Reportagen

 

 

SHOWTIME IM CHAPITEAU!

 

Warum in Zug beim Wort «Grissini» niemand an trockene Salzstangen denkt, sondern an eine vor Energie strotzende Zirkustruppe. Frontbericht aus dem artistischen Epizentrum von einem Fan der ersten Stunde.

 

von Sabine Windlin

 

Die Location, in welcher der Zirkus Grissini im Jahre 2006 seinen ersten Auftritt bestritt, war unscheinbar, leicht versteckt und alles andere als glamourös: ein Garagenunterstand in einem Zuger Wohnquartier. Ein Dutzend Kinder hüpfte auf einem Minitrampolin, schlug Purzelbäume in flauschigen Bärenkostümen und brachte mit Faxen das Publikum zum Lachen. Dieses bestand aus zufällig präsenten Gästen eines Nachbarschaftsfestes, die das Dargebotene bei Wurst und Brot mehr oder weniger aufmerksam mitverfolgten.


Niemand hätte zu diesem Zeitpunkt gedacht, dass aus dieser lustigen Truppe übermütiger Kinder eines Tages ein richtiger Zirkus herauswachsen würde, der in einem ausverkauften Chapiteau auf stattlicher Manege hunderte von Zuschauern begeistern würde. Ausser Barbara Urfer Wyss, welche die Initialzündung für den Grissini gab, der damals noch Zirkus Rütli hiess, wie das Quartier, wo die Kinder auftraten.


Schon als Kind besuchte die 45-jährige Zugerin mit ihren Eltern die Auftritte vom Dimitri, hielt in der Primarschule Vorträge über den Zirkus Knie und trainierte im Garten ihre bunt gescheckten Meerschweinchen. Auf die Idee, einen eigenen Zirkus zu gründen, ist sie gekommen, weil sie als berufstätige Mutter von drei Töchtern wenigstens einen Teil der Freizeit gemeinsam mit den Kindern verbringen wollte. Als ihre Töchter – die jüngste war damals ein Jahr alt – Flyer verteilten und fragten, wer sonst aus dem Freundeskreis noch Lust auf Zirkus hätte, war das Echo allerdings gering. Mit Ach und Krach trommelte man zehn Kinder zusammen.

Mit im Boot war auch die Basler Zirkusfrau Catherine Huggler. Diese brachte – als langjährige Artistin und Trainerin beim Zirkus Robiano und ausgebildete Bewegungspädagogin – genau jenes Know-how mit, das gefragt war. Die beiden Frauen verstanden sich auf Anhieb und ergänzten sich perfekt: Während Urfer sich in erster Linie um die Organisation kümmern konnte, übernahm Huggler das Training, für das sich immer mehr Kinder zu interessieren begannen. Es war die Zeit, in der das Präsidialdepartement der Stadt Zug den Wettbewerb «Wir sind Zug» ausschrieb und die Bevölkerung aufrief, Ideen einzureichen, die den Lebensraum Zug in irgendeiner Form «attraktivieren». Aus einer Mischung aus (falscher) Bescheidenheit und (typisch) weiblicher Zurückhaltung kam es den beiden Frauen zuerst gar nicht in den Sinn, dass auch ihr «Grissini-Projekt» als Wettbewerbsbeitrag in Frage kommen könnte. Nur durch gutes Zureden einer Freundin wurde das Dossier schliesslich kurz vor Ende der Einsendefrist bei der Stadtverwaltung doch noch eingereicht – und gewann prompt den zweiten Platz! Eine Bestätigung für das bisher Erreichte und Motivationsspritze für alles, was noch kommen sollte.


Was die Wettbewerbsjury am Grissini-Projekt besonders beeindruckte, war die unkonventionelle Art, mit der es lanciert und vorangetrieben wurde. Statt viel Zeit in umfangreiche Konzeptarbeit zu stecken und abzuwarten, bis die öffentliche Hand oder Sponsoren das nötige Geld locker machten, schoss die Grissini-Gründerin das nötige Startkapital selber ein und setzte mit Eltern und Trainerinnen intuitiv um, was mit den zur Verfügung stehenden Mittel machbar war. Die Vision, eines Tages den eigenen Zirkus in einem grossen Zelt am See auftreten zu lassen, war zwar von Anfang an präsent, doch der Plan, wie dies erreicht werden könnte, lag nicht im Detail vor. So agierte man aus dem Bauch heraus, setzte spontan um, was die Rahmenbedingungen zuliessen und machte mit Gleichgesinnten möglich, was möglich war.

