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DAS IST (M)EINE GUTE SCHULE

 

 

von Sabine Windlin

 

Eine gute Schule ist für mich eine Schule, die...

 

… Kinder nicht pathologisiert.


Individualität ist hoch im Kurs. Verschieden zu sein, betonen Pädagogen immerfort, sei normal. Und doch ist schnell die Rede von einer wie auch immer gearteten „Störung“, wenn Schulkinder sich nicht nach Norm verhalten. Entweder sind sie über- oder unterfordert, leiden an Verhaltensauffälligkeiten, Rechenschwächen, Konzentrationsschwierigkeiten, Defiziten im Sprachgebrauch oder beim Körpergefühl. Zusatzlektionen in Logopädie und Psychomotorik boomen, im Glauben, solche „Fehler“ müssten sofort korrigiert werden. Auch dann, wenn nur der Bleistift nicht einwandfrei in der Hand liegt. Schulsozialarbeit setzt die gute Schule nur da ein, wo sie nötig ist. Das heisst, in Fällen, wo Missstände herrschen, Eltern überfordert sind und Kinder Hilfe brauchen. Nur weil in der Klasse die Stimmung nicht so toll ist, es auf dem Pausenplatz zu Streitereien kommt und der Teamgeist hin und wieder zu wünschen übrig ist, braucht ein Schulhaus nicht den Sozialarbeiter für „Interventionen“ aufzubieten. Sonst gibt man ganz normalen Kindern laufend das Gefühl, nicht normal zu sein.

 

… das Rahmenprogramm nicht überfrachtet.


Toll, was Schulen nebst dem Unterricht alles bieten, doch manchmal ist es auch zuviel des Guten: Zirkusanimationswoche, Bewegungstage, Musikworkshops, klassenübergreifende Leseförder- und Theaterprojekte und Exkursionen in alle Himmelsrichtungen. Die Kreativität und das Engagement der Lehrpersonen ist beeindruckend und auch zu begrüssen – vorausgesetzt, dass vor lauter „Eventitis“ der Unterrichtsstoff – das Kerngeschäft der Schule – nicht zu kurz kommt. Vor allem schwächere Kinder leiden darunter, wenn ihnen wertvolle Unterrichtsstunden fehlen. Nichts gegen Schulreisen- und Klassenlager, aber Eltern haben, vor allem wenn sie berufstätig sind, keine Lust, mit ihrem Nachwuchs aufzuarbeiten, was vor lauter Zusatzprojekten vernachlässigt worden ist. Und es soll ja auch Kinder geben, die sich danach sehnen, einfach wieder einmal „ganz normalen Unterricht“ zu haben. Zu viele generalstabsmässig geplante Aktivitäten verunmöglichen genau das, worauf Kinder am meisten Lust haben: an einem heissen Tag spontan mit der Klassenlehrerin in die Badi gehen, ein Glacé essen, das schöne Wetter geniessen und mit ihr mal – statt nur über Schule – auch über Gott und die Welt reden.

 

… sich nicht überall von Experten dreinreden lässt.


Schulen werden immer wieder Zielscheibe von Organisationen, Stiftungen und Vereinen, die ihre Anliegen in die Schule tragen. Besonders umtriebig und hartnäckig sind Institutionen im Bereich Sport und Gesundheit. Sie gehen davon aus, dass Lehrpersonen dringend auf ihre Unterstützung angewiesen sind, decken diese mit tonnenweise Material ein und bieten sich als Animatoren vor Ort an, nicht kostenlos, versteht sich. „Fit vor fun“ fordern Bewegungsexperten, „gsunde Znüni! “, rufen die Gesundheitsspezialisten. Eine gute Schule weiss, wie sie ihre Kinder fit hält, und muss Eltern nicht unentwegt daran erinnern, dass ein Apfel gesünder ist als eine Tüte Pommes Chips. Sie braucht keine Anweisungen von Verkehrsexperten, wenn sie mit den Kindern eine Velotour unternimmt und kann das Thema Mobbing auch ohne psychologisch geschulte Expertenrunde in einer Schulstunde thematisieren.

 

… Lehrer beschäftigt, die Kinder mögen.


