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MASSGESCHNEIDERTES PASSSTüCK

 

Professionelle Projektarbeit, engagierte Zusammenarbeit und qualitativ hochwertiges Handwerk zeichnen den Zuger Stadtgarten aus.

 

von Sabine Windlin

 

Was immer die Beweggründe sein mögen, die Menschen in den historischen Bau des ehemaligen Zeughauses führen mögen: Den Gang zu einer Verhandlung vor Obergericht oder die seriöse Vorbereitung auf eine Studienprüfung. Der Weg dahin ist zauberhaft. „Der fertige Stadtgarten präsentiert sich sogar noch schöner, als es Pläne und Visualisierungen haben ahnen lassen“, freut sich Urs Kamber, der als Leiter der Abteilung Planung und Bau innerhalb der Baudirektion und später dann als Leiter des kantonalen Hochbauamtes die Gesamtverantwortung trug. „Meine Erwartungen“, gesteht er, „wurden übertroffen.“


Beim Vorzeigeprojekt handelt es sich um ein Gemeinschaftsvorhaben von Stadt und Kanton Zug. Beide Parlamente beschlossen im Frühling 2012, je die Hälfte der Investitionskosten von 3,63 Mio. Franken zu übernehmen. Dies, nachdem klar war, dass im Sockelgeschoss des ehemaligen Zeughauses eine neue Studienbibliothek errichtet werden sollte und man einhellig der Meinung war, dass damit auch der ideale Zeitpunkt für eine neue und attraktive Umgebungsgestaltung gekommen war. Zur Erlangung eines qualitativ hochwertigen Projekts wurde ein anonymer Projektwettbewerb im offenen Verfahren durchgeführt, der sich explizit an Landschaftsarchitekten richtete. Beurteilt wurden am Ende 31 Projekte, wobei der Fokus der Jury auf drei Hauptkriterien lag. Erstens: Qualität der Aussenräume. Zweitens: Funktionalität der Anlage. Drittens: Investitionen und Unterhalt. Vom Beurteilungsgremium einstimmig zum Sieger erkoren wurde schliesslich das Projekt mit dem Titel „Oben_Unten“ der Arbeitsgemeinschaft Planetage / Planwirtschaft, das unter der Federführung von Marceline Hauri realisiert wurde. Die Neugestaltung betraf rund 5'600 Quadratmeter des insgesamt 6'800 Quadratmeter grossen Areals und wurde Anfang Juli 2012 mit einem traditionellen Spatenstich gestartet.


Urs Kamber umschreibt das Resultat als „massgeschneidertes Passstück an sensibler Lage.“ Dieses sei ortsbezogen und eigenständig zugleich, lasse wohltuende Spielräume offen und vielfältige Nutzungen zu. Der Stadtgarten schaffe durch Grosszügigkeit eine Sphäre von moderner Öffentlichkeit. Dank gekonnt platzierter Nischen vermittle er aber auch räumliche Intimität und Behaglichkeit. Man hat an diesem Ort die Wahl und entscheidet sich je nach Vorliebe für die kleinflächigeren, vegetativ intensiver ausgestatteten Aufenthaltsbereiche im Westen des Parks oder den exponierten, nur mit Wasser und Wiese gestalteten Vorplatz im Osten oder aber. Dass man unmittelbar vor dem Zeughaus diesen „Mut zur Leere“ hatte, war ganz im Sinne der Bauherrschaft, zumal in der gesamten historischen Nachbarschaft mit ihren teils engen Gassen das Kleinräumige, Pittoreske dominiert.


Für Konzeptplaner Robert Jehli, dem die Begleitung des gesamten Wettbewerbs oblag, liegt der Trumpf von „Oben_Unten“ auch in der überraschenden und überzeugenden Ausgestaltung der Geländekante. Der Baukörper der Parkgarage wurde teilweise freigelegt und mit einer neuen Flügel- bzw. Stützmauer räumlich akzentuiert, die zum pilzartig auskragenden Holzpavillon führt. Für die beiden Projektverantwortlichen stellt der Stadtgarten nicht nur eine gelungene Verbindung zwischen Studien- und Leihbibliothek, sondern auch eine Aufwertung des 1897 von Dagobert Keiser senior erbauten und 2011 umfassend renovierten Zeughauses dar. Stadtrat André Wicki sprach anlässlich der Eröffnung sogar von einem städtebaulichen Gewinn für die ganze südliche Altstadt, die zur Belebung dieses Stadtteils beitragen soll und kann. Zu rechnen ist mit Besuchern des Kunsthauses, der Burg oder der St. Oswaldskirche, vor allem aber auch mit Menschen, die in der Stadt arbeiten oder wohnen, über Mittag eine Sandwichpause machen oder nach Büroschluss gedanklich „herunterfahren“ wollen. Bequeme Sitzbänke, ausladende Treppen mit Doppelsitzstufen und lose positionierte Sitzgarnituren in der Nähe des Holzpavillons laden zum Verweilen ein, zum Diskutieren, Picknicken, Lesen, oder einfach zum stillen „Sein“.


