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AKADEMISCHE KOPFARBEIT IM SOCKEL

 

Still studieren oder in Gruppen arbeiten – die neue Studienbibliothek im Sockelgeschoss entspricht den Lernmethoden der heutigen Studentenschaft und stellt ihr 100 Plätze zur Verfügung.

 

von Sabine Windlin

 

Dass Heinz Morf, 59, die heutigen Bedürfnisse von Studierenden bestens kennt, hängt auch mit seinen Kindern zusammen. Sein Sohn schreibt gerade an der Dissertation in Naturwissenschaft, seine Tochter ist gegenwärtig mit ihrer Masterarbeit in Geisteswissenschaft beschäftigt. «Was gesucht ist, sind Arbeitplätze fern von den Ablenkungen in den eigenen vier Wänden: eine ruhige, motivierende Umgebung, wo man auf andere anderen Leidensgenossen trifft.» Der langjährige Chef der Stadt- und Kantonsbibliothek ist darum von der Investition in die neue Studienbibliothek im Sockelgeschoss des alten Zeughauses voll und ganz überzeugt und kann es – der Euphorie im Gespräch nach zu schliessen – kaum erwarten, bis der neue Betrieb im alten Gemäuer startet.

 

Jährlich rund 20'000 Studierende sollen das frisch renovierte Sockelgeschoss nutzen, das sich architektonisch ganz an den klassischen Lesesälen der Universitätsbibliotheken um 1900 orientiert. Doch während in früheren Zeiten Studieren mit stillem, solitärem Denken gleichgesetzt wurde, hat sich im Lauf der letzten 25 Jahre die Lernmethodik stark verändert. Man arbeite, so Morf, vermehrt in Gruppen, tausche sich aus, ziehe sich wieder zurück. Diesen Ansprüchen trägt nun das Raumprogramm der neuen Studienbibliothek vollends Rechnung: Sie bietet 74  Einzelarbeitsplätze im Sockel- und Zwischengeschoss und stellt zwei verglaste Parlatorien (auf der U-förmigen Galerie) sowie fünf Gruppenräume (direkt unter der Galerie) zur Verfügung.

 

Für das Bibliothekspersonal (Aufsicht / Sekretariat) sind zwei Arbeitsplätze eingerichtet, für die Studierenden stehen ausserdem eine Garderobe und ein Pausenraum mit Getränkeautomat im Sockelgeschoss bereit. Während die Zonen über und unter der Galerie über eine Raumhöhe von lediglich 2,2 Meter verfügen, weist das Zentrum des Lesesaals eine Höhe von fast fünf Metern auf, was der Originalgrösse der frei sichtbaren Gusssäulen entspricht.  Links und rechts vom Aufsichtsposten führt je eine Treppe zur Galerie, die als eigenständige, verkleidete Stahlkonstruktion in den Grossraum integriert ist. Da sämtliche fünf Tore verglast sind, bietet sich vom Innern her einen attraktiven Ausblick in den geplanten Stadtgarten.

 

Wie alle Beteiligten, zeigt man auch seitens der Bibliothek erfreut und überrascht über das Tempo, mit der dieses Projekt realisiert wurde. «Als ich im April 2009  den Verantwortlichen von Stadt und Kanton meine Idee einer Studienbibliothek im Sockelgeschoss vorstellen durfte, stellte ich mich auf einen langen Kampf ein», erinnert sich Morf, «doch zu meinen Erstaunen waren alle Zuständigen von der Idee überzeugt.» Komplikationslos verliefen sodann auch die Abstimmungen im städtischen und kantonalen Parlament, was auf viel Verständnis und Goodwill für die im Kanton Zug wohnhaften Studierenden schliessen lässt. Am 26. Januar 2010 stimmte der Grosse Gemeinderat der Stadt Zug dem Projekt zu, am 25. März 2010 der Kantonsrat – beide ohne eine einzige Gegenstimme. Für die Planungs- und Baukosten der Studienbibliothek im Umfang von 4,44 Millionen Franken kamen Stadt und Kanton je zur Hälfte auf. Der Kanton trägt jedoch den Anteil für den Grundausbau von 1,85 Millionen Franken für das Sockelgeschoss alleine.

