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«DENK-MAL IST PROGRAMM»

 

Georg Frey verabschiedet sich nach 12 Jahren von der Denkmalpflege des Kantons Zug. Viele Leute sahen in ihm den Anwalt für ihre bauliche Heimat. Andere reagierten verärgert über die Einmischung des Beamten.

 

von Sabine Windlin

 

Sie haben bis vor kurzem im stadtzuger Quartier Schönegg in einem alten Haus gewohnt, das im Winter 2013 abgerissen wurde und einem Neubau weichen musste. Wie lebte es sich in einem Abbruchobjekt?
Als ich als Mieter vor sieben Jahren einzog, war das Haus keine Abbruchliegenschaft, sondern einfach ein Haus, das deutlich älter war, als die meisten anderen Wohnhäuser in dieser exklusiven Gegend. Speziell war auch, dass das Haus seit seinem Bau im Jahre 1944 nie umgebaut wurde. Das machte das Wohnen darin zu etwas Besonderem. Ich mag Häuser aus den 1940er Jahren grundsätzlich, weil sie oft unspektakulär sind und ein gutes Wohngefühl vermitteln. Viele Bauten aus dieser Zeit weisen einen Touch Heimatstil auf, enthalten aber auch Elemente aus der Moderne.

 

Bevor die Bagger auffuhren haben Sie zu einer «Abbruchparty» geladen. Gehört sich das für den Denkmalpfleger?
Der Begriff stammt von meinen Freunden, die ich zu einem letzten Fest an die Zugerbergstrasse einlud. Gefeiert haben wir allerdings nicht den Abbruch des Hauses, sondern meinen Abschied von ihm. Schliesslich hatte ich darin tolle Jahre verbracht. Das Leben besteht unentwegt aus Brüchen. Diese kann man bedauern, ignorieren oder feiern. Ich bevorzuge Letzteres, um bewusst und positiv in neue Lebensabschnitte zu starten.

 

Sie hätten sich für die Unterschutzstellung des Hauses einsetzen können!
Nein. Denn für eine Unterschutzstellung muss ein Bauwerk nicht nur einen sehr hohen kulturellen, heimatkundlichen oder wissenschaftlichen Wert aufweisen, sondern es muss dafür auch ein öffentliches Interesse gegeben sein. Die Öffentlichkeit muss ein Objekt als Denkmal werten und anerkennen. Denkmalschutz ist nicht mit einer privaten Kunstsammlung zu vergleichen. Bei der staatlichen Unterschutzstellung muss per se eine gewisse zeitliche Distanz zum Objekt gegeben sein. Oft strahlen Denkmäler einen offensichtlichen historischen Wert aus, wie dies im Falle der Kirche St. Oswald, der Burg Zug oder des Regierungsgebäudes der Fall ist. Hier besteht ein breiter öffentlicher Konsens darüber, dass es sich um Baudenkmäler handelt. Nicht zuletzt, weil alle diese Häuser 100 Jahre und älter sind.

 

Bei jüngeren Denkmälern besteht dieser Konsens nicht?
Da braucht es mehr Überzeugungsarbeit. Doch für uns Fachleute ist das Alter des Baus nur eines von vielen Kriterien. Auf meine Empfehlung hin wurde beispielsweise das ehemalige Lehrerseminar St. Michael des Architekten Leo Hafner aus den 1960er Jahren, wo heute die Pädagogische Hochschule betrieben wird, unter Schutz gestellt. Massgebend war, dass es sich hierbei auch im Schweizerischen Kontext um einen architektonisch herausragenden Schulhausbau handelt. Wir Denkmalpfleger überlegen uns immer auch, ob ein Haus standortprägend oder identitätsstiftend ist. Dies kann auf eine imposante Kirche genauso zutreffen, wie auf ein einfaches Bergrestaurant, das Teil der Landschaft geworden ist.

 

Verraten Sie uns Ihre Lieblingshäuser!
Das sind vor allem bescheidene Bauten, die nicht ins Auge springen: zum Beispiel das Bootshaus des See-Club Zug beim Siehbach. Dieses Haus, 1938 von Architekt Walter Wilhelm realisiert, ist der erste Sichtbetonbau in Zug. Allein dieses Faktum verleiht ihm einen besonderen Wert. Oder, aus einem ganz anderen Grund, der Kiosk auf dem Postplatz Zug. Umstellt von Verkehrsschildern, Mülleimern, Lichtsignalen, Blumentöpfen, Fahrzeugen und Fussgängern behauptet sich dieser schräge, ja fast schäbige Kiosk seit Jahrzehnten mitten in Zug. Er hat als sympathischer Treffpunkt in einem gestalterischen Wildwuchs überlebt. Ich empfinde ihn als Bereicherung. Jedes Mal, wenn ich an ihm vorbei gehe, denke ich: Wow, er steht noch!

 

Geht es bei der Denkmalpflege primär um Ästhetik?
Diese Annahme ist ein weit verbreitetes Missverständnis. Mehr als um die Bewahrung des Schönen geht es um den Erhalt eines Zeitzeugnisses. Dieses kann mehr oder weniger ästhetisch sein. Meine denkmalpflegerische Arbeit war nur zu einem kleinen Teil von ästhetischen Gesichtspunkten geprägt. Mindestens so wegweisend war für mich die Beziehung, die ein Gebäude zu den Menschen herstellt. Meinen Mitarbeiterinnen habe ich oft gesagt: ihr könnt nicht gegen den Willen der Leute Denkmalpflege betreiben. Letztlich kann die Denkmalpflege nur so viele Häuser unter Schutz stellen, wie die Öffentlichkeit ihr zugesteht.