Lehrer, die in ihrem Beruf falsch sind, wirken sich fatal auf Schüler aus und leiden selber enorm. Natürlich, jeder Berufsstand kennt glänzende Vertreter und solche, die weniger taugen. Doch welche Beziehung – ausser zu Eltern und Geschwister – ist für ein Schulkind zentral und prägend? Jene zum Lehrer. Wenn Schüler leiden, dann nur in zweiter Linie unter der Last der Stunden oder der Fülle des Stoffs. Auf den Pädagogen kommt es an! Er ist matchentscheidend. Motivierte Lehrer können begabte Schüler zu guten Leistungen animieren und entsprechenden Noten verhelfen. Unfähige Lehrer können Biographien von Kindern nachhaltig ruinieren, Berufswege torpedieren, Angst schüren, Lebensfreude stehlen. Kinder testen Grenzen, wollen herausfinden, was geht und was nicht. Im Eltern- genauso wie im Schulhaus. Wenn sie kein perfektes Verhalten an den Tag legen, dürfen das Lehrpersonen nicht persönlich nehmen, sondern müssen in der Lage sein, aufzuzeigen, wie es anders / besser geht. Dabei hilft natürliche Autorität, Einfühlungsvermögen und Lebenserfahrung, Herz und Verstand. Unterrichten ist – trotz Verakademisierung – immer noch ein Handwerk, keine Wissenschaft.

 

… Mass hält beim kommunizieren und informieren.


Der Informations- und Dokumentationsdrang hat in vielen Schulen zu einem Zettelkrieg geführt. Vor allem Eltern mit zwei oder drei Kindern fürchten die Flut. Die papierlose Schule ist weder realisierbar noch anzustreben, aber eine Reduktion der Informationsmenge liegt drin. Wo soll der Hebel angesetzt werden? Beim umtriebigen Schulhausleiter, den verunsicherten Lehrpersonen oder bei den hysterischen Eltern, die sofort nach „Beweisen“ rufen, wenn im Zeugnis eine Leistung ungenügend ist? Klar ist: Die Menge an Papieren macht die gute Schule nicht aus, und auch die Vielzahl der Kreuzchen über Sozialkompetenz und Arbeitseinsatz ist kein Indiz dafür, wie gut ein Lehrer „seine“ Kinder kennt, wie nah er ihnen steht, wie ernst er sie nimmt. Infos über Schulreisen und Elternbesuchstage sind im Internet am richtigen Ort, können jederzeit aktualisiert und abgerufen werden und schonen unsere Chuchichäschtli. Im so genannten Kontaktheft bitte nur vermerken, was absolut unerlässlich ist. Hinweise über vergessene „Ufzgi“ und „reinschwatzen“ haben Eltern – sofern es kein Dauerzustand ist – nicht zu interessieren, sondern sollten zwischen Lehrer und Kind thematisiert und entsprechend sanktioniert werden.

 

… selbstbewusst und souverän auftritt.


So genannte Helikoptern-Eltern, die ihre Schützlinge rund um die Uhr überwachen, begleiten, beraten, machen auch vor der Schule nicht Halt und können für Lehrpersonen ein echtes Ärgernis sein. Die Lernziele nicht nach Hause gebracht? Da muss Papa gleich eine böse Email an die Lehrerin schicken. In der Pause wegen der gelben Hose ausgelacht? Ein klarer Fall von Mobbing! Am Mittagstisch schon wieder Fleisch und Pasta aufgetischt? Mein Kind hat Anrecht auf eine ausgewogene Ernährung! Eltern, die selber einer Arbeit nachgehen, haben keine Zeit, sich 24 Stunden mit der Schule zu beschäftigen. Und das ist auch gut so. Eine gute Schule tritt selbstbewusst auf und setzt auch Eltern gegenüber Grenzen. Gleichzeitig empfindet sie kritische Fragen nicht sofort als Frontalangriff und nimmt souverän Stellung. Eine gute Schule verzichtet auf verklausulierte Formulierungen à la „lernzielorientierte Fördermassnahmen“ und spricht Klartext. Die meisten Eltern und auch Kinder wissen nämlich ganz gerne, woran sie sind und nehmen sich Ratschläge von Lehrpersonen zu Herzen.

 

… nicht alles verbietet, was Spass macht.


Täuscht der Eindruck oder werden die Vorschriften an Schulen immer umfangreicher? Keine Konfetti auf dem Schulhausplatz, weil der Abwart anderntags so viel putzen muss. Keine Schneebälle im Winter, weil harter Schnee im Gesicht sehr weh tun oder eine Scheibe kaputt gehen könnte. Maximal 5 Franken Taschengeld auf die Schulreise, obligatorisches Haarföhnen nach dem Schwimmunterricht, keine Trottinettes im Veloständer, kein Taschenmesser beim Wurstbräteln usw. usf. Manche Ver- und Gebote machen Sinn, andere sind überflüssig und unsinnig. Darum hält sich die gute Schule mit Anweisungen zurück. Gewiss lässt sie uns wissen, wie der Stundenplan aussieht, welche Ziele sie im Unterricht verfolgt und wohin die Schulreise geht. Doch vieles kann sie getrost den Eltern überlassen, etwa die Wahl der Finken, der Leucht- und Filzstifte, der Turnschuhe, des Schulthekes und des Einfasspapiers für Schulhefte- und Bücher.