 

Die Betriebswirtschaft umschreibt Prozesse, die aus eigener Kraft und ohne forcierte Marktbearbeitung wachsen, mit dem Begriff «organisches Wachstum». Im Falle des Grissini heisst dies, dass innert nur acht Jahren eine professionell geführte Organisation entstanden ist mit einer Kerntruppe von 25 Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen 6 und 16 Jahren, die ihr Talent grandios zu nutzen wissen. Struktur der Organisation und Niveau der Artistik haben eine Qualität erreicht, die den Vergleich mit schon länger etablierten Jugendzirkussen nicht zu scheuen braucht. Seit kurzem erfüllt der Grissini auch die Voraussetzungen für eine Mitgliedschaft beim Verband schweizerischer Zirkusschulen (VSZV).

 

Man muss die vor Energie strotzende Artistengruppe allerdings schon live erlebt haben, um eine Ahnung davon zu bekommen, was sie zu bieten hat: Kapriolen an Schwung- und Vertikaltüchern in diversen Kombinationen, spektakuläre Nummern auf Ein- und Hochrädern in immer neuen Formationen, bezaubernde Seiltanznummern quer durch die Manege, schmissige Tanzeinlagen, gewagte Menschenpyramiden und unkonventionelle Akrobatik an Trapezen und Stangen. Da mischen sich mal vorlaute, mal traurige Clowns ins Geschehen, hantieren Jungs mit Petrol und brennenden Fackeln, und es fliegen Bälle, Keulen oder Ringe in alle Himmelsrichtungen durch die Luft. Oft performen die jüngsten Artisten mit langjährigen Mitgliedern der Truppe: So geben «alte Hasen», die als Kleinkinder angefangen haben und mittlerweile zu Teenagern herangewachsen sind, ihr Können an die Kleinen weiter. Teamwork, Hilfsbereitschaft und gegenseitige Rücksichtnahme werden grossgeschrieben; sowohl im Training wie in der Manege. Egotripps haben keinen Platz und widersprechen dem Grissini-Geist, bei dem die Show als Ganzes zählt.


Je nach Disziplin sind Kraft, Körperspannung, Balance, Motorik und Konzentration gefragt. Die Kunst, so Barbara Urfer, bestehe darin, herauszufinden, wo und wie die Kinder für die Show am besten eingesetzt werden können. Das brauche Einfühlungsvermögen, Sachverstand und manchmal auch gutes Zureden. Ein Kind, das wunderbar jonglieren kann, windet sich nicht auch automatisch elegant am elastischen Vertikaltuch; eine Technik, die viel Kraft in Armen, Bauch und Beinen voraussetzt und eine Portion Mut braucht. Umgekehrt bringt ein Jugendlicher, der schwungvoll und beweglich am Trapez turnt, nicht automatisch das schauspielerische Talent mit, die es für eine überzeugende Clown-, Zauber- oder Pantomimennummer braucht. «Ressourcenorientierte Talenteinsetzung» heisst die Strategie. Würde das Ziel allerdings alleine darin bestehen, jede Saison das Niveau der Nummern zu steigern, müssten die Artisten Jahr für Jahr in den gleichen Disziplinen trainieren, was nicht der Fall ist. Im Gegenteil: Wenn es nach Saisonende in eine neue Grissini-Runde geht und die Artistinnen und Artisten sich zum Kick-off-Weekend versammeln, werden sie sogar ermuntert, Unbekanntes auszuprobieren, sich an Neues heranzuwagen.

 

«Gesunder Ehrgeiz» heisst das Stichwort, das im Grissini-Leitbild fett gedruckt ist. Anders als in vielen Sportvereinen, wo vor allem Wettbewerb und Ranglisten im Vordergrund stehen, wo nur die Besten brillieren und im Rampenlicht stehen, man nur Sieg oder Niederlage kennt, ist das Entfaltungspotenzial im Grissin weitaus vielfältiger. Der zwar kleine Zirkus bietet eine grosse Plattform, auf der nicht trotz, sondern wegen viel Freiraum in einer völlig heterogenen Gruppe etwas Besonderes entsteht. Und noch etwas unterscheidet den Grissini von einem stramm geführten, leistungsorientierten und einseitig ausgerichteten Sportclub. Man ist nicht verbissen. «Kinder lernen auch ohne künstlich erzeugten Druck», ist Barbara Urfer überzeugt. «Kinder lernen, weil es ihnen Spass macht!»


