Archiv

 

 

AUFSPüRUNGEN IN DER KöRPERUNTERWELT

 

Unterwäsche geht unter die Haut, und nirgendwo sind unsere Vorlieben und Abneigungen so ultimativ, so persönlich, so delikat und gleichzeitig so unvorhersehbar wie hier.

 

von Sabine Windlin

 

Wo ist er geblieben, der ganz normale BH ohne Schale, ohne Steg, ohne Bügel und doppelten Boden? Der Büstenhalter, der Brüste nur sanft an den Körper drückt, sie lediglich bedeckt, nicht wie Gummibälle nach oben schnellen oder wie Wassermelonen prall erscheinen lässt? Der meine Brüste so nimmt, wie sie sind: 38 Jahre alt, Körbchen A, für zwei Kinder stillend im Einsatz. Ich mach’ mich auf die Socken.

 

Und realisiere sofort: Den schalen- oder bügellose BH gibt es nicht, jedenfalls nicht im H&M. Stattdessen «Decolleté-BH mit Einlage», «Contour-BH aus 3D-Material» «Triangel-BH mit Gel-Pads». Alles ist entweder gemoldet, gepusht oder gepaddet und dient dazu, die Brüste zu «akzentuieren» oder zu «maximisen». Ganz automatisch gehen die Marketingabteilungen davon aus, dass dem weiblichen Busen zur Formvollendung etwas fehlt, ihm massiv nachgeholfen werden muss mit allen möglichen Hilfsmitteln und Kniffs. Auch bei den Männern gilt es, natur- oder altersbedingte Defizite offenbar trickreich zu beheben, mit Unterhosen, die «formstabile», «hautsympathische», «atmungsaktive»,  «klimaregulierende» und sogar «antibakterielle» Eigenschaften vorweisen. Weiter durch die Regale stöbernd, ob der erdrückenden, aber nicht eben meinen Vorstellungen entsprechenden Auswahl schon leicht entnervt, sehe ich mich plötzlich mit einem weiteren Modell für die weibliche Brust konfrontiert: Einem «Air-push BH mit Luftkissen».

 

Luftkissen! Wenn ich das schön höre, packt mich die Angst. Gehört der Airbag nicht ins Auto?

Nein, findet Sophie, 37, Anwältin in einer Wirtschaftskanzlei. Sie trägt nur Airbags, aus Prinzip. Dabei ist sie mit einem ordentlich grossen Busen ausgestattet und hätte dies, sollte man meinen, doch gar nicht nötig. «Es geht nicht um die Grösse, sondern um die Form!», ruft sie, lacht schallend und hebt ihr T-Shirt an. Ihr Busen, Cup B, wird von einem türkisfarbenen Stoff mit schwarzen Spitzen umrundet, farblich abgestimmt dazu der String Tanga. «Oben und unten», erklärt Steffi und guckt jetzt sehr ernst drein, «das muss immer zusammenpassen.» Nur schon der Gedanke, der Slip passe farblich nicht zum BH, sei quälend. «Trage ich keine sexy Unterwäsche, fühle ich mich nicht sexy. Fühle ich mich nicht sexy, wirke ich nicht sexy.» Ihr Lieblingsteil? «Der BH Pepita» der französischen Marke  «princesse tamtam» aus bedrucktem Stretch-Voile mit jadegrünem Blümchenmuster und niedlichen Spitzen im Dekollete für 38 Euro.

 

Ähnliches ist für Charlotte nicht nur auf Grund ihres Alters kein Thema – die Siebenjährige braucht nur für unten etwas – sondern auch, weil sie Blümchen nicht ausstehen kann.  Charlotte  trägt, jedenfalls seit sie sich selber anziehen kann, aus Prinzip nur Buben Unterhosen. «Sieht einfach besser aus. Mädchenunterwäsche ist peino und tussig», sagt sie und zieht die Mundwinkel nach unten. Vor allem rosa ist tabu; auch drunter, obwohl es da eigentlich niemand sehen würde. «Trotzdem», sagt sie stur und erklärt, dass sie so ganz gut die Unterhosen ihres Bruders nachtragen kann. Blau, schwarz, rot oder orange stehen als Farben zur Auswahl. Ist die Unterhose angezogen, bleibt vorne beim Schritt jeweils ein kleiner, hohler Stoffwulst übrig. «Sieht doch lustig aus», meint Charlotte und grinst. «Ich möchte eh ein Junge sein». Doch lachen die Mädchen in ihrer Klasse sie nicht aus, wenn sie in der Umkleidekabine mit ihren Jungenunterhosen da steht? «Am Anfang schon», sagt sie. «Jetzt nicht mehr.» Als explizites Lieblingsstück präsentiert sie ihre Badehose, die ihr – der aktuellen Mode entsprechend – bis zum Knie reicht und mit Bananen fressenden Affen bedruckt ist.

