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«ABENTEUER EHRENAMT»

 

Esther Lötscher-Eisenring ist stolz auf die 5000 Frauen, die unter dem Dach des ZKF organisiert sind und in den Gemeinden Grosses leisten. Zum 100. Geburtstag hat sie einen Wunsch.

 

von Sabine Windlin

 

Die Wahrscheinlichkeit, in Zug ein durchgestyltes, schick möbliertes Büro mit grosszügigem Grundriss zu betreten, ist derart hoch, dass man irritiert ist, wenn es anders kommt. Das Büro an der Alpenstrasse 13 im 3. Stock ist ein Büro, das aus dem Rahmen fällt. Es besteht aus drei Zimmern, einem Archivraum, einer kleinen Teeküche und einem bescheidenen WC mit farbigen Wänden und altmodischen Armaturen. Eine gut bewirtschaftete Pinnwand gibt Auskunft über aktuelle Veranstaltungen. Ein bunter Mix aus Spannteppich und Laminat, älteren Möbeln und Einbauschränken verströmen den Charme einer gemütlichen Studenten-WG. Doch hier befindet  sich seit 13 Jahren das „head Office“ des Zuger Kantonalen Frauenbunds (ZKF). Esther Lötscher-Eisenring führt gut gelaunt durch die Zimmer und erwähnt, dass eine Sanierung der älteren, zentral gelegenen Liegenschaft  anstehe und der ZKF sowie dessen Beratungsstelle Mitte 2013 ausziehen müsse.  „Etwas Vergleichbares zu finden, ist zwar nicht einfach“, meint die Präsidentin, „doch ich bin zuversichtlich, dass sich etwas ergeben wird.“

 

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Esther Lötscher, Sie sind Hausfrau, Mutter von zwei Teenagern, und arbeiten als Buchhalterin bei der Kirchgemeinde Neuheim. Bleibt da noch Kapazität für das Präsidium des ZKF?

Ja, sonst hätte ich vor gut drei Jahren nicht zugesagt. Ursprünglich sollte ich 2007 eigentlich „nur“ Vorstandsmitglied werden. Da die damalige Präsidentin aber zurückgetreten ist, ohne dass eine Nachfolgerin gewählt werden konnte, war ich von Beginn weg Mitglied des Leitungsteams. Im Jahre 2009 wurde ich dann offiziell zur Präsidentin gewählt. Bezüglich Zeitmanagement ergeht es mir wie den meisten Frauen, die sich innerhalb des ZKF engagieren: Es muss auch einmal etwas liegenbleiben. Bei mir ist das der Haushalt, der manchmal zu kurz kommt. Doch zum Glück habe ich eine tolerante Familie, die mithilft und es auch akzeptieren kann, wenn nicht alles perfekt ist.

 

Sind Sie als Präsidentin für  Organisation, Koordination und Strategie zuständig. Pflegen Sie auch den Kontakt zur Basis? 

Ja, sehr stark sogar. Durch den engen Austausch mit den 14 Frauengemeinschaften, die in den Gemeinden aktiv sind, ergibt sich dies automatisch und fällt  aufgrund der kleinen Kantonsgrösse auch einfach.  Wenn zudem innerhalb eines ZKF- Ressorts ein Engpass besteht, helfe ich als Springerin aus und bin ganz konkret in Projekten und bei Veranstaltungen eingebunden. Gleichzeitig repräsentiere  ich den ZKF nach aussen. Das heisst: Ich bin in diversen Gremien vertreten, wie etwa im Forum der Zuger Frauenzentrale, in der Interessengemeinschaft „Nonprofit Organisationen Soziales“ oder in der „Frauenbildung Zug“, die der ZKF mitgegründet hat. In den Bereichen, in denen Leistungsvereinbarungen bestehen, bin ich gemeinsam mit der Stellenleiterin Verhandlungspartnerin für den Kanton oder die Gemeinden.

 

Wenn man das Organigramm des ZKF studiert, staunt man, wo der Verein überall aktiv ist: Er bietet Beratungen und Coaching an, organisiert  Hilfsaktionen und Freizeitkurse, Podiumsanlässe und Seniorentage. Wie kam der ZKF zu diesem Mix?