Das «Heranzüchten von Stars» ist auch Sara Steiner suspekt. Die 44-jährige Zürcherin mit dem langen Rossschwanz und dem ausdrucksstarken Gesicht leitet seit fünf Jahren das Training und stand selber jahrelang als Artistin und Musikerin in der Manege, unter anderem beim renommierten Broadway Variété. Wer aber glaubt, die erfahrene Trainerin zeige ihren Artisten einfach vor, was diese innert Jahresfrist beherrschen müssen, irrt. «Ich biete Anstösse, gebe technische Tipps, aber Ideen für die Choreografie müssen die Artisten selber liefern», betont sie. Sie wolle herausfinden, wer wo seine Stärken habe, zudem gelte es, generell das Körperbewusstsein zu steigern. Kreativität und Phantasie seien genauso gefragt wie sportlicher Ehrgeiz. Und übrigens: Regelmässig wird der Grissini auch für externe Anlässe gebucht; zwei Auftritte an regionalen Kulturfestivals wurden bereits bestritten, und eine artistische Einlage an einem Ärztekongress im KKL ging ebenfalls glatt über die Bühne.

 

Damit Ende August jeweils ein fixfertiges, bühnenreifes Programm steht, heisst es: üben, üben und üben. Dass die hochmotivierte Truppe ihre Kunststücke nicht mehr wie zu den Anfangszeiten im Garten der Familie Urfer einstudiert, ist klar. Schliesslich hat sich mittlerweile einiges an Equipment angesammelt, und es braucht für viele Nummern eine stabile Decke mit Halterungen und Verstrebungen. Als Trainingslokalitäten dienen darum seit fünf Jahren das Künstlerhaus «Gewürzmühle» im Zuger Herti-Quartier und die Turnhalle des benachbarten Schulhauses.


Die lebhaften Artisten beschlagnahmen die Räumlichkeiten mehrere Stunden pro Woche und reissen mit ihren Kapriolen die ansonsten eher ruhige Künstleroase aus dem Dornröschenschlaf, was mitunter argwöhnisch beäugt wird. Da sausen auf dem holprigen Vorplatz wieder zwei Mädchen mit Rieseneinrädern durch die Gegend, verlieren plötzlich das Gleichgewicht, lassen sich nach vorne fallen und legen laut lachend eine gekonnte Landung hin. Weiter vorne rollen zwei Jungs auf hölzernen Bobinen auf einen Blumentopf zu und rudern mit den Armen, während zwei ihrer Artistenkumpels die Gummikegel ihrer Diabolos rotieren lassen, schwungvoll in die Höhe werfen und prompt wieder auffangen. In der geräumigen Halle manövrieren zwei Artisten auf Streetboards zwischen den gusseisernen Säulen, während ein Grüppchen mit gigantischen Sonnenbrillen einen Slapstick einstudiert. Das Bild vom «Sack voll Flöhe» ist durchaus passend, und sie zu bändigen, so Trainerin Sara, brauche Geduld. Entscheidend sei, dass die Truppe motiviert zum Training erscheine und Verantwortung für die Nummern übernehme.


Eine wichtige Rolle nimmt schliesslich die Musik ein. Doch das war nicht immer so! Während früher die Darbietungen noch mit Musik vom CD-Player begleitet wurden, verfügt der Grissini seit vier Jahren über ein eigenes Zirkusorchester mit höchst versierten Musikern. Die meisten stammen aus Zug und wurden aus der hiesigen Musikschule rekrutiert. Wie immer beim Grissini, zahlte sich auch hier das gute Netzwerk der Verantwortlichen aus, die die Fühler stets nach Leuten ausstreckt, die ebenfalls vom Zirkusvirus befallen und bereit sind, sich auch ohne hohe Gage zu engagieren. Gut drei Monate vor Auftrittsbeginn formiert sich die Kapelle unter der Leitung von Bandleaderin und Komponistin Nora Gassner und beginnt mit den gemeinsamen Proben der Arrangements. Diese nehmen innerhalb der Show eine zentrale Rolle ein und bilden den akustischen Rahmen für das grosse Ganze. Verspielt und sinnlich klingen die an Schlagzeug, Geige, Keyboard und Akkordeon erzeugten Melodien und entführen die Zuschauer in eine Klangwelt, die noch lange nachhallt.