Bunt geht’s drunter auch bei Reto, 43, zu und her, jedenfalls, was die Bekleidung seiner Füsse angeht. Der Eidgenössisch diplomierte Bauleiter mit den roten Locken «hasst» gemäss eigenen Angaben uni Socken. «Es muss sich mindestens ein farbiges Muster darauf befinden.» Früher hat er sich ausschliesslich im Sockshop in England eingedeckt: 3 Paar für 10 Pfund. Je schriller, desto besser. Heute lässt er sich die bunten Socken von seiner Frau schenken oder kauft sie als souvenir in den Ferien selber ein. Im Moment trägt er schwarze Socken mit blauen und violetten Kringeln. Auf einen eigentlichen Favoriten kann er sich nicht festgelegen. Einerseits, weil ihm die Wahl sehr schwer fällt, anderseits, weil dieses Stück dann automatisch schnell abgewetzt, und früher oder später verlöchert wäre. Seine Strategie, wonach ein Paar nach dem anderen durchgetragen wird, und dann der Zyklus wieder von vorne anfängt, bringt es mit sich, dass die rund 30 Pärchen ausgesprochen langsam altern. De fakto kommt – bei einem täglichen Wechsel – jedes Paar nur einmal pro Monat zum Einsatz.

 

Wechselnden Launen unterworfen sind die Vorlieben drunter von Anna, 42. Früher, so mit 30, war die Krankenschwester, die auf der Intensivstation arbeitet, punkto Unterwäsche voll auf dem sportlichen Tripp. «Sexy Wäsche», fand sie, «hab’ ich nicht nötig, das ist billig.» Wichtig, fand auch ihr Freund, sie der Inhalt, nicht die Verpackung. Das stimmt für die zweifache Mutter heute nur noch bedingt, und bestätigt einen Blick in ihre Kommode, wo ein farbenfrohes Durcheinander von  BH und Höschen herrscht. Es fällt ihr schwer, aus dem Haufen ein konkretes Lieblingsstück zu nennen. «Jedes Höschen», sagt sie, «hat seine Vorteile» und hält die Modelle in die Luft.  Der Tai-Hipster von Sloggi sieht witzig aus, der Vintage-Rose-String von Coquette hat hübsche Schleifchen, der Cuivre-Tanga von Implicite mit transparenten Tüll ist Verführung pur und der Essential-Light-Slip aus Naturfasern von Skiny auf der Haut kaum spürbar. Und was haben wir denn da? Einen dunkelblauen BH von Chantelle mit eingestickten, keinen Perlen. «Schweineteuer, aber saubequem.» 60 % Polyester, 30 % Nylon und 10 % Elasthan. Er lässt ihren Busen– Grösse 70A –  ein bisschen voller aussehen.

 

Dies entspricht genau dem Gegenteil dessen, was Klara, 56, von einem BH erwartet. Die kräftige Politikerin und Mutter dreier erwachsener Kinder hat mit Cup D einen ausgesprochen grossen Busen, was sie in der Wahl mitunter ziemlich einschränkt. «Vieles, was mir punkto Farbe und Muster gefallen würde, gibt es leider nicht in meiner Grösse», erklärt sie. Doch immer dieses hautfarbene «Oma-Zeugs» mache auf die Dauer auch keinen Spass.» Klara bevorzugt Modelle, die minimisen, also verkleinern. Dies ist nicht damit getan, indem sie einfach einen zu kleinen BH kauft, sondern ein Modell, das ihren Busen etwas stärker an die Körper drückt und über verstärkte Schulterträger verfügt. Langezeit schwor Klara auf  Calida, weil Preis und Leistung stimmten, aber irgendwann hatte sie Lust auf etwas Neues. Sie besprach das Thema mit ihrer besten Freundin, traf sich mit ihr zu einer Shoppingtour  in Zürich und wurde fündig! Bei Wonderbra – dem berühmtesten BH der Welt und dessen Modell «Balconette» in schweeweiss. Es ist bis heute ihr Lieblingsteil, «weil nichts verrutscht.»