Die soziale Sicherheit ist aus Sicht der Behörden durch die übersichtliche Raumnutzung, die logischen Wegquerungen und die angemessene Beleuchtung gegeben. Und auch Gehbehinderte fühlen sich dank barrierefreier Gestaltung willkommen. Rollstuhlfahrer erreichen den Park mühelos von zwei Seiten und gelangen über eine sanft ansteigende Rampe zum erhöhten Holzpavillon. Zwei Behindertenparkplätze finden sich in unmittelbarer Nähe zum Zeughaus. Für die velofahrenden Nutzer der Studienbibliothek sowie die Angestellten des Obergerichts sind bei der südlich gelegenen Ein- und Ausfahrt 45 gedeckte, teilweise sogar abschliessbare Veloparkplätze reserviert.


In einem anspruchsvollen Prozess von Planung, Meinungsbildung und Entscheidung galt es freilich auch, einige Punkte des Siegerprojekts zu überarbeiten; wobei die Anpassungen minimal waren, wie Kantonsbaumeister Urs Kamber betont. So mussten etwa die ursprünglich von den Architekten vorgeschlagene Dachfläche des Pavillons von 180 auf 170 Quadratmeter reduziert, der Standort der Veloabstellplätze leicht versetzt und die Materialisierung der Beläge aus Kostengründen überarbeitet werden. Der gelungene Mix aus historischem Baumbestand und gepflanzten Jungbäumen hat für den Besucher ganz handfeste  Vorteile, weil er sowohl besonnte wie auch beschatteten Sektoren vorfindet. Erfreut zeigt sich die Bauherrschaft nicht nur über das Gesamtresultat, sondern insbesondere auch über die handwerkliche Qualität sämtlicher Holz- und Betonarbeiten. Man merke, so Urs Kamber, dass hier fähige Handwerker beteiligt waren, die etwas von ihrem Fach verstehen.


Es lohnt sich also, diesen Garten als Besucher genauer unter die Lupe zu nehmen; diesen Garten, der kurz nach seiner Eröffnung noch als Geheimtipp galt, doch auf dem besten Weg ist, sich als attraktive Alternative zu den teils stark frequentierten Freiräumen am See zu behaupten.


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LICHT  -  für Orientierung und Stimmung


Die Beleuchtung des Zuger Stadtgartens wurde als Pilotprojekt des so genannten „Plan Lumière“ der Stadt entwickelt. Die Zürcher Lichtspezialisten der Firma d’lite lichtdesign legten ein Konzept vor, bei dem die Parkhausfassade, der Velounterstand, das Wasserbecken, die überdachte Aussenfläche, der Weg entlang der Rundmauer sowie sämtliche Erschliessungswege und offenen Aufenthaltsbereiche eingebunden sind. Eine zweckmässige Grundausleuchtung mit 14 schlichten Kandelabern sorgt nachts für Sicherheit und Orientierung. Auf der unteren Ebene erhellen entlang der Hauptverbindung sieben, auf der oberen Ebene vier und entlang der Rundmauer drei Kandelaber das Gartenareal. Dimmbare Bodenlichtlampen, so genannte Uplights, entlang der Lattenverkleidung erzeugen einen stimmungsvollen Effekt und erzeugen einen Lichtschleier. Die Innenbeleuchtung der Studienbibliothek strahlt durch die in Rundbögen gefassten Fensterfronten im Sockelgeschoss nach aussen und erhellt diskret einen Teil der grossen Rasenfläche. Auch auf dem Dach des Pavillons wurden Lichter installiert  und lassen ihn nachts wie eine schmucke Laterne leuchten.