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UMBAU MIT KNACKNüSSEN

 

Das Solothurner Büro «Graf Stampfli Jenni» schreibt die Geschichte des alten Zeughauses mit einer neuen architektonischen Handschrift auf eine selbstverständliche Art und Weise weiter.

 

von Sabine Windlin

 

Medias in Res  - das Kennwort des Siegerprojekts des Solothurner Büros «Graf Stampfli Jenni» ist bewusst gewählt. Die lateinische Phrase bedeutet wörtlich «mitten in die Dinge» und nimmt ursprünglich Bezug auf den Erzählstil des griechischen Dichters Homer, der es versteht, die Zuhörer ohne Umschweife in die Handlung einzuführen. Heute wird «medias in res» vorab dann verwendet, wenn jemand eine Sache zügig anzugehen weiss  und «unmittelbar zur Sache kommt». Dies, so Benedikt Graf, sei auch charakteristisch für das  architektonische Konzept des neuen Zuger Obergerichts. «Wir haben auf Grund des Raumprogramms das nahe Liegende umgesetzt.»

 

Was nicht heisst, dass sich das Solothurner Team vorgängig nicht sorgfältig mit dem bestehenden Bau auseinandergesetzt hätte. Im Gegenteil: «Um einen Altbau zu sanieren, muss man ihn zuerst verstehen», erläutert Graf im Gespräch. Deshalb hätten er und seine Leute versucht, «die Geschichte des alten Zeughauses richtig zu lesen, und diese Geschichte dann architektonisch weiterzuschreiben.» Ausgehend vom behutsamen Umgang mit der vorhandenen Bausubstanz und einer angemessenen Zurückhaltung bei neuen Eingriffen verändert «medias in res» nämlich nur das Nötigste. Das Raumprogramm wirkt zwanglos und – ihm Nachhinein – fast so, als wäre gar nichts anderes in Frage gekommen. Für die Lösung der Aufgabe stand ein genehmigter Kredit von 13,55 Millionen Franken zur Verfügung.

 

Der Gerichtssaal wird, seiner zentralen Bedeutung entsprechend, in die Mitte des Dachgeschosses integriert, als eigenständiges Element sichtbar gemacht und mittels eines umlaufenden, von aussen kaum sichtbaren Oblichtbandes natürlich belichtet. Die elegante, interne Wendeltreppe verbindet Erd-, Ober- und Dachgeschoss und ersetzt den nachträglich eingebauten, unattraktiven Warenlift. Die Büros des Gerichts ordnen sich auf dem Erd- und Obergeschoss ringförmig um die freigestellte, historische Tragstruktur mit den acht Gusseisenstützen, die dem Inneren des Hauses ein wichtiges Element aus der Vergangenheit zurückgeben. Die auf drei Seiten umlaufende Galerie der Studienbibliothek im Sockelgeschoss und die verglasten seitlichen Parlatorien sorgen dafür, dass den Nutzerinnen und Nutzern der Studienbibliothek genügend Raum zur Verfügung steht und der gesamte ehemalige Lagerraum dennoch als Einheit erlebbar wird. Zudem ist das Haus nach der Renovation zweifach erschlossen: die Studienbibliothek erhält westseitig einen eigenen Eingang vom Vorplatz her, der Eingang zum Obergericht erfolgt ostseitig bei der Kirchenstrasse. Flexibilität garantieren die allesamt nicht tragenden Wände, die die einzelnen Büros voneinander trennen.

 

Obwohl «prima vista unspektakulär», so urteilte auch die Jury, entwickele das Projekt bei vertiefter Betrachtung zahlreiche wohlbedachte Qualitäten, und zwar in konzeptioneller, gestalterischer, technischer wie wirtschaftlicher Hinsicht. Deshalb ging das Projekt – nach einem öffentlich ausgeschriebenen Präqualifikationsverfahren und einem anschliessend anonym durchgeführten Wettbewerb - als klarer Sieger hervor. Das heisst: Das Solothurner Büro hat sich in einer ersten Stufe gemeinsam mit fünf anderen Teams zuerst gegen insgesamt 22 Bewerber durchgesetzt, und anschliessend auch die zweite Hürde genommen. «Die Wettbewerbsaufgabe», erinnert sich Andreas Jenni, «war gut auf das Profil unseres Büros zugeschnitten.» Das Büro verfügt über die notwenige Fachkompetenz und Erfahrung bezüglich Planung und Umbau bzw. Sanierung denkmalgeschützter Bauten: So zeichnete  es bereits für die Gesamtsanierung des Bernerhofes, dem Sitz des eidgenössischen Finanzdepartements, verantwortlich und realisierte den Umbau an der Inselgasse 1, wo sich das Department des Innern befindet. Da wie dort lag die grösste Herausforderung darin, die denkmalpflegerischen Aspekte, die auf Erhaltung abzielen, mit den neuen Nutzungsanforderungen, den sicherheitsspezifischen und haustechnischen Wünschen, die nach Modernisierung rufen, unter einen Hut zu bringen.

