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WOHLBEHAGEN IN GRüN

 

Stattliche Bäume und historische Bauten prägen den neuen Zuger Stadtgarten. Blumen- und Staudenbeete sorgen für reizvolle Farbakzente.

 

von Sabine Windlin

 

Das Bild, das sich der Zürcher Landschaftsarchitektin Marceline Hauri wenige Monate nach der offiziellen  Eröffnung „ihres“ Stadtgartens in Zug dort bot, musste gefallen: Passanten, Kinder und Erwachsene bevölkerten den neuen Garten zwischen Parkhaus und Zeughaus auf so selbstverständliche Art und Weise, als wäre die grüne Oase schon immer da gewesen. Man könnte dieses gelungene Zusammenspiel und Funktionieren zwischen Nutzer und Ort etwas pathetisch als „Liebe auf den ersten Blick“ bezeichnen. Fest steht, dieses neu gestaltete Stück öffentlicher Raum ist im Nu zum beliebten Treffpunkt mutiert.


Wir erinnern uns: Eher unattraktiv und leicht verwirrend präsentierte sich das vormalige Gelände. Erdhügel mit voluminös wucherndem Immergrün versuchten, die Eigenheiten der Topografie zu kaschieren und drückten dem Ort den Stempel des städtebaulichen Sorgenkinds auf. Marceline Hauri nun setzte das diffizile Höhenregime bewusst in die Gestaltung ein und gab ihrem Projekt, das als Sieger aus 31 Wettbewerbsbeiträgen auserkoren wurde, den Titel „Oben_Unten“. Der besondere Reiz bestand für die Architektin unter anderem darin, den Garten in ein bestehendes, äusserst attraktives Gefüge zu integrieren. Konkret umgibt ihn eine spektakuläre Kulisse, die aus zahlreichen, bestens erhaltenen historischen Bauten besteht: Das ehemalige Zeughaus (heute Studienbibliothek und Obergericht), die ehemalige Kaserne (heute Leihbibliothek), der Pulverturm und die St. Oswaldskirche.


Entstanden ist ein klug strukturierter und vielseitig inszenierter Garten mit reizvollen Rabatten und Nischen. Die obere Ebene mit Wiese und Wasserbecken bildet eine Art Vorgelände zum Zeughaus und ist offen konzipiert. Die untere Eben dient weiterhin als Zufahrt für die Parkgarage und als Fussgängerverbindung zwischen Kirchen- und Zugerbergstrasse. In fünf klar definierten, in Eibenschnitthecken gefassten Garteninseln wachsen – je nach Jahreszeit – Tulpen und Rosen, Iris und Geranien, Hosta, Anemonen und Gräser. Da und dort setzen Sträucher und Stauden Akzente und bilden eine Art grüner Saum zur westlichen Häuserzeile. Zugrunde liegen dem Garten ein artenreiches Vegetations- und ein durchdachtes Farbkonzert, wobei letzteres das Areal in rosa-weisse und orange-blaue Sektoren unterteilt. An einem Rankengerüst entlang der renovierten Steinmauer, die das Privathaus der Kirchenstrasse 4 umgibt, wachsen Waldreben und Clematis empor, stellenwese bahnt sich kletterndes Efeu seinen Weg. Im grosszügigen, leicht erhöhten und gut besonnten Kräutergarten schliesslich findet man wohlriechende Ingredienzen für die Küche wie Rosmarin und Thymian, Salbei, Pfefferminze, Basilikum, Lavendel und Oregano.