Viele Bereiche, in denen der ZKF heute aktiv ist, sind historisch gewachsen. Unser Tätigkeitsfeld hat sich im Laufe der letzten hundert Jahren entwickelt. Doch unsere Kernaufgabe ist die Betreuung der Frauengemeinschaften, die der ZKF unter seinem Dach vereint und deren Vertreterinnen sich regelmässig treffen. Diese Frauengemeinschaften agieren als Vereine unabhängig, stellen ihr eigenes Programm auf die Beine und mobilisieren Familien, Jugendliche und Senioren für die unterschiedlichsten Aktivitäten vor Ort: von der Spielwarenbörse, über den Blumensteckkurs und Jassnachmittag bis zum Berggottesdienst. Dabei profitieren sie vom Netzwerk des Kantonalverbands. Und umgekehrt profitiert der ZKF von der lokalen Verankerung der Frauengemeinschaften.  Überdies bietet der ZKF den Frauengemeinschaften Weiterbildungskurse an und unterstützt diese in rechtlichen und personellen Fragen. Einen hohen  Stellenwert hat auch der interne Weiterbildungstag. Dieser richtet sich jeweils nach dem Impulsthema aus, welches der Schweizerische Katholische Frauenbund (SKF) festlegt.

 

Sie selber treten selten öffentlich in Erscheinung und wirken – wie viele Frauen des ZKF  - im Stillen. Würde es der Sache nicht dienen, wenn die Stimme des ZKF manchmal etwas lauter wäre?

Das mag für gewisse Belange – wie etwa die Spendenaktion Weihnachtsbriefkasten – zutreffen. Hier sind wir darum bemüht, in den Medien präsent zu sein. Denn die Publizität hilft uns, Spenden zu generieren. Ansonsten gibt es für uns keinen Grund, einfach laut zu sein. Eine Meinung zu gesellschaftlich relevanten Fragen haben wir aber trotzdem, und wir scheuen uns nicht, diese zu sagen, etwa im Rahmen von Vernehmlassungen, zu denen wir eingeladen werden.

 

Der ZKF ist auch im Kurs- und Vortragswesen engagiert. Doch gerade hier ist die  Konkurrenz sehr gross. Findet der ZKF genügend Publikum für seine Veranstaltungen?

Das Angebot ist tatsächlich sehr gross und teilweise gesättigt. Hier kämpft der ZKF mit den gleichen Problemen wie andere  Anbieter von öffentlichen Veranstaltungen. Selbst wenn das Publikum zahlreich an eine ZKF-Veranstaltung strömt, ist vielen Zuschauern oft gar nicht bewusst, dass wir der Veranstalter sind. Die Verbindung zum ZKF wird nicht gemacht. Das möchten wir in Zukunft ändern. Die Marke ZKF muss auch in den Köpfen von jungen Zugerinnen  bekannter werden. Auffallend ist der Unterschied zwischen Stadt und Land. In ländlichen Gemeinden ist es manchmal fast einfacher, etwas auf die Beine zu stellen, weil die Konkurrenz geringer  ist und die Netzwerke im Kleinen oft besser spielen.

 

Wie muss man sich eigentlich die typische Frauenbund-Frau vorstellen? Sozial engagiert, bürgerlich gesinnt und im christlichen Glauben verankert?

Diese Adjektive treffen sicher auf viele unserer Frauen zu. Ich glaube auch, dass sich innerhalb des ZKF ein bestimmter „Schlag“ Frauen zusammenfindet. Man kann das gar nicht so einfach beschreiben. Es ist eher ein Gefühl, das ich empfinde, wenn ich mich innerhalb dieser „Frauenbande“ bewege. Egal, ob ich bei den Frauengemeinschaften in Cham, Rotkreuz oder Walchwil zu Besuch bin oder an einer Veranstaltung des SKF in Luzern teilnehme: Das Bauchgefühlt stimmt. Man fühlt sich automatisch dazugehörig und spricht die gleiche Sprache. Diese  Verständigung ist für unser Wirken wichtig. Wenn zum Beispiel eine Zuger Frauengemeinschaft ein Problem hat, kann sie beim ZKF anklopfen. Wenn der ZKF eine Frage hat, kann er sich an den Dachverband SKF oder an einen anderen Kantonalverband wenden.