 

Das Motto «zur Sache kommen» war insofern fast zwingend, als das Bauvorhaben, für welches bereits bei der Projektierung ein verbindlicher Kostenrahmen galt, innert kurzer Zeit umgesetzt werden musste. Zwischen Ausgang Wettbewerb (Juni 2009) und Bezug des Baus (August 2011) lagen nur gut zwei Jahre. «So etwas haben wir bei vergleichbaren Bauvolumen noch selten erlebt.», betont Graf und räumt ein, dass er dies aber letztlich als positive Erfahrung abbuchen konnte. «Der Planungs- und Bauprozess hat dadurch an Dynamik gewonnen. Der Bauherr wusste was er wollte, und uns war klar, was wir zu tun hatten.» Sowieso habe sich die Zusammenarbeit mit dem Hochbauamt sehr erfreulich gestaltet. «Der Kontakt mit der Amtsleitung, aber auch mit Baudirektor persönlich, ist direkt, professionell und unkompliziert.» Alle Beteiligten, das darf man wohl sagen,  haben eine sportliche Leistung hingelegt.

 

Sowohl seitens des Hochbauamts wie auch seitens des Architekturbüros handelt waren personell eingespielte Teams am Werk, die vom System der Generalplanung überzeugt sind, wonach die Verantwortung für Projektierung und Ausführung bei ein und derselben Firma liegen und Hand in Hand vorangetrieben wird. Für die Solothurner bedeutete dies, dass sie für den reibungslosen Einsatz der von ihnen ausgewählten Spezialisten  (Bauingenieure, Tragwerksplaner, Elektroplaner, Bauphysiker, Heizungs-, Lüftungs- Klima- und Sicherheitsspezialisten)verantwortlich waren.

 

Ein wesentlicher Knackpunkt des Projekts lag bei der Planung und dem Einbau der gesamten Haustechnik inklusive kontrollierter Lüftung. «Die geforderte Haustechnik in diesem Haus ist enorm, aber eigentlich hatten wir fast keinen Platz, um die vielen Leitungen zu legen» erinnert sich Andreas Jenni und spricht von einem «täglichen Ringen um Zentimeter.» Bei einem Neubau könne man für die Lüftung einfach genügend Hohldecke einplanen und  das Geschoss entsprechend höher machen. Bei einem historischen Bau hingegen sei die Höhe der Geschosse schon gegeben und müsse respektiert werden. Für den Bereich Studienbibliothek haben die Planer, nachdem der bestehende Boden leicht abgesenkt wurde, einen Doppelboden eingebaut, um auf diese Weise Platz für die Installationen zu schaffen. Alle anderen Lüftungen aber laufen im Deckenbereich der Büros. Als richtig hat sich auch im Nachhinein der Verzicht auf zusätzliche Unterkellerung erwiesen. Einerseits wäre sie einem massiven Eingriff in die Bausubstanz gleichgekommen. Zudem wirkte sicht der Verzicht positiv auf die Gesamtbaukosten aus.

 

Eine weitere grosse Herausforderung lag bei der Einhaltung der in Zug bekanntermassen überdurchschnittlich rigiden Vorschriften im Bereich Brandschutz sowie bei der Umsetzung des  Minergiestandards, die den Einsatz einer Erdsondenwärmepumpe bedingte. Als die Bauarbeiter versuchten, mit dem konventionellen Verfahren die acht Sonden dafür in den Untergrund zu bohren, ging es nach cirka 120 Metern plötzlich nicht mehr weiter. Eine Ausdehnung des Radius kam nicht in Frage, da sonst das Risiko bestand, die unterirdische Zivilschutzanlage zu tangieren. Am Ende mussten die Bauarbeiter das so genannte Spühlbohrverfahren anwenden, eine Technik, die nur von ganz wenigen Firmen in der Schweiz beherrscht wird. «Da kamen wir schon ein bisschen ins Schwitzen», räumt Andreas Jenni ein. In seine Erleichterung darüber, dass das delikate und diffizile Unterfangen geglückt ist, mischt sich Freude, das gesamte Bauvorhaben vom Anfang bis zum Schluss realisiert zu haben.

 

Der Projektname «Medias in res» erweist sich im Nachhinein somit nicht nur als geistvolle Titelei, sondern bewahrheitet sich auch bei der Umsetzung des Bauvorhabens.