Vergleicht man den tatsächlich realisierten Garten mit den Unterlagen des Siegerprojekts, fällt vor allem etwas auf: Ursprünglich hätten sämtliche Verbindungswege des oberen und unteren Teils mit Natursteinpflaster belegt werden sollen. Aus Kostengründen ist nun lediglich der bereits vorhanden gewesene Spazierweg  im unteren Teil gepflastert. Alle anderen Verbindungsstücke sind – abgesehen vom Bordstein – aus Asphalt ausgeführt. Für Marceline Hauri ist dies im Nachhinein aus gestalterischer Sicht gar kein negativer Entscheid. Im Gegenteil! „Zu viele Pflastersteine hätten im Stadtgarten womöglich zu rustikal gewirkt“, vermutet sie. Mit dem glatten, modernen Asphalt strahlt der Garten nun etwas Städtisches aus, korrespondiert besser mit der Materialisierung der benachbarten Hauptstrasse und sorgt dadurch für eine optische Durchlässigkeit. Eine gewisse Coolness strahlt das 50 cm breite, helle, bodenebene Betonband aus, welches entlang von Raseninsel und Wasserbecken verläuft. Letzteres enthält übrigens Hangwasser, das sich in der Tiefgarage staut. Dieses wird aus 16 m Tiefe hochgepumpt und via Sprudler in das Becken geleitet.
Prägend für das attraktive Gartengebilde sind auch die stattlichen Bäume, die die Anlagen wie einen grünen Rahmen fassen und zwitschernden Vögel ein zu Hause bieten: Bestehende, geschützte und teils neu gepflanzte Winterlinden dominieren an der Zugerbergstrasse; noch junge, im Frühling bereits rot blühende Rosskastanien säumen die Kirchenstrasse. Mehrere hochgeschossene Platanen markieren wie schon zuvor die Einfahrt zum Parkhaus. Ein Novum sind die drei Blauglockenbäume mit ihren violetten Blütenständen sowie die schnellwachsenden Kuchenbäume entlang des Hangbandes im unteren Teil. Letztere, ist zu erfahren, sollen sich im Herbst intensiv verfärben. Ihr Name rührt daher, dass abgefallene, welke Blätter einen ausgeprägten Duft nach Lebkuchen abgeben.


Kaum vorstellbar, dass das gleiche Areal bis Ende des 19. Jahrhunderts dem Militär noch als Turn- und Exerzierplatz zur Verfügung stand und der Vorplatz des 1897 erbauten Zeughauses – alte Fotos der Denkmalpflege dokumentieren dies – während des Ersten Weltkrieges für das Bereitstellen von Kriegsmaterial genutzt wurde. So lässt sich anhand der Nutzung dieser bloss 5‘600 Quadratmeter grossen Fläche Geschichte und gesellschaftlicher Wandel ablesen und nicht zuletzt interpretieren, welche Prioritäten der Städtebau zu welchem Zeitpunkt setzte. Da, wo heute Margeriten, Krokus und Narzissen aus dem Rasen spriessen, wo sich Binsengewächs und Schwertlilien aus dem Wasserbecken strecken, standen bis zu Beginn der Renovations- und Umbauarbeiten des Zeughauses 35 teils private, teils öffentliche Parkplätze. Diese wurden, für einmal ohne politischen Protest, ersatzlos gestrichen.


Besonders freuen dürften sich Zuger Chriesi-Fans über die Pflanzung von fünf Hochstamm-Kirschbäumen entlang des Spazierwegs Richtung St. Oswaldskirche. Hierbei handelt es sich um alte Sorten, die so schöne Namen wie Tschueppis, Chlöpfer, Hofmättler und Lauerzer tragen. Mit einer ertragreichen Ernte ist erst in zwei Jahren zu rechnen. Dann sollen die Früchte, wenn es nach der Vorstellung der Landschaftsarchitektin geht, spontan von der Zuger Bevölkerung gepflückt werden. Zug, meint die Schöpferin des neuen Stadtgartens, sei schliesslich Chriesi-Stadt.


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ZEUGHAUS - Ab in den Garten!


Anlass für die Neugestaltung des Areals als Stadtgarten boten die umfassende Renovation und der Innenumbau des alten Zeughauses. Das denkmalgeschützte Gebäude, 1897 durch den Zuger Architekten Dagobert Keiser erbaut, erfuhr in seiner über 110-jährigen Existenz mehrere Veränderungen und fand mit dem 2011 fertiggestellten Umbau durch das Solothurner Architekturbüro Graf Stampfli Jenni einen gelungenen Neuanfang. Während sich der Gerichtssaal des Obergerichts im Dachgeschoss befindet, ordnen sich die Büros der kantonalen Angestellten auf dem Erd- und Obergeschoss ringförmig um die freigestellte historische Tragstruktur mit den acht Gusseisenstützen. Diese geben dem Inneren des Hauses ein wichtiges Element aus der Vergangenheit zurück und prägen auch die Studienbibliothek, die sich im Sockelgeschoss befindet. Studierende und die Mitarbeitenden des Obergerichts gehören als Nutzer des Zeughauses zu den unmittelbaren Profiteuren des Stadtgartens, wissen diese grüne Oase aber gerne mit Passanten und Besuchern zu teilen, die den Ort bewusst aufsuchen oder per Zufall entdecken.