur wegen seiner Lärmempfindlichkeit mussten wir lachen.» Der Polizist störte sich am Geplätscher des Brunnens im Garten und protestierte gegen den scheppernden Leergutcontainer.


Zu Kindern hatte Kurt W. keinen besonderen Bezug. Er selbst hatte keine, und für die wenigen Jungen und Mädchen, die im Lerchenrain wohnten, interessierte er sich nicht. Niemand weiss, was den unbescholtenen Mann am 24. Juli dazu trieb, im öffentlichen Schwimmbad von Zurzach AG einem elfjährigen Jungen pornografische Fotos zu zeigen. Nach dem Vorfall im Schwimmbad geht beim zuständigen Bezirksamt sofort eine Strafanzeige ein. Angehörige des Jungen rapportieren, was vorgefallen ist.


Ein Ermittlungsverfahren kommt ins Rollen. Der Schuldige ist schnell gefunden und wird mit den Vorwürfen konfrontiert. Der Fehlbare streitet die Vorwürfe nicht ab. Er gibt zu, einen Fehler begangen zu haben. Über das Geständnis ist er erleichtert. Mit weiteren Konsequenzen rechnet er nicht. Für die Behörden jedoch ist der Fall keine Bagatelle. Der Polizist hat gegen Artikel 197 des Strafgesetzbuches verstossen und den Tatbestand der Pornografie erfüllt. Der Zürcher Stadtrat beschliesst, den Beamten bis zur Klärung des Falls vom Dienst zu suspendieren und ihm eine psychologische Betreuung zu geben. «Wir wissen, wie schwierig es für Polizisten ist, wenn sie selber in eine Strafuntersuchung verwickelt sind», sagt der zuständige Zürcher Polizeikommandant Philipp Hotzenköcherle.


Mit der Suspendierung habe man Kurt W. schützen wollen, «damit er Ab- stand gewinnt und zur Ruhe kommen kann». Dem Polizisten wird erklärt, dass er weiterhin seinen Lohn erhält und dass die Suspendierung nur vorsorglich gilt. Der Beamte kann das nicht glauben. Für ihn kommt die Massnahme einer Katastrophe gleich. Er ist überzeugt, dass er bald die Kündigung erhält - nach 28 Dienstjahren.


Mit Idealismus und hehren Vorsätzen begann Kurt W. als 20-Jähriger bei der Zürcher Stadtpolizei seine Ausbildung. Seine erste Stelle hat er bei der Sicherheitspolizei, dann beim Spezialdienst. Für die kernige Mannschaft ist der junge Mann etwas zu schmächtig. Aber er will helfen, Recht und Gerechtigkeit durchzusetzen, und beweisen, dass er - ohne Geschwister aufgewachsen - stark genug ist, sich im rauen Polizeiklima zu behaupten.


Er muss keine Gewaltverbrecher jagen und nicht die Auswüchse der illegalen Prostitution bekämpfen. Sein Arbeitsplatz ist eine fünfköpfige Abteilung, in der polizeiliche Zuverlässigkeit gefragt ist, wo fast jeder Beamte den anderen kennt. Zuletzt arbeitet er im Innendienst der verkehrstechnischen Abteilung, einem 24-Stunden-Betrieb. Bei Unfällen rückt Kurt W. aus, immer zusammen mit einem Kollegen: Einer fotografiert, einer skizziert den Unfallablauf. «Ein Routinejob», sagt ein Berufskollege aus Affoltern. Kurt W. findet berufliche Bestätigung, aber keine richtigen Freunde.


Was bei der Polizei niemand weiss: Kollege W. steckt in in einer Ehekrise. Seit einem Jahr haust er in der 31/2-Zimmer-Wohnung am Lerchenrain alleine. Seine Frau ist ausgezogen, die «rassige», die - laut Nachbarn - immer aussah wie aus dem «Truckli» und es verstand, zur Weihnachtszeit die Haustür geschmackvoll zu dekorieren. Dass sie plötzlich nicht mehr da ist, merken die Bewohner nur, weil ihr Name auf dem Wäscheplan und das Auto in der Garage fehlen.


Seit sie weg ist, sieht man auch ihn nicht mehr. Nicht beim Wäschewaschen, nicht im Treppenhaus. Von der Tiefgarage steigt der kontaktscheue Mieter direkt in den Lift und verschwindet sofort in seiner Wohnung, wo er auch sein Rennrad versorgt. Neugierigen Nachbarn weicht er mit Ausreden aus. Seine Frau habe eine neue Stelle ausserhalb Zürichs gefunden und übernachte deshalb nicht mehr zu Hause. Die Rollläden im Schlafzimmer bleiben immer unten, nicht nur dann, wenn der Polizist Nachtdienst hat und tagsüber den Schlaf nachholt.


Am 21. Oktober findet Kurt W. seinen Fall in den Zeitungen wieder. Die Stadtpolizei hat die Öffentlichkeit über die Untersuchung gegen ihren Mitarbeiter informiert. Das entspricht der gängigen Unternehmenspolitik. Der Name des Angeschuldigten wird jedoch nicht genannt. Den Kollegen auf dem Posten ist jedoch sofort klar, wer der «Pornopolizist» ist - derjenige, der fehlt.


Ein letztes Mal meldet sich der Polizist per Fax zu Wort - mit einem handgeschriebenen Brief, den er an das Zürcher Polizeikommando und an mehrere Zeitungsredaktionen verschickt. «Ich habe eine Verfehlung begangen, das ist klar», steht da. Schwerwiegend seien aber nicht diese Verfehlungen, sondern die Reaktion des Kommandos. «Ihr werft mir vor, den Ruf der Stadtpolizei zu gefährden, dabei seid Ihr es, die das Image schädigen, wenn solche Sachen an die Öffentlichkeit weitergegeben werden. In der Einvernahme habe ich alles ehrlich zu Protokoll gegeben. Dies ist die Wahrheit und nicht die Fantasie des Jungen. Ich lasse mich aber nicht durch den Dreck ziehen, ich nicht!» Der Brief endet mit dem Satz. «Meinen Tod hat das Kommando zu verantworten.»


Kurt W. bekam von seiner Gewerkschaft, dem Verband Schweizerischer Polizeibeamter (VSPB), kostenlosen Rechtsschutz. Darauf hat jeder Polizist Anrecht, wenn er in ein Strafverfahren verwickelt ist. «Denn», sagt VSPB-Generalsekretär Jean-Pierre Monti, «Polizisten büssen hart, wenn sie einen Fehler machen, härter als normale Menschen.» Dabei werde manchmal etwas vergessen: «In jeder Uniform steckt ein Mensch.»


Heute erinnert am Lerchenrain nichts mehr an den Polizisten. Tage nach seinem Tod steckte eine leere Eierschachtel in der Garagentür, die der Lärmempfindliche zwecks Schallschutz hineinklemmte. Ordnungsliebende Nachbarn haben die Schachtel unterdessen herausgenommen und im Briefkasten des Toten deponiert.