 

Wie ist das Verhältnis zum 1912 gegründeten,  in Luzern domizilierten Dachverband, dem 19 Kantonalverbände angeschlossen sind?

Die Verbindung zum SKF ist eng, und ich schätze das Engagement der SKF-Frauensehr. Wir treffen uns nicht nur an der Delegiertenversammlung, sondern auch an der Fachtagung , der Herbstkonferenz und anlässlich der Impulstage. Die Weiterbildungskurse, die der SKF anbietet, werden zudem vom ZKF rege benutzt.

 

Der SKF nimmt regelmässig zu politischen Sachfragen Stellung, etwa im Bereich der Asyl- oder Familienpolitik, und hat auch dadurch einen hohen  Bekanntheitsgrad. Interessiert sich der ZKF nicht für Politik?

Unsere Frauen interessieren sich in unterschiedlichem Ausmass für politische Themen.  Der SKF wird vom Bund offiziell zu Vernehmlassungen eingeladen und nimmt daran nach bestem Wissen und Gewissen teil. Dabei kommt der Sache zu Gute, dass seine Vorstandsmitglieder aus unterschiedlichen Kantonen stammen. Nicht immer deckt sich allerdings die Meinung des ZKF mit derjenigen des SKF. Wir lassen aber Differenzen bewusst auch mal stehen. Denn ich bin überzeugt: Wenn wir uns in politischen Fragen verlieren oder gar zerstreiten, schadet dies sowohl dem Dach- als auch dem Kantonalverband.

 

Innerhalb des ZKF wird oft das Loblied auf die  Ehrenamtlichkeit gesungen. Gratis zu arbeiten ist zwar verdienstvoll, aber Hand aufs Herz: Wird das  Engagement des ZKF genügend gewürdigt?

Ich erlebe das ganz unterschiedlich, und dies gilt wohl auch für andere Frauen, die für den ZKF arbeiten. Ein Grossteil der Menschen, die unser Engagement registrieren, die davon profitieren oder mit denen wir zusammenarbeiten, ist  sich durchaus bewusst, was wir zu Gunsten des Gemeinwohls leisten, und weiss das zu schätzen. Andere wiederum kriegen gar nicht mit, dass es einen ZKF gibt und in welchen Bereichen dieser aktiv ist, oder sie nehmen es als selbstverständlich hin. Damit müssen wir leben. Und zum Thema öffentliche Anerkennung kann ich sagen: Der schönste Dank ist oftmals nicht der, welcher innerhalb  eines offiziellen Rahmens ausgesprochen wird, sondern der, welcher ganz unverhofft kommt:  in Form einer Begegnung auf der Strasse oder eines persönlichen Schreibens, das im Briefkasten des ZKF liegt.

 

Der ZKF wird vom Kanton aufgefordert, alle Stunden zu erfassen, die ehrenamtlich geleistet werden. Dafür gibt es einen Monatsrapport, der ausgefüllt werden soll. Was bringt das?

Der Kanton möchte wissen, in welchem Rahmen die ZKF-Frauen sich für das Gemeinwohl einsetzen. Denn von dieser Stundenzahl hängt unter anderem der  Weiterbildungsbetrag ab, der dem ZKF ausbezahlt wird. Das Aufschreiben der Stunden ist aber auch für uns selber interessant, weil man am Jahresende immer wieder staunt, in welchem Umfang sich unsere ehrenamtliches Engagement bewegt. Pro Jahr leisten wir zirka 5‘000 Stunden ehrenamtliche Arbeit. Dies entspricht einem 100% Pensum während  2.5 Jahren. Gemäss Standards von Benevol, der Dachorganisation für Freiwilligenarbeit in der Deutschschweiz, sollte ein Ehrenamt nicht mehr als sechs Stunden pro Woche beanspruchen. Da kann ich nur sagen: Viele ZKF-Frauen leisten mehr! Hätten wir in Evi Christen nicht eine bezahlte Sekretärin in einem 50% Pensum, wäre dies alles  kaum mehr machbar.

