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SCHRITT INS UNGEWISSE

 

Migi Barmettler, 69, hatte als Nidwalder auf dem Zugerberg einen schweren Stand. Anfang 1980-er Jahre wanderte er aus nach Kanada und bereut es nicht.

 

von Sabine Windlin

 

Herr Barmettler, was verbindet Sie mit dem Zugerberg?

Ich bin in Alpnach als ältester Sohn einer neunköpfigen Bauernfamilie aufgewachsen und sah dort keine berufliche Zukunft. Ich wollte selbständig werden und war auf der Suche nach einer Pachtliegenschaft. In Nidwalden wurde ich nicht fündig, aber auf dem Zugerberg. Der Unterhof von Johann Weiss, der gesundheitsbedingt aufhören musste, schien meiner Frau Heidi und mir geeignet. Am 1. April 1963 starteten wir mit dem Bauernbetrieb.

 

Wie waren die Anfänge?

Es stand nicht sehr gut um den Hof. Viele Kirschbäume standen als Folge der Hornerkälte von 1956 dürr da. Aufgrund eines viel zu warmen Sommers waren die Bäume in der Fasnacht voll im Saft, bis plötzlich über Nacht ein gewaltiger Temperatursturz von etwa 30 Grad kam. In den ersten zwei Jahren mussten wir 125 Bäume fällen, und diese ohne Motorsäge. Es war auch finanziell nicht einfach. Darum ging ich nebenbei im Winter noch Akkordholzen. Weil ich präzis und effizient holzen konnte, durfte ich auch die kritischen Bäume nahe von Hochspannungsleitungen fällen. So kam zusätzlich etwas Geld herein. Meine Frau war auch sehr gschaffig. Wir waren ein gutes Team.

 

Nicht alle Nachbarn goutierten Ihre Aktivitäten.

Sagen wir es so: beim Vieh kannte ich mich aus. Mit der «Bränte» brachte ich die Milch in die Käserei Sennhütte. Auf einer Tabelle wurde von jedem Bauern die Milchmenge erfasst. Mir fiel sofort auf, wie alle immer auf dieses Papier starrten, um zu sehen, wie viel der andere ablieferte.  Wenn einer weniger hatte, verkaufte er sofort ein, zwei Mastkälber, die bis 20 Liter Milch pro Tag tranken, um im Gegenzug mehr Milch abliefern zu können. Neid und Missgunst begannen zu keimen. Dagegen ist eben kein Kraut gewachsen. Es hatte vermutlich auch damit zu tun, dass ich kein Zuger sondern ein Nidwaldner war.

 

Es lief Ihnen immer besser?

Ja, wir stiegen in die Braunswisszucht ein. Schon bald zeigte sich der Erfolg. Wir verkauften alle weiblichen Tiere, die wir nicht selber brauchten, zu guten Preisen. Ein Rind erzielte sogar 6000 Franken, was damals ein horrender Betrag war. Achtzehn Jahre lang waren wir auf dem Berg, wo auch unsere fünf Kinder zur Welt kamen, in den Jahren zwischen 1964 und 1973. Sie erinnern sich noch heute an ihren Schulweg über den Tschuepis nach Zug.


Man munkelte, dass Sie die Kühe der anderen Bauern verhexten.

(lacht). Ja, so etwas habe ich auch gehört. Das ist natürlich Unsinn. Erst viel später habe ich erfahren, warum gewisse Leute mich schnitten und mich nicht mehr grüssten. Einem Nachbarn starb eines Tages ein Kalb. Meines Erachtens kann das dem besten Bauer passieren. Daraufhin bat der Bauer eine Art Hellseher in den Stall. Dieser schlug mit einem Hammer einen Nagel in einen Holzbalken. Der Funken blitzte in unsere Richtung, zum Unterhof. Da war für den Bauer klar, dass ich schuld am Tod seines Tieres war. Von diesem Tag an war ich als Hexenmeister verschrien. Es ist völlig absurd.

 

Konnten Sie das nicht ignorieren?

Das war nicht so einfach. Wenn ich im Geissboden eins trinken ging, machten die Leute einen grossen Bogen um mich. In der Feuerwehr gaben mir einige Kollegen nicht mal mehr die Hand. Darunter litt ich und auch meine Frau sehr. Mein Onkel tröstete mich mit den Worten: Ein Bauer, der keine Neider hat, ist ein schlechter Bauer. Mit diesem Satz konnte ich dann einigermassen leben.

 

Gaben diese Ausgrenzungen den Ausschlag,  dass Sie auswanderten?

Nicht nur. Sepp Weiss, der Sohn von unserem Verpächter, war bereit, den Hof selber zu bewirtschaften. Da schauten wir uns um.  Unser Traum war ein eigener Hof. Doch wir sahen bald ein, dass das in der Schweiz für uns nicht machbar war. Durch einen Zufall machten wir Bekanntschaft mit einem Liegenschaftshändler, der auch in Kanada aktiv war. Im Sommer 1979 flogen wir dann selber nach Quebec und schauten uns ein paar Farmen an. Wir waren sehr beeindruckt von der Ebene und der Weite des Landes. Wir entschieden uns für die Farm, die für uns punkto Milchkontingente am wirtschaftlichsten erschien. Es war ein Hof mit  neunzig Hektaren Kulturland und siebzig Kühen. Sorgen machte uns nur noch die Finanzierung. Aber da zeigte sich, dass wir auch gute Nachbarn auf dem Zugerberg hatten. Wir sind diesem Bauer ein Leben lang dankbar. Nach 15 Jahren war alles abbezahlt. Ich glaube nicht, dass wir das in der Schweiz geschafft hätten.

 

Erinnern Sie sich an den Tag, an dem Sie mit Sack und Pack über den Atlantischen Ozean flogen?

Natürlich! Es war am 4. Januar 1981. Es war ein Schritt ins Ungewisse mit fünf minderjährigen Kindern. In Quebec war es minus 38 Grad Celsius und der Wind fegte mit 120 Stundenkilometern durch die Gegend. Die Lastwagen lagen neben der Strasse. Bis Mitte Februar war es dermassen kalt. Nachher kam der Regen. Wenn man am Morgen aufstand, trat man draussen in riesige Pfützen. Das war keine schöne Zeit. Aber wir konzentrierten uns auf die Arbeit. Schon bald konnten wir pro Jahr zehn bis fünfzehn Stück Nutzvieh verkaufen. Das war ein gutes Standbein. Für ein schönes Munikalb, das man für die Weitermast braucht, bekam man mehr als für eine Metzgkuh. Auch mit der Milchwirtschaft lief es uns gut. Die Provinz Quebec ist das Zentrum der Milchwirtschaft und produziert 48 Prozent der Milch von ganz Kanada.

 

Haben Sie in Quebec keine Neider?

Die Kanadier sind da schlauer. Die lernen gerne vom Erfolg eines anderen und fragen dich um einen Ratschlag. Heute haben wir 120 Hektaren Kulturland. Da läuft einiges. Wir haben noch nie so gut geerntet und geheuet wie dieses Jahr. Auch ich arbeite noch voll. Bin allerdings jetzt von meinem zweiten Sohn, der den Hof übernommen hat, angestellt.

 

Wie ist Ihr Verhältnis zur Schweiz heute?

Die Schweiz ist mir hoch und heilig. Ich bleibe mein Leben lang Schweizer und freue mich darum immer, wenn mich Schweizer besuchen. Am nächsten Wochenende geh ich zusammen mit fünf anderen Auslandschweizern ans Eidgenössische Schwingfest in Aarau. Danach fliege ich zurück auf unseren Hof nach Warwick.