Archiv

 

 

AUS VOLLER KEHLE NOSTALGISCH

 

Im Nostalgiechor schwelgen die Sängerinnen singend in alten Zeiten und üben sich mit Hut und Robe im hohen €žC€œ. Die musikalische Reise führt zurück in die Belle Epoque.

 

von Sabine Windlin

 

„Stopp“, Schwester Priska, 72, hält inne. „So nicht.“ Schon wieder hat die dirigierende Klosterfrau nach der ersten Strophe von “Tulpen aus Amsterdam“ ein lautes und unschönes Luftschnappen vernommen. „Das klingt“, moniert Schwester Priska, „ als wenn jemand am Ertrinken wäre.  Das Ganze also bitte nochmals von vorn.“


Recht so. Nur weil die 25 Sängerinnen des Zuger Nostalgiechors  bereits im „golden age“ sind, heisst dies noch lange nicht, dass die Dirigentin weniger fordernd ist. Jeden zweiten Dienstag im Monat trifft sich der Chor im reformierten Kirchenzentrum an der Bundesstrasse 15 in Zug  zur Singprobe. Wie so oft, gibt es zuerst administrative und planerische Belange zu besprechen: Kann die Anfrage bezüglich Auftritt für einen 80. Geburtstag in Walchwil angenommen werden? Wenn ja, wer ist am 14. Juli da? Ergeben die Anzahl Sopran- und Altstimmen das gewünschte Klangvolumen? Ist eine Pianistin für die musikalische Begleitung verfügbar? Muss im Vorfeld eine Extraprobe angesetzt werden, und wenn ja, soll diese im Kloster Heiligkreuz, wo Schwester Priska zu Hause ist, stattfinden?


Lisbeth Knüsel, 73, Präsidentin des Chors, ist im Element. In prägnantem Bündnerdialekt geht sie Punkt für Punkt durch und gibt anschliessend das Wort an Schwester Priska zurück. Diese ist mit der zweiten Version von „Tulpen aus Amsterdam“ deutlich zufriedener, lobt das um einiges diskreter ausgefallene Luftholen und gibt während der einstündigen Probe einen Einblick in das vielfältige, rund 45 Lieder umfassende Repertoire. Es besteht aus Liedern der alten Wienerzeit, aus Sequenzen bekannter Operetten und aus Evergreens der 1920-er und 1930-er Jahre.


„Ich tanze mit Dir in den Himmel“, klingt es freudig, „Am Himmel stoht es Stärnli Znacht“, „Das gibt’s nur einmal“  oder „Sag beim Abschied leise Servus“. Der Körper wiegt mitunter langsam mit. Die Lieder sprechen die Seele an, berühren das Herz der versammelten Damen und entlocken ihnen ein Lächeln, wenn sie Robert Stolz‘ Klassiker singen: „Im Prater blühn wieder die Bäume.“ Das Auswendiglernen von strophenreichen Liedern ist anspruchsvoll und fällt nicht allen Sängerinnen einfach. So sind durch das gemeinsame Singen automatisch auch die Hirnzellen gefordert. 


1975 von Lilli Goldmann und Eva Feld gegründet und bis vor kurzem bei der Pro Senectute angesiedelt, befindet sich der Nostalgiechor seit 2011 unter dem Dach des ZKF. Eingebettet in die traditionelle Frauenorganisation, fühlen sich die Mitglieder des Chors, die zwischen 63 und 80 Jahre alt sind, ganz  wohl.  Denn einerseits agiert man unabhängig, kann aber bei Bedarf auf das wertvolle Kontaktnetz des ZKF zurückgreifen. Wer Freude am Singen hat, den heissen die Chormitglieder jederzeit herzlich  willkommen. Der Mitgliederbeitrag beträgt nur 100 Franken.
Steht ein Auftritt an einer privaten Feier, in einem Alters- oder Pflegeheim an, verwandeln sich die Frauen in schicke Dame, ziehen ihre nostalgischen Roben samt passender Kopfbedeckung an und wedeln sich mit einem Fächer vornehm etwas Luft zu. „Wenn ich diese Kleider trage“, erzählt Anna-Rös Planzer, 71, „mache ich eine Reise in die Belle Epoque“. Genauso ergeht es den Zuhörern. Unabhängig davon, ob sie der Darbietung im Sofa oder im Rollstuhl sitzend lauschen, ob sie geistig präsent sind oder gesundheitlich geschwächt. „Wenn wir singen, beginnen die Augen der Anwesenden plötzlich leuchten“, freut sich Anna-Rös Planzer.


In Schwester Priska, langjährige Musiklehrerin im Lehrerinnenseminar Heiligkreuz, hat der Chor eine engagierte Dirigentin gefunden. „Sie musste sich allerdings ein bisschen auf uns einstellen“, räumt Lisbeth Knüsel ein. „Denn wir sind ja keine Seminaristinnen, die nach Lehrplan unterrichtet werden müssen, sondern Frauen, die aus pure Freude singen.“ Interventionen sind dennoch nötig. In „Das gibt’s nur einmal“ muss Schwester Priska den Sopran bitten, sich in den hohen Tönen nicht zu stark zu exponieren, vor allem nicht beim hohen „F“. Als die Dirigentin den Frauen vorschlägt, im Hinblick auf den nächsten Auftritt doch jeweils auch während des Geschirrspülens zu singen, brechen diese aber in schallendes Gelächter aus: „Schwester Priska, willkommen im Jahre 2012! Wir alle haben zu Hause eine Abwaschmaschine.“ Wie dem auch sei: Für heute ist genug gesungen! Wer Lust hat, kehrt jetzt in die Cafeteria des Altersheims Neustadt ein, wo sich der Chor zum Café mit ehemaligen Sängerinnen trifft.


Unlängst  hat der Nostalgiechor sämtlichen Alters- und Pflegeheime in der Region Zug/Schwyz einen Brief geschickt und sich darin für Auftritte empfohlen. Die Rückmeldungen waren ausnahmslos positiv. Es darf also weiterhin in alten Zeiten geschwelgt und aus voller Kehle gesungen werden: „So ein Tag, so wunderschön wie heute!“