 

Im Gegensatz zum Schweizerischen Dachverband nennt sich der Zuger Verband nicht mehr Katholischer, sondern Kantonaler Frauenbund. Hat der ZKF etwas gegen die katholische Kirche?

Im Gegenteil. Die Beziehung zur Kirche ist sowohl historisch als auch durch unser Leitbild und unsere aktuellen Statuten gegeben.  Hier wird das „Wahrnehmen und Vertreten der Anliegen und Interessen von Frauen und Familien in Gesellschaft, Staat und Kirche“ als eines der Ziele des ZKF formuliert. Doch die Kirche findet bei uns nicht nur auf dem Papier, sondern auch im Alltag statt: 1942 beauftragte uns der damalige Basler Bischof Franziskus von Streng mit der  Bildung und Förderung der Müttervereine. Dies machen wir bis heute. Auch durch unseren  Hilfsfonds „Mütterhilfe“ und die Aktion  „Weihnachtsbriefkasten“ wird unsere christliche Grundhaltung sichtbar. Es gibt auch Aufgaben innerhalb des im ZKF, die ursprünglich in Zusammenarbeit mit den katholischen Kirchgemeinden entstanden sind, später jedoch durch Leistungsvereinbarungen mit dem Kanton Zug abgelöst wurden. Das trifft zum Beispiel auf unsere  Paar- und Einzelberatung „leb“ zu. Selbst wenn im Verbandsnamen das Wort „Katholisch“ 1946/47 dem Begriff „Kantonal“ gewichen ist, ist unser Bezug zur Kirche nach wie vor eng.

 

Jeder Verein, auch wenn es ihn schon lange gibt, muss sich darum bemühen, stets neue und junge Mitglieder zu finden. Gelingt dies dem ZKF?

Unser Verein zählt gegenwärtig rund 600 Einzelmitglieder und 14 Kollektivmitglieder mit wiederum 4‘400 Mitgliedern. Total kommen wir so auf 5000 Mitglieder.  Im Unterschied zu Mitgliedschaften in anderen Vereinen erhält ein ZKF-Mitglied  – abgesehen von der Ermässigung bei Weiterbildungskursen und der Möglichkeit, einem unserer Krankenkassen-Kollektivverträgen beizutreten – keine direkte Gegenleistung, sondern bekundet dadurch einfach seine Sympathie und Wertschätzung gegenüber dem Frauenbund.

 

Per 1. Januar 2013 gab der ZKF das Ressort Tagesfamilien an den Verein „KiBiZ“ ab. Ist das für Sie eine gute Lösung?

Ja, eine sehr gute sogar. Besser hätte es nicht kommen können. Vor allem auch aus Sicht der Tagesfamilien und  -kinder selber, die weiterhin in einer guten Organisation eingebettet sind. Doch der Abschied ist auch ein wenig mit Wehmut verbunden. Denn die Tagesfamilien waren das „Kind“ des ZKF. Unsere Frauen haben  viel Zeit und Herzblut in den Aufbau und die Betreuung der ausserfamiliären Kinderbetreuung gesteckt.

 

Wer etwas abgibt, hat die Hände frei für Neues. Welche Pläne hat der ZKF?

An Ideen mangelt es nicht! Sie füllen einen ganzen Ordner. Doch zur Zeit sind wir stark mit dem 100-Jahr-Jubiläum und dem Tagesgeschäft beschäftigt.  Bevor wir wissen, welche Ideen wir umsetzen, und welche neuen Aktivitäten wir anreissen wollen, müssen wir wissen, wie der Vorstand in den kommenden Jahren konstituiert sein wird. Per 2015 braucht der ZKF eine neue Präsidentin. Es wäre toll, wenn zum fünfköpfigen Vorstand eine Frau oder noch besser zwei Frauen  aus dem Ennetsee stossen würden.

 

Wer Geburtstag hat, darf sich etwas wünschen. Wie lautet der Wunsch des ZKF zum 100. Geburtstag?

Dass er laufend viele, gerade auch junge Frauen anspricht, die motiviert sind, im Kanton Zug etwas zu bewegen und Freude daran haben, im Kleinen etwas Gutes zu tun.