 

Ist Denkmalpflege dem Zeitgeist unterworfen?
Auf jeden Fall. Noch vor zehn oder fünfzehn Jahre hat kaum jemand daran gedacht, Fabriken unter Schutz zu stellen. Erst als man in Zürich und Winterthur aktiv wurde, kam es zu einer Sensibilisierung. Plötzlich interessierte man sich für Umnutzungen. Und hier sind wir bei einem weiteren zentralen Punkt, der den Reiz der Denkmalpflege ausmacht, und sie für mich persönlich so attraktiv machte: zu zeigen, wie ein Gebäude nicht nur geschützt, sondern auch gebraucht werden kann. Dieser Anspruch hängt wohl auch damit zusammen, dass ich nicht Kunsthistoriker, sondern Architekt bin. Die Geschichte der Denkmalpflege in der Schweiz ist gut hundert Jahre alt und begann mit Burgen. Bei deren Erhalt spielte der Gebrauch keine Rolle, die romantische Phantasie um Burgfräuleins und Ritter hingegen eine sehr grosse. Die heutige Devise hingegen lautet: erhalten und beleben. Man muss ein Bauwerk brauchen können. Erst wenn ein Gebäude in keiner Art und Weise mehr genutzt werden kann, ist es vielleicht an sein Lebensende gekommen.

 

Private freuen sich nicht immer, wenn sich die Denkmalpflege  einschaltet.
Das kommt drauf an. In vielen Fällen kaufen Leute bewusst ein altes Haus, weil sie am Alten Freude haben. Andere wiederum erben eine alte Villa oder ein Bauernhaus und wollen ebenfalls darin wohnen. Häufig kommen sie von sich aus auf die Denkmalpflege zu und beantragen selber die Unterschutzstellung. Dies kommt häufiger vor, als man denkt. Sei es, weil die Eigentümer einfach am langfristigen Fortbestand des Objekts interessiert sind. Sei es, weil der Kanton und die Gemeinde Beiträge an die Kosten der Renovation ausrichten, wenn sie dem Erhalt des Originals dient.

 

Das klingt sehr harmonisch.
Konflikte gibt es selbstverständlich auch. Aber es ist nicht so, dass die kantonale Denkmalpflege sich in einem Dauerstreit mit  Eigentümerschaften befindet, wie man das aufgrund von Einzelfällen glauben könnte, die in den Medien diskutiert werden. Aber natürlich ist sie eine Behörde, die sich einmischt, sich einmischen muss! So fand ich mich während meiner Amtszeit oft in der Rolle des Mediators. Dass bei Liegenschaften mit historischen Gebäuden ein Konflikt besteht zwischen den Renditeerwartungen und dem Gebäudeerhalt, kommt immer wieder vor. Die hohen Bodenpreise haben zur Folge, dass ältere Gebäude im Immobilienmarkt nichts mehr wert sind. Gegen diese pekuniäre Wertlosigkeit kann sich das Baudenkmal nur mit seinem kulturellen Wert behaupten.

 

Kam es oft vor, dass Private sich gegen die Unterschutzstellung ihres Hauses mit juristischen Mitteln wehrten?
Zu Beginn meiner Tätigkeit in Zug gab es kaum solche Fälle. In den letzten Jahren hingegen kam es vermehrt vor, dass Eigentümer gegen eine Unterschutzstellung Beschwerde eingereicht haben; meist, weil sie das Gebäude abreissen wollten. In solchen Fällen entscheidet dann der Regierungsrat, das Verwaltungs- oder Bundesgericht als Beschwerdeinstanz. Interessant ist, dass bisher alle Unterschutzstellungen von den Beschwerdeinstanzen gestützt wurden. Das zeigt, dass unsere Argumentation auch vor der kritischen Infragestellung stand hielt.

 

Wurden Sie in der Öffentlichkeit aufgrund ihres Amtes angefeindet?
Nein, aber es kam vor, dass in Diskussionen mit Eigentümern Leidenschaft aufkam und verbal die Fetzen flogen. Es hiess dann oft, die Denkmalpflege wolle alles museumsmässig unter Schutz stellen. Das stimmt nicht. In Wirklichkeit ist die Anzahl geschützter Bauwerke sehr bescheiden. Von den rund 25‘000 Gebäuden im Kanton Zug stehen 446 unter Denkmalschutz. Dies entspricht knapp 2 %. Viel häufiger als Anfeindungen erlebte ich Gespräche mit Leuten , die besorgt auf mich zukamen, etwa, wenn in ihrer Nachbarschaft ein altes Haus abgerissen wurde. Diese Leute sahen mich als Anwalt ihrer vertrauten, gebauten Heimat.

 

Besorgt um den Schwund von alter Bausubstanz in Zug fragte ein Leserbriefschreiber einmal rhetorisch: «Wo ist der kantonale Denkmalpfleger?»
Und ein anderer empörte sich: «Schützt die Denkmäler vor dem Denkmalpfleger!» Da sieht man, wie unterschiedlich meine Arbeit in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. Ich selber sehe mich als Botschafter für bauliche Artenvielfalt. Den Leserbriefschreiber, der fragte, wo ich sei, lud ich zu mir ins Büro ein und zeigte ihm anhand von konkreten Beispielen auf, wie der Kanton und Private in vielen Fällen erfolgreich zusammenarbeiten. Ein gutes Beispiel ist der Grosstraumstall, den George Page, der Gründer der Swiss Condensed Milk Company, Ende des 19. Jahrhunderts in Langrüti in Hünenberg bauen liess. Der Musterlandwirtschaftsbetrieb war