 

Die Beherbergung von Studienbibliothek und Obergericht in ein und demselben Haus, bot sich aus Sicht des Parlaments auch deshalb an, weil es sich dabei um zwei nicht gänzlich «artfremde» Institutionen handelt und Studierende sicher eine eher ruhige und unproblematische Klientel sind. Eine Kundschaft freilich auch, die sich im Laufe der Jahre stark veränderte. Während der klassische Lesesaal-Besucher früher entweder ein angehender Historiker, Theologe oder Jurist war, wurde das Publikum im Laufe der Jahre heterogener. Dazu gehört die 22-jährige Studentin der Pädagogischen Fachhochschule genauso, wie der Teenager von der Mittelschule, der sich auf die Matura vorbereiten will oder der Familienvater, der ein Nachdiplomstudium absolviert und vor lärmenden Kleinkindern zu Hause flieht.

 

Im Zuge der Bologna-Reform kam es im Haus an der St. Oswaldsgasse zu immer dichteren Besucherströmen. Vor den offiziellen universitären Prüfungsterminen (Dezember/Januar und Mai/Juni) war der Zulauf besonders gross oder die wenigen Plätze  im Lesesaal und Studienbereich waren hart umkämpft. «Die lernende Gesellschaft manifestiert sich bei uns eins zu eins», bilanziert Morf. Ein Anrecht auf einen Platz gab es bis anhin nicht und wird es auch in der neuen Studienbibliothek nicht geben. Anderseits verzichtet die Bibliotheksleitung darauf, zu kontrollieren, ob jemand wirklich an einer Hochschule oder Universität immatrikuliert ist. Platzreservationen sind nicht möglich, und das Liegenlassen von  Bücherstapeln zwecks Platzsicherung – wie dies einige Schlaumeier in früheren Zeiten machten - wird künftig nicht mehr toleriert.

 

Die Realisierung der neuen Studienbibliothek bot Anlass, die IT-Möglichkeiten für die Studierenden auf ein zeitgemässes Niveau zu bringen. Ein WLAN-Netz ermöglicht jederzeit den Zugriff auf Informationen und Dokumente, die von den Universitäten über Internet zur Verfügung gestellt werden. Ähnlich wie in Hotels, erhält der Nutzer einen Zugangscode und muss bekannt geben, wie lange er im Netz zu verweilen gedenkt. Die ganze Technik zeichnet sich durch eine hohe Flexibilität aus, die es erlauben wird, dank einem eingezogenen Doppelboden auch mit den noch kommenden technischen Erneuerungen Schritt zu halten. Da es im Bereich Nachschlagewerke und Handbücher – wegen hoher Druckkosten und zeitlicher Verzögerung - immer mehr Richtung Digitalisierung geht, müssen nun für den Umzug nur gerade rund 4400 Bücher gezügelt werden. Dabei handelt es sich in erster Linie um Lexika, die 270 Laufmeter Gestellfläche in Anspruch nehmen werden. Der Lesesaal wird zudem mit einem soliden juristischen Bestand bestückt sein, womit Synergien mit dem Obergericht geschaffen werden.

 

Mit der Realisierung der neuen Studienbibliothek im Zeughaus werden in der «alten» Bibliothek im Kornhaus fast 500 Quadratmeter frei; Quadratmeter, welche die äusserst beliebte und stark frequentierte Freihandbibliothek bestens gebrauchen kann.  Mit knapp 750’00 Ausleihen im Jahre 2010 (6% mehr als im Vorjahr) stellte sich dort nämlich ein neuer Rekord ein. Dem Wunsch nach früheren Öffnungszeiten kann allerdings auch am neuen Ort nicht entsprochen werden, da dies mehr Personal bedingt hätte. Geöffnet sein wird die Studienbibliothek darum durchgehend von 9 Uhr bis 19 Uhr bzw. 16 Uhr (an Samstagen). Es gilt das alte Motto: «first come, first served.»