Kolumnen

 

 

PERSON, MENSCH, MITMENSCH

 

Amt für Individuen

 

von Sabine Windlin

 

Bei Erdrutschen, Überschwemmungen, Zugentgleisungen und Flugzeugabstürzen können Menschen ums Leben kommen, aber auch Personen oder Leute, nicht zu reden von Dorfbewohnern, Passagieren oder Insassen. Fest steht: Unter denen, die keines natürlichen Todes sterben, verdrängen die Menschen immer mehr die Personen. Denn der Mensch steht uns näher und ist daher beklagenswerter. Der Mensch tönt nach Schicksal und Individuum, die Person nach Statistik und Register. Ein Mensch verunglückt, eine Person verfügt über  ein bestimmtes Haushaltseinkommen oder schliesst eine Versicherung ab.

 

Niemand behauptet, die Person stamme vom Affen ab oder das Recht auf Nahrung, Bildung und Religionsfreiheit sei ein Personenrecht. Genauso wenig spricht beim freien Zirkulieren der Arbeitskräfte jemand von der Menschen-, sehr wohl aber von der Personenfreizügigkeit, die rege genutzt wird; etwa von international aktiven und prominenten Models, um nur ein Beispiel zu nennen. Bei dieser Spezies wiederum handelt es sich aufgrund ihrer hohen Präsenz in den medialen Klatschspalten um keine Menschen, sondern sehr nüchtern um Personen des öffentlichen Lebens.  Verlieren sie beim Klassiker der Gesellschafts-Brettspiele, gilt auch für sie, dies mit Fassung zu tragen: Mensch, ägerere Dich nicht! 

 

Sagen wir es so: Der Mensch ist ein Naturgeschöpf. Die Person ein Zivilisationsprodukt. Nach wie vor behauptet es sich in Fahrstühlen mit limitierter Gewichtskapazität und Lokalitäten mit beschränktem Platzangebot. Dem Güter- wird wiederum der Personenzug entgegengestellt, weil der Menschenzug so wenig wie der Trauerzug mit der Eisenbahn verwandt ist. Ereignissen, zumal bevölkerungsintensiven, hat unsere Anteilnahmen zu gelten, und darum wagt heute nicht einmal mehr der politische Gegner die Bemerkung, für ein Anliegen seien 3000 Personen auf die Strasse gegangen. Bei Solidaritätskundgebungen und Mahnwachen mit Kerzenlicht dürfte der Fall noch klarer sein. Hier tritt der Mensch - ach was!  -  der Mitmensch in Aktion.

 

Doch aufgepasst!  Wenn auch der Sprachgebrauch hier einer gewissen Logik folgt, die menschelt, lehrt uns der Alltag vor allem eines: Der Mensch muss trotz seines guten Rufes auf der Hut sein. Denn taucht er irgendwo unerwünscht auf, wird sein Abgang sicher nicht mit einem «Person, zieh Leine» gefordert, sondern mit einem messerscharfen «Mensch, hau ab!»