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NICHTS AUSSER ANGST

 

Sie will Geld verdienen, um es nach Haus zu schicken. Doch was immer sie tut, es ist illegal.

 

von Sabine Windlin

 

Der Name steht auf keiner Klingel und auf keinem Briefkasten. Dolores hat keinen Telefonanschluss, keine E-Mail-Adresse, keine Bankkarte. Sie hat weder Halbtaxabo noch Mietvertrag, noch Krankenkasse. Aber Angst, das hat sie. Angst, aus der Schweiz ausgeschafft zu werden.


Ihre Geschichte ist beispielhaft für hunderte von Frauen aus Lateinamerika und Schwarzafrika, die als so genannte sans-papiers in Europa leben. Menschen, die keine gültigen Papiere haben, Männer, Frauen und Kinder, die es offiziell gar nicht gibt. Namenlose Menschen. 1998 mussten 11 162 «sans-papiers» die Schweiz verlassen. Ausschaffung nennt sich diese unfreiwillige Rückreise in Amtsdeutsch. Die Fremdenpolizei stellt die Verfügung aus, das Ausschaffungsgefängnis beherbergt die «Klienten», und die Flughafenpolizei begleitet sie zum Flugzeug. Wer nicht freiwillig geht, wird gefesselt abgeschoben. Aber Dolores will nicht zurück nach Ecuador. Denn dann könnte sie ihrer Familie kein Geld mehr schicken.


Dolores hat keinen Beruf gelernt. Als sie acht war, musste sie die Schule verlassen und der Mutter beim Wäschewaschen helfen. Heute ist sie 38, kräftig gebaut, 1.60 Meter gross und trägt die schnurgeraden Haare in einem Pagenschnitt. Sie hat grosse braune Augen, die sich verfinstern, wenn jemand sie nach Aufenthalt und Status fragt. Dolores lebt in Zürich, ohne behördliche Bewilligung, ohne rechtlichen Schutz. Das geltende Recht macht sie zur illegalen Person. Darum ist sie gezwungen, sich äusserst korrekt zu verhalten. Die Angst, von der Polizei entdeckt und ausgeschafft zu werden, überschattet jeden Tag. Die Angst, in eine Passantenkontrolle zu geraten.


Dreizehn Jahre ist es her, da setzte sie sich in der ecuadorianischen Hauptstadt Quito in ein Flugzeug nach Zürich-Kloten. Sie kam mit einem kleinen Koffer und der grossen Hoffnung, Arbeit zu finden. Freundinnen hatten ihr erzählt, dass man in der Schweiz Geld verdienen könne. Die tüchtige Dolores wurde von ihrer Familie nach Europa geschickt, um hier zu arbeiten und jeden Monat Geld in die Heimat zu schicken.


Denn der Lohn, den ihr Vater als Landarbeiter verdient, reicht nicht aus, um die achtköpfige Familie zu ernähren. An der Passkontrolle in Kloten streckte Dolores dem Beamten Pass und Rückreiseticket entgegen. Sie sagte, sie wolle zwei Wochen Ferien machen, und passierte so den Zoll. «Es war einfach», erinnert sich Dolores. Damals, 1987, brauchten Reisende aus Ecuador noch kein Visum für die Schweiz. Doch das Ticket für die Heimreise blieb ungenutzt. Dolores blieb, und inzwischen ist ihr Pass abgelaufen. Sie hat keine Aufenthaltsgenehmigung. Über das Fraueninformationszentrum (FIZ) in Zürich fand sie den Kontakt zu anderen Frauen aus Lateinamerika und zu Schweizerinnen. Und auch die meisten ihrer Kunden werden ihr vom FIZ zugehalten.


Trotzdem: Aus dem erhofften Geld ist nichts geworden. Denn wer in der Schweiz keine Aufenthaltsbewilligung hat, bekommt keine Arbeitsbewilligung. Wer keine Arbeitsbewilligung hat, ist gezwungen, schwarzzuarbeiten, und das meistens für wenig Geld. Darum ist jeder Tag anders, ihre Gelegenheitsjobs wechseln ständig. Dolores putzt Wohnungen und hütet Babys. Ihre Arbeitgeber wissen, dass sie illegal in der Schweiz ist. Einmal geben sie ihr auf die Stunde zwanzig Franken, dann wieder nur sieben. Dolores, die täglich um ihre Existenz bangt, lehnt keine Angebote ab: «Ich bin um jeden Franken froh.» Sie würde zwar lieber in einem Restaurant arbeiten. Aber auch das macht ihr Angst, denn die Polizei kontrolliert die Restaurants regelmässig und fragt nach den Papieren der Angestellten. Wenn Dolores gerade keine Arbeit hat, holt sie die Kinder ihrer Bekannten von der Krippe ab. Oder sie geht nachmittags zum Frischmarkt, um nachzusehen, ob die Marktfahrer beim Aufräumen Gemüse oder Salat liegen lassen haben.


Angst hat sie auch bei der Billettkontrolle im Tram. Darum hat Dolores immer eine gültige Monatskarte bei sich, ein Geschenk ihrer Schweizer Freundin. Damit sie von der Polizei nicht entdeckt wird, muss sie sich verstecken. Sie hat keine eigene Wohnung, sondern wohnt an immer wieder anderen Orten, die ihr das FIZ vermittelt. Mal schlüpft sie für ein paar Wochen in einer Studenten-WG unter, ein andermal bei Bekannten. Letztes Jahr ist sie insgesamt zehnmal umgezogen.


