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«LUXUS IN DER LUFT»

 

 

von Sabine Windlin

 

Der Begriff ist gewagt, aber stellen wir sie dem Designer und Entwickler der Swiss-Businessclass-Bestuhlung, Patrick Lindon, einem Vielflieger, trotzdem: «Fühlen Sie sich verwurzelt? «Klar», kommt es ohne Zögern, «und zwar in Walchwil.» Hier ist er aufgewachsen, hier wohnen seine Eltern, hier hat der ebenso eigenwillige wie international erfolgreiche Gestalter Sicht auf See und Berge – und vor allem seine Ruhe.

 

Die brauchte Lindon immer mal wieder, als in den letzten fünf Jahren im Auftrag von Swiss eine «Mission» erfüllte: Die Kreation des perfekten Businessclass-Sitzes. Erzählt er von dieser anspruchsvollen Referenzarbeit, die ihm einen beachtlichen Bekanntheitsgrad bescherte, wird schnell klar, dass man es mit einem Perfektionisten zu tun hat; einem allerdings, der wenig Aufhebens um sein Können macht. Ganz anders etwa als sein sehr selbstbewusst auftretender Kollege Tyler Bûlé – auch er ein Swiss-Designer – wirkt Lindon trotz eindrücklichem Portfolio schweizerisch bescheiden und beherzt. Und so fällt es nicht schwer, sich ihn als jenen Teenager in Erinnerung zu rufen, der auf dem Platz Zug an allen möglichen und unmöglichen Orten spontane Partys organisierte, damit in der Freundesclique keine Lageweile aufkam.

 

Die Destinationen, die Lindon für die Realisierung des raffinierten Sitzes anpeilen musste, befanden sich hauptsächlich in Europa: Frankfurt, Toulouse, Hamburg, London. Es sind jene Orte, wo sich die Hersteller der wichtigsten Komponenten  für das Innenleben von Flugzeugen, wie beispielsweise Boardküchen, befinden. Lindon pendelte mehr oder weniger intensiv zwischen der Schweiz und diesen vier Städten hin und her, wobei dies zu seinem Leidwesen nach dem Prinzip der so genannten Sternflüge vonstatten ging. Sternflüge? Lindon erklärt: Sein Auftraggeber habe aus Kostengründen darauf bestanden, dass er ausschliesslich mit Swiss flog. Das heisst: wenn Lindon von Zürich nach Frankfurt musste und anschliessend einen Termin in London hatte, galt es, eine Kehrtwende via Zürich machen. Lustig war das nicht, sondern vor allem zeitraubend. Doch statt sich zu nerven, buchte Lindon den himmlischen Zickzackkurs als wertvolle Erfahrungen «on the job» ab: Je mehr Zeit er sitzend im Flieger verbrachte, desto besser konnte er sich in jenen global agierenden Geschäftsmann hineindenken, der sein Dasein zu einem grossen Teil über den Wolken verbringt: sitzend oder liegend, im Sessel.

 

Obwohl Lindon einen Grossteil seiner Arbeit mit Computersimulationen erledigt, betont er, wie wichtig für ihn face-to-face-Kontakte sind. Zum Beispiel die Zusammenarbeit mit James Thomson, dem Erfinder des von Lindon gestalteten Stuhls. Der kongeniale Ingenieur  wohnt allerdings auch nicht gleich um die Ecke, sondern in südöstlichsten Zipfel von Nordirland, in einem Fischerdörfchen, namens Kilkeel, wo sich der Firmensitz des grössten europäischen Sitzherstellers befindet. Lindon verbrachte fast dreiviertel Jahre im gottverlassenen Kaff, nächtigte im einzigen Hotel, das es dort gab, und tüftelte zusammen mit dem nordirischen Kollegen am Sitz, oder besser gesagt, am Sitzanordnungskonzept. Wohl wissend, dass der Aufenthalt im hohen Norden ein längerer sein würde, wollte Lindon aber nicht nur die Flugzeugspezialisten sondern auch die Region kennen lernen. «Wenn ich über längere Zeit hinweg im Ausland arbeite, möchte ich eine Beziehung zu dieser Umgebung aufbauen», so Lindon. Statt sich am morgen im Hotel per Taxi abholen zu lassen – was er hätte tun können – legte er den Weg zum Sitzhersteller zu Fuss zurück und kam so jeden Tag zu einem ausgedehnten, das Wohlbefinden steigernden Strandspaziergang.

 

Ein Sitz im Flugzeug, kommt Lindon auf sein «object of profile» zurück, sei nie als isoliertes Objekt, sondern als Teil einer Gruppe zu verstehen. «Als Gestalter», erklärt Lindon, «ist es grundsätzlich meine Aufgabe, Volumen zu formen. Ein Sitz aber, der von der Sitz- in die Liegeposition gebracht wird, verfügt über kein zusätzliches Volumen. Denn entweder gehört es dem Passagier hinter, oder dem Passagier vor mir.» Eine unlösbare Aufgabe folglich? Lindon grinst: Nicht für jemanden, der über ein ausserordentliches dreidimensionales Denkvermögen verfügt. Und das, meint der Walchwiler, treffe sowohl auf Thompson wie auf ihn selber zu. Das Bemerkenswerte am neuen Flachliegesitz der Swiss ist nun, dass er sich in die Horizontale kippen lässt, ohne dass er viel mehr Platz  beansprucht als das Vorgängermodell: Von den alten Modellen in 13 Grad Schrägposition hatten 48 Sitze in einem Airbus (?) Platz. Von den neuen Sitzen in Flachposition deren 45. Wer hat’s erfunden?

 

Die heisse Phase mit dem Swissteam ist – nach der erfolgreichen Implementierung der Sitze im April 2009 – vorbei und Lindon hat Zeit und Musse, frische Ideen auszuhecken und sich neuen Projekten zu widmen.  Er geniesst nach so vielen Jahren auf Achse und in Dauerstress, die etwas ruhigere Schaffensphase und findet auch mal Zeit für eine Wanderung am Walchwilerberg. Wenn er bei dieser Gelegenheit seine Heimat einer genaueren Betrachtung unterzieht, fällt ihm allerdings auf, dass das Dorf einem veritablen Bauwahn zum Opfer fällt. Die Ambitionen der Gemeinde, die Bevölkerungszahl innert zehn Jahren zu verdoppeln, hinterlassen denkwürdige Spuren am Ortsbild. «Walchwil», stellt Lindon halb nüchtern, halb bitter fest, «wird das Spreitenbach von Zug.»

 

Letzte Frage an Mister Aircraft:  Welche Klasse bucht er, wenn er privat verreist. «Economy», sagt er. Ist eigentlich logisch. Nur wer ab und zu am eigenen Leib erlebt, welche Tortur ein Flug in der dicht bestuhlten, schlecht gepolsterten Touristenklasse für die eigene Physis bedeutet, weiss zu schätzen, was Lindons Sitz in der Businessklasse bietet: Luxus in der Luft.