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JAHRESBERICHT GVRZ

 

Mit Mario Bertschler geht ein leidenschaftlicher Wassermann in Pension, der zahlreiche Projekte für den GVRZ initiiert und umgesetzt hat, und bis zum letzten Arbeitstag voll im Element war.

 

von Sabine Windlin

 

Was wäre das für ein Geschäftsführer, der sich nach 20-jährigem Einsatz für den Gewässerschutz, ereignisreicher Karriere und vielen erfolgreich realisierten Projekten auf seinen letzten Arbeitstag freut ? « Kein guter », gibt Mario Bertschler, in Pension tretender GVRZ-Geschäftsführer die Antwort gleich selber und stellt klar, dass er sich « nicht auf die Pension freut ». Die skeptische Haltung bezüglich Zukunft hat freilich weniger mit der Tatsache zutun, dass er vom Rentnerdasein noch keine konkrete Vorstellung hat, als vielmehr mit dem Umstand, dass ihm seine Arbeit beim GVRZ so gut gefallen hat. Als unglaublich spannend und vielseitig beschreibt er seine Funktion, die er per 1. Oktober 2009 offiziell aufgibt. Er sei, sagt er und hält kurz inne, jeden Tag gern zur Arbeit gekommen.


Kein Wunder, Mario Bertschler konnte sich als Geschäftsführer mit jenem Element beschäftigen, für das er sich schon als Kind zu begeistern wusste : Wasser. Bereits als Junge, erzählt er, habe er tagelang an Bächen, Flüssen und Seen gespielt. Aufgewachsen in St. Gallen, gab es mit dem nahen Bodensee, den drei Weihern und der Sitter reichlich Gelegenheit. Steine, Bäume, Sträucher, Sand und Erde im Fluss – die Art und Weise, wie sich das Wasser seinen Weg durch glaziologische Strukturen gearbeitet hat, faszinierte ihn. Wenn er mit den Eltern die Ferien am Vorderrhein, oberhalb Illanz, verbrachte, wurden Sand- und Steinmauern gebaut und natürlich gebadet und geschwommen. Ein Hobby, das er später, als er selber Vater eines Sohnes wurde, noch leidenschaftlich pflegte.

 

Integriert und ambitioniert


Dass das Wasser sein lebenslanger Begleiter bleiben sollte, wurde klar, als sich Mario Bertschler 1990 auf ein Inserat in der NZZ meldete, in welchem der GVRZ einen Geschäftsführer suchte. Der damals 46-Jährige musste sich gegen zahlreiche Konkurrenten durchsetzen. Ausschlaggend war, nebst der menschlichen Komponente, sein Leistungsausweis. Zuvor hatte er sich an der ETH auf Strömungsmechanik spezialisiert und war als Assistent während neun Jahren am Institut für Hydromechanik und Wasserwirtschaft tätig. Seine Dissertation verfasste Mario Bertschler über turbulente Strömungen im Wasser. Ein Schreibtischtäter war er jedoch nicht. Nach seiner Assistenzzeit arbeite er neun Jahre im Entwicklungsbereich der BBC in Baden und während zwei Jahren im Bereich Chemical Engeneering in Basel. Als Mitverfasser einer universitären Semesterarbeit zum Thema Grundwasser in der Reussebene war ihm auch das Zugerland nicht gänzlich unbekannt. Im Zuge dieser Recherche hatte er bereits Bekanntschaft mit « seinem » künftigen Vorfluter, der Lorze, geschlossen. Wohlwissend, wie wichtig der Kontakt zu Behörden, Bevölkerung und Politik auf dem neuen Posten war, zog Mario Bertschler schon wenige Monate nach Stellenantritt in der ARA Schönau mit seiner Familie nach Zug. Den St. Galler Dialekt hat er zwar behalten, doch er lebte sich hier bestens ein und fand – was er schmunzelnd als « Akzeptanzbeweis » beschreibt – Aufnahme in der Bäckerzunft.


Aus schmutzigem Wasser sauberes machen. Die Begeisterung für diesen volkswirtschaftlich und ökologisch ebenso wichtigen wie chemisch-biologisch hochkomplexen Vorgang dringt bei Mario Bertschler im Gespräch immer wieder durch und man merkt, wie er bis heute die Leidenschaft für seine Materie behalten hat. Egal, ob er über die Inbetriebnahme neuer Belüftungs- und Nachklärbecken, die Technik neuster Gebläse- und Trafostationen, die Abbauphase im Faulturm, die Aktivität von Bakterienstämmen, über Filtration oder Flotation redet, immer tut er das mit Begeisterung. Dabei wird deutlich, dass Mario Bertschler auch technisch und wissenschaftlich auf dem neusten Stand ist ; nota bene auf einem Gebiet, das einer rasanten Entwicklung unterworfen ist. Und wie von einem echten Naturwissenschaftler zu erwarten, pflegt der Fachmann eine innige Liebe zu Zahlen. Greift sofort zum Taschenrechner, wenn es darum geht, herauszufinden, wie viel Tonnen Faulschlamm entwässert, wie viel Tonnen Fremdschlamm geliefert werden oder wie viel Regen und Abwasser pro Jahr ins 75 Kilometer lange Kanalisationssystem geflossen ist. Blitzschnell multipliziert, addiert und dividiert Mario Bertschler Kubikmeter, Tonnen, Mililiter und Einwohner. Er ist – drei Wochen vor seinem letzten Arbeitstag –
voll im Element.