Bei ihrer einzigen Schweizer Freundin fühlt sie sich fast wie zu Hause. Die Freundin hat Kinder, die Dolores Tia nennen, Tante. Wenn Dolores mit den Kindern Kartoffelstock und Fischstäbchen isst, muss sie an ihren eigenen Sohn, Carlos, denken. Ihn hat sie vor acht Jahren zum letzten Mal gesehen. Damals war er noch in der Pubertät. Jetzt ist er Buchhalter. Der Vater war eine flüchtige Bekanntschaft. Einmal pro Monat telefoniert sie mit Carlos. Eine Telefonkarte für zwanzig Franken reicht für zwanzig Minuten.


Dolores heisst Schmerz. «Das passt gut zu mir», sagt sie. Aber sie heisst nicht immer Dolores. Mal heisst sie Isabel, mal Belinda, dann Irena, Mercedes, Silvia. Wenn sie an ein Fest geht, wird es kompliziert. Dann nennen sie alle bei einem anderen Namen, und manchmal weiss Dolores selber nicht mehr, wie sie heisst. «Ich habe keine Identität», sagt sie und winkt freundlich dem Wirt einer Pizzeria zu. Der Wirt weiss, dass Dolores illegal in der Schweiz ist, aber er weiss nicht, wie sie richtig heisst. Wenn sie eine Pizza bestellt, spricht er Italienisch, denn Deutsch kann Dolores nicht. Sie kann nicht Deutsch, weil sie keinen Deutschkurs besucht. Wer einen Kurs besucht, muss ein Formular ausfüllen und Name, Adresse und Nationalität angeben.


Manchmal stösst Dolores an die Grenzen der heimlichen Existenz. Zum Beispiel, wenn sie krank wird. Personen, die es offiziell nicht gibt, werden nirgends behandelt. Aber Dolores leidet an Rheuma, kann den linken Arm oft kaum bewegen. Zum Glück hat Dolores einen Arzt gefunden, der sie kostenlos behandelt - und schweigt. Sie hofft, dass die Physiotherapie ihr helfen wird, sonst kann sie bald nicht mehr putzen, sondern nur noch bügeln, eine Arbeit, bei der sie lediglich den rechten Arm braucht. Im Sommer ist es für Dolores einfacher, Geld zu verdienen. Dann setzt sie sich mit einem Korb mit selbst gemachten «frituras», frittiertem Fleisch und Gemüse, an den See und verkauft sie den Spaziergängern. Oder sie geht an lateinamerikanische Festivals und knüpft den Kindern «trensitas», feine Zöpfchen.


Aber die Polizei kann jederzeit auftauchen. Einmal ging Dolores mit einem Bekannten am Zürichsee spazieren. Sie setzten sich auf eine Bank, da nahte ein Polizist. Dolores blieb tapfer sitzen. Sie dachte: Jetzt ist es vorbei. Aber der Bekannte hatte eine Idee. Er nahm Dolores in seine Arme und küsste sie, und der Polizist ging weiter. «Ich werde wie eine Kriminelle behandelt», sagt sie. Aber Dolores stiehlt nicht, sie nimmt keine Drogen. Nie würde sie die Strasse bei Rot überqueren, es könnte ihr zum Verhängnis werden.

 

Selten ist sie mit mehr als drei anderen Ausländern unterwegs, denn Ausländer in Gruppen werden von der Polizei häufiger überprüft. Die ständige Angst hat Dolores müde gemacht. Sie wirkt frustriert und verletzlich. Eine Zeit lang war sie depressiv und hatte jede Freude am Leben verloren. Dabei ist Dolores charmant und eine fröhliche Natur. Sie könnte einen Schweizer heiraten, dann wäre sie nicht mehr «sans papiers». Heiraten? Dolores lacht. Sie hat Freunde und Kollegen. Aber einer zum Heiraten ist nicht dabei.


Und zurückgehen nach Ecuador? Unmöglich. Bei der Ausreise würden die Beamten merken, dass sie sich seit Jahren illegal hier aufgehalten hat. Die Folgen: Verhaftung, Verhöre, Prozess, Strafe. Dolores ist in der Schweiz gefangen.

 

ENDE LAUFTEXT


Amnestie für «Papierlose»?


«Menschenwürde braucht keine Papiere.» Unter diesem Motto verlangen einige Exponentinnen und Exponenten des politisch linken Lagers vom Bundesrat eine Generalamnestie für alle «sans-papiers». Ziel ist es, ihnen dadurch zu einem legalen Status zu verhelfen. Wie viele Ausländerinnen und Ausländer ohne gültige Papiere in der Schweiz leben, ist nicht bekannt. Zu den «Papierlosen» zählen Frauen, Männer und Kinder. Bekämpft wird der Vorstoss vor allem von Politikerinnen und Politikern aus dem äusseren rechten Lager. Sie verlangen eine restriktivere Einwanderungspolitik. Zudem sollen illegal Anwesende konsequenter aufgegriffen und ausgeschafft werden. Die Schwarzarbeit der «Papierlosen» schade der schweizerischen Volkswirtschaft, argumentieren diese Kreise. Bürgerliche Politikerinnen und Politiker wollen vor allem gegen die Schwarzarbeit vorgehen. Sie befürworten das geltende Asylrecht. Dieses verlangt, dass Asylsuchende, die innert 48 Stunden keine Identitätspapiere vorweisen können, ausgewiesen werden. Sozialdemokratische Politikerinnen und Politiker fordern, nicht nur die wirtschaftliche, sondern auch die menschliche Seite in die Überlegungen einzubeziehen. Sie verlangen, dass papierlose Ausländerinnen und Ausländer nicht gleich kriminalisiert werden.