 

Hat da jemand etwas von einer Success Story im Bereich der Start-ups gemurmelt? Der Begriff ist für einen Zirkus total artfremd. Doch Barbara Urfer weiss genau, welche Anspielung jetzt kommt.Sie muss jeweils laut lachen, wenn jemand von den Grissini-Eltern den kühnen Vergleich anstellt: Apple-Gründer Steve Jobs habe seine ersten Rechner in einer Garage gebaut, an einer Strasse namens Crist Drive im kalifornischen Los Altos. Und der Zirkus Grissini bestritt seinen ersten Auftritt in der Garageneinfahrt im Zuger Rütli-Quartier. Was dies uns sagt? Um hoch hinauszukommen, braucht es nicht in erster Linie Kalkül, sondern Lust und Leidenschaft. Im Gegensatz zur Apfelfirma ist der Grissini zwar nicht börsenkotiert, und das Jahresbudget von rund 50 000 Franken lässt sich nicht mit demjenigen des IT-Riesen vergleichen. «Doch funktioniert auch unser Verein mittlerweile wie ein kleines Unternehmen», bestätigt Alexander Wyss, Barbaras Ehemann, der im Vorstand als Finanzchef amtet und dafür sorgt, dass die Buchhaltung stimmt.


Raummiete, Materialkauf, Drucksachen, PR-Massnahmen, Löhne für die engagierten Trainerinnen – dies alles muss irgendwie finanziert werden. Die Elternbeiträge von jährlich 18 000 Franken sind zwar eine wichtige Einnahmequelle und die Publikumseinnahmen aus der Hutkollekte fallen ebenfalls erfreulich aus. Zusätzlich ist der Zirkus aber auf die Zuwendungen der öffentlichen Hand und auf private Sponsoren angewiesen. Würden diese Gelder plötzlich ausbleiben, wären die Kosten für die Trainingsstunden so hoch, dass der Zirkus nur noch für finanzstarke Familien in Frage käme, was nicht nach dem Gusto der Grissini-Leitung wäre. Zudem: Die Mitwirkung der Väter und Mütter hinter der Manege ist Teil des Konzepts und stellt einen Leistungswert dar, der sich nicht in Franken messen lässt. Mit anderen Worten: Ohne Mitarbeit der Eltern würde der Grissini nicht funktionieren. Dies wird von den Verantwortlichen immer wieder betont – aus Dankbarkeit einerseits, als Erklärung andererseits auch dafür, wie aus dem Zirkus eine Art Freundschaftswerk entstanden ist. Die gemeinsame Sache schweisst zusammen.


Wie selbstverständlich schlüpfen Väter und Mütter in ihre Rollen, wenn vor, während und nach den Auftritten ihre Dienste gefragt sind: Sie nähen Kostüme, frisieren Haare, schminken Gesichter, kochen Lunch, bringen Kuchen, machen Werbung und Marketing, organisieren Getränke und Snacks fürs Pausenbuffet, füllen den Kühlwagen auf, stehen als Fotografen und Kameramänner zur Verfügung, schrauben Tribünen zusammen, weisen Plätze an, richten die Scheinwerfer auf die Artisten und so weiter und so fort. Eine Sonderfunktion obliegt Didi Berger, Saras Ehemann, der als «Mädchen für alles Technische» im Einsatz ist. Der langjährige Crewmitarbeiter von «Karl‘s kühne Gassenschau» ist genauso idealistisch unterwegs wie seine Frau, und für den Grissini ein absoluter Glücksfall. Er beherrscht das ganze ABC handwerklicher Herausforderungen, die ein Zirkus einem abverlangt, und ist nur selten ohne Schraubenzieher, Kabelrollen oder Akkubohrer zu sehen.Ist Not am Mann, springt Didi als Saxophonist bei der Zirkusband ein oder bringt die wunderschöne, antike Popcorn-Maschine wieder zum Laufen, die auch schon unverhofft den Geist aufgab, als es zu einem «Kurzen» kam.


Apropos Idealismus: Auch für die Zirkusdirektorin selber ist der Grissini nur ein Nebenschauplatz. Im richtigen Leben ist Barbara Urfer nämlich Mitinhaberin einer Firma mit Sitz in Zürich, die sich im Management von Tourismusprojekten einen Namen gemacht hat. Den Zirkus macht sie nur «en plus»; will heissen: an freien Nachmittagen oder Wochenenden. Wobei es oft schon Mitternacht ist, wenn Powerfrau Urfer am Computer noch Schreibkram erledigt, Mailings verschickt und Sponsoring-Gesuche formuliert. Cheftrainerin Sara Steiner dagegen arbeitet heute ausschliesslich für den Grissini, was vor allem auch mit der Realisierung der eigenen Zirkusschule zu tun hat. Das mittlerweile von über 50 Kindern genutzte Angebot wurde 2012 aus dem Boden gestampft, weil die Warteliste von Kindern, die im Grissini mitmachen wollten, immer länger wurde und es im Gegenzug in der Kerntruppe kaum zu Austritten kam. Um interessierte Kinder nicht jahrelang vertrösten zu müssen, besteht nun die Möglichkeit, die Kurse der Zirkusschule zu belegen. Eine Garantie, später tatsächlich einer der 25 begehrten Artistenplätze in der Kerngruppe zu ergattern, ist der Besuch der Zirkusschule allerdings nicht.