 

Stolz auf Spitzenwerte

Zu den prägenden Projekten gehörten für ihn – nebst der Inbetriebnahme des Endausbaus 1998 – die Realisierung der Klärschlammstapelbehälter, die Erstellung der Klärschlamm-Entwässerungsanlage und der Sandwaschanlage, die Sanierung der Schlammbehandlungsanlage und die Umsetzung der Kanalnetzbewirtschaftung. Stolz ist er auch auf die Biologische Phosphateliminierung und auf die so genannte Denitrifikation, die Entnahme des Stickstoffes, welche die ARA Schönau als erste Grossanlage in der Schweiz überhaupt eingeführt hat. Kurz und gut : Bis heute fungiert die ARA Schönau, und das freut den engagierten Wassermann am meisten, punkto Auslaufwerte und Reinigungsleistung an der Spitze, unterbietet die Kantons- und auch Bundesvorgaben locker und braucht bezüglich Wirtschaftlichkeit den Vergleich mit anderen Anlagen nicht zu scheuen. Voll des Lobes ist Mario Bertschler aber auch für den Vorstand und die Delegiertenversammlung, die ihn und seine Ideen immer unterstützten. « Es gab kein Projekt », erinnert er sich, « welches nicht bewilligt wurde » und fügt an, dass dies auch mit den komfortablen finanziellen Umständen, unter denen man agieren konnte, zusammenhänge.

 

Millionen von Franken investiert

 

Maschinenbau, Verfahrenstechnik, Automatisation, Prozessleitung, Onlinemesstechnik – kaum ein Gebiet, mit dem sich Mario Bertschler nicht anfreunden, und bei dem er sein Wissen nicht in die Praxis umsetzen konnte. Bauchweh bereitete ihm seine Arbeit eigentlich nie, es sei denn, ein neues Bauwerk stand kurz vor der Inbetrieb nahme. « Da hatte ich manchmal schlaflose Nächte », räumt Bertschler ein, « und mir war bange, ob wirklich alles so lief, wie wir es uns theoretisch vorgestellt haben. » Haut es, oder haut es nicht ? « Das ist wie im Theater, wenn Premiere ist », vergleicht Bertschler. Die Befürchtung offenbart den Respekt, den Bertschler vor Grossprojekten hat, die man ihm zur Umsetzung anvertraut hat. « Wenn Millionenbeträge bewilligt werden, fühle ich mich als Geschäftsführer in der Pflicht, dass sich die Investition gelohnt hat. »

 

Mehr Sensibilität, bitte!

Und sonst, nie Ärger, 20 Jahre lang ? Das ist doch nicht möglich. « Ja doch, da ist etwas, was man erwähnen könnte », räumt er nach längerem Nachdenken ein. Vermehrt stelle er eine gewisse Ignoranz seitens der Bauherren fest, wenn Strassen, Häuser oder Brücken gebaut würden. « Ich wünsche mir, dass diese die Werkleitungspläne des GVRZ ein bisschen seriöser studieren, bevor sie unter der Erde aktiv werden und sich an Leitungen, Stollen und Schächten zu schaffen machen », sagt Bertscher, und zum ersten Mal vertieft sich eine steile Falte zwischen seinen Augenbrauen. Neulich wieder habe ein Polier auf einer Druckleitung des GVRZ herumgehämmert und diese
beschädigt. Bertschler stellte ihn zur Rede und fragte, was das soll. Er habe nicht gewusst, so der Polier, dass diese noch in Betrieb sei.


Nun muss Mario Bertschler kürzer treten, ob er will oder nicht. « Ich werde das bestimmt noch lernen », meint er zuversichtlich und zählt auf, welche Hobbys er künftig intensiver pflegen werde: Modellbau, Wandern, Velofahren und Golf. Zudem würde er gerne eine längere Reise nach Deutschland machen, Richtung Bayern oder Hamburg. Nicht die Städte, betont er, werden dann freilich im Fokus seiner Erkundungstour stehen, sondern die Flusslandschaften. Ist ja logisch.