 

Diese Bedingung muss auch für Raoul, 44, stimmen, weshalb er beispielsweise Boxershorts nicht ausstehen kann, die seiner Ansicht nach unten «zuwenig Schutz bieten.» Dies eigentlich zum Bedauern seiner Freundin Heidi, die – allein den optischen Aspekt berücksichtigend – Männer in Boxershorts extrem sexy findet. Das Thema Unterwäsche beschäftigte das Paar, seit es sich vor vier Jahren kennen lernten. Er hätte, sagte sie zu ihm nach einer Liebesnacht, zwar einen super Body, aber sorry, seine Unterhose, die sei nicht so toll. Der international gefragte IT-Consulter nahm sich die Kritik seiner Liebsten zu Herzen und verabschiedete sich von den synthetischen Jockey Unterhosen, die er jeweils im Outlet kaufte, und stieg auf Strellson um. Auch hier allerdings über den Outlet in Kreuzlingen, wo die schönen Slips 20 Prozent  billiger sind als im Fachgeschäft. Doch sein Lieblingsteil, räumt er fast entschuldigend ein, sei eigentlich von der Schweizer Edelmarke Zimmerli. Ein schwarzer, seitlich breit geschnittener XL Slip aus der Kollektion «Richelieu», ein für ihn formvollendetes Kleidungsstück aus Baumwollzwirn, zu dem er ganz unverhofft kam. Von einer Geschäftsreise direkt ins Engadin in die Ferien unterwegs, nahm er statt des Ferienköfferchens die Computertasche mit und verfügte so über keine Ersatzunterhose. Kurz entschlossen fuhr er nach St. Moritz ins Cashmere Haus und entschied sich nach langer Beratung für Richelieu. «Meine Freundin war begeistert, ich bin es auch!»

 

Wenn es um Unterwäsche geht, denkt Chantal, 27,  praktisch. Die Fotografin mag keinen Schnickschnack, keine Mieder, Strapse, höchstens ein wenig Spitze. Aber das eigentlich auch nur am Höschen, «weil der Hingucker an der zarten Haut meiner Brust mit zunehmendem Alter kratzt.» Ihr Lieblingsteil ist ein schwarzer String, knapp hinten, breit vorne und hängt bei Beldona jahraus, jahrein im Gestell: Grösse L, Eigenmarke, 34 Franken, im Ausverkauf die Hälfte. In erster Linie trage sie schöne Unterwäsche für sich persönlich, räumt aber ein, dass ihr die Aufmerksamkeit ihres Freundes schmeichle. «Unterwäsche », hält Chantal abschliessend fest, «sitzt, wenn sie nicht kneift, wenn BH’s  am Rücken keine fiesen Speckrollen, und Slips am Po keine vertikalen Einschnitte bilden.» Nicht nachvollziehbar ist es für die Stringträgerin, dass diese Art von Slip von manchen Frauen als unhygienisch oder unbequem qualifiziert wird. Sie fühlt sich darin pudelwohl.

 

Derlei Überlegungen hat Martha, 75, Hausfrau und neunfache Grossmutter nie angestellt. Zum Thema Unterwäsche hat sie anfänglich keine Meinung, muss aber unweigerlich an ihre Zeit in der Klosterschule denken. «Anständig», sagt sie, «vor allem das, musste es drunten aussehen. Konkret hiess das: einfach, formlos, fantasielos. Hauptsache, die Blöße war dezent bedeckt.» Die zierliche Seniorin tut sich bis heute schwer mit dem Thema, was wohl mit ihrem Jahrgang und dem konservativen Elternhaus zu tun habe, in dem sie aufgewachsen sei. Die Unterwäsche, die ihre Mutter ihr kaufte, musste eigentlich nur eine Bedingung erfüllen: kein Aufsehen erregen. Wohl gab es eine paar Unbekümmerte, die ihren Busen sprießen ließen und Freude daran fanden, mit der Mutter den ersten Büstenhalter auszusuchen. Martha gehörte nicht dazu. Hingegen, erzählt sie, habe sie sich als Kind oft ausgemalt, wie wohl die Unterwäsche der in schwarzem Habit und steifer Haube gekleideten Ordensschwester ausgesehen haben mag. «Ich stellte sie mir schlicht, praktisch und gut waschbar vor.» Junge Frauen, findet Martha heute, sollen ihre Haut zeigen dürfen, und dazu durchaus auch etwas von der reizvollen Wäsche. Wenigstens im Sommer, der Zeit der Blüsli, Sandalen und nackten Füsse. «Das belebt das Strassenbild, uns alle, nicht nur die Männer», sagt sie. Und ihre eigenen Vorlieben? Na los jetzt, raus mit der Sprache, wir sind ja nicht im Kloster: «Na gut», gibt sie sich einen Ruck: Es sind die Unterleibchen mit Spaghettiträgern. Darin fühlt sich die Seniorin, wenn sie an heissen Tagen im Garten wirkt, wie ein junges Mädchen.

 

Der knackigen Zielgruppe der jungen Marke BeeDees von Triumph ebenfalls entwachsen, heisst der Favorit drunter von Katja, 38 kurz und bündig: Rock'n'Roll. Die zackige Marketingfachfrau hält frenetisch an ihm fest, denn: «Er ist ein Allrounder von unschätzbarem Wert und beim Sport genauso angenehm wie im Büro.» Beim rendez-vous mit der neuen Flamme, räumt sie ein, müsse er allenfalls einem vermeintlich ergebnisorientierteren Konkurrenten weichen, obwohl sie ihm durchaus auch hier Erfolge zutraut. Eigentlich mag die grossgewachsene Singlefrau es gar nicht, mehrere gleiche Kleidungsstücke zu besitzen. Doch bei der Unterhose macht sie eine Ausnahme. Das Teil findet sich deshalb gleich sechsfach in ihrem Kleiderschrank: drei Mal in Schwarz, drei Mal in Weiß. «Er ist einfach so angenehm auf der Haut wie kein Zweiter, ein Modell, das man kaum spürt, und das doch alles fest in Form hält.» Let’s rock!

 

Das Dreierpack Herrenslip aus der Migros für 5.60 Franken galt für Georg, 49, lange Zeit als unangefochtene Nummer eins. Der verheiratete Pilot kaufte sie, als er noch Junggeselle war. Bis heute sind davon noch Modelle im Umlauf, auch wenn sie durch unzählige Wäschevorgänge völlig aus der Form geraten und so dünn wie ein Strudelteig geworden sind. Für seine Frau ein absolutes «no go». Heute klappert Georg nach seinen Einsätzen im Cockpit regelmässig die Boutiquen an den Flughäfen ab und kauft sich durch das teure Sortiment. Von Armani bis Boss, Marco Polo bis Tommy Hilfiger: Die von ihm bevorzugten Modelle mit klassischem Schnitt in Grösse M hat er rauf und runter probiert, jedoch ernüchtert festgestellt, dass er damit nicht so unwiderstehlich aussieht, wie die muskulösen Kerle auf der Verpackung. Wenn er ehrlich ist, zählt darum der Migros-Slip bis heute zu seiner Nummer 1. «Denn er ist nicht nur der Billigste, sondern auch der Bequemste.» Eine No-Name-Unterhose, die durch den Mann, der sie trägt, erst an Authentizität gewinnt.

 

Das Spiel von Drunter und Drüber, zufällig und absichtlich Entblösstem ist ein Aspekt, den Anne-Catherine, 50, beim Thema Unterwäsche interessiert. Am besten gelingt es der erfolgreichen Dokumentarfilmerin mit dem ecrufarbenen Seiden-BH von Cacharel, Modell 80B. Da rankt sich feine Spitze den Trägern entlang Richtung Schulter und zeigt sich je nach Schnitt der darüber getragenen Bluse bewusst oder unbewusst. Solch ein Detail kann gerade bei Frauen, die wie Anne-Catherine zurückhaltend gestylt sind, sehr neckisch wirken. «Aber es ist nicht nur die Optik, sondern auch das Gefühl, das damit verbunden ist», präzisiert Anne-Catherine und  kommt auf  die bedauernswerte Tatsache zu sprechen, dass im Alltag selten Ober- und  Unterteil zusammenpassen. Immer wieder kommt es vor, dass sie bei einem Kombi den BH mag, nicht aber das Höschen oder umgekehrt. Beim deux-pièces von Cacharel sitzen beide Teile perfekt. Leider ist der Tag nicht mehr fern, an dem besagtes Lieblingskombi wegen Altersschwäche ersetzt werden sollte. Anne-Catherine: «Mir graut davor.»

 

Übrigens: Auf der Suche nach einem bügel-, schalen- und stegfreien BH bin ich doch tatsächlich noch fündig geworden: In der Wäscheabteilung von Globus: Ein dunkelbraunes Modell von Passionata aus der Serie «Serenity» passte wie angegossen. Ohne Hebebühne, Sicherheitsschale und doppelten Boden. Nur Stoff mit Lochstickerei. Einfach perfekt.