Staunend, fast ehrfürchtig versammeln sich die Grissini-Artisten jeweils bei der grossen Wiese am Yachthafen, wenn im August das blau-gelbe Zirkuszelt aufgerichtet wird. Dann ist die Muskelarbeit der Zirkusväter gefragt. Unter der Anweisung von Zeltmeister Didi werden Pflöcke einschlagen, Stahlmasten und PVC-Blachen montiert, Spanngurten fixiert und Rondellstangen gehisst, bis sich zehn Meter über dem hölzernen Manegeboden die Kuppel aufspannt. Allein der Anblick des markanten Chapiteaus lässt das Lampenfieber ansteigen. Steht das Zelt, dauert es nicht lange und es fährt auch schon der knurrende Traktor samt türkis-weissem Wohnwagen von Sara und Didi vor, die eine Woche vor den Aufführungen ihren Wohnsitz jeweils vom zürcherischen Ottenbach an den See verlagern und in ihrem Zirkuswagen schlafen, essen, leben. Zirkusidylle? Durchaus. Doch aufgepasst! Die schönste und aufregendste Phase der Gauklerbande ist gleichzeitig auch die intensivste. Denn fünf Tage vor den Aufführungen proben die Artisten während ihren Sommerferien mit ihren Trainerinnen und Trainern jeden Tag, verleihen ihren Nummern den letzten Schliff und – ganz wichtig – stimmen diese mit der Musik der Kapelle ab.


Barbara, Sara, Lea und Didi sind in dieser Augustwoche jeweils grausam im Schuss. Fehlen da plötzlich zwei Kostüme am Garderobenständer? Und wieso ist die Luftpumpe für die Einräder wie vom Erdboden verschluckt? Sind wir genug Leute für den Aufbau der Zuschauertribüne? Muss die Schmink- und Frisierecke wegen Schlechtwetter ins Bürgerasyl verlagert werden oder findet das Ganze unter freiem Himmel statt? Können Material- und Getränkewagen beim Seiteneingang parkiert werden? Und bitte nicht vergessen: Der Saum des roten Samtvorhangs muss noch um zehn Zentimeter gekürzt werden! Zirkus ist dann auch ein wenig Chaos, gleichzeitig tickt der Countdown und schon bald heisst es: Vorhang auf, Scheinwerfer an, Manege frei! Nina, Zora, Till, Laura, Allegra, Tobias, Gianna, Jennifer, Lars, Giada, Jann, Lucy, Delia, Elin, Jakob, Alexandra, Meret, Hannah, Nuria, Ronja, Charlotte, Lara und Lea – wir drücken euch die Daumen, und vergesst nicht, wenn etwas schief läuft: Nicht aufgeben, einfach noch einmal probieren, und immer ein fröhliches Artistenlächeln im Gesicht beim Verbeugen vor dem begeisterten Publikum.


Schauplatz Yachthafen – Freitag, 15. August 2014, kurz vor 15 Uhr. Der Startschuss für die Premiere fällt in einer guten halben Stunde. Von allen Seiten visieren die Besucher das Zirkuszelt an, bleiben schliesslich stehen und bilden zwei Menschenschlangen, die immer länger werden. Obgleich das geschlossene Zirkuszelt den Zutritt noch verwehrt, ist der Andrang überwältigend. Doch passen die Leute überhaupt alle ins Zelt? Der Notausgang darf nicht verstellt werden. Die Zirkusbar läuft auf Hochtouren, Musik dringt aus den Lautsprechern. Hinter den Kulissen steigt die Spannung, es gibt letzte Instruktionen, feuchte Hände, klopfende Herzen. Dann endlich wird Einlass gewährt: «Hereinspaziert, hereinspaziert!» (50 Leute müssen auf die Abendvorstellung vertröstet werden.) Das Zirkusorchester eröffnet mit einem schmissigen Song die Performance, und los geht es mit einer 90-minütigen Artistenshow, die verzaubert, beflügelt und restlos begeistert.


Der frenetische Schlussapplaus spricht für sich; die Bilanz nach vier ausverkauften Vorstellungen und der Zuschauerrekord mit über 1000 Eintritten ebenso. Kein Mensch kann erwarten, dass diese wunderbaren 25 jungen Artisten den Namen ihres Zirkus mit trockenen Salzstangen in Verbindung bringen. Grissini steht als Synonym für einen Traum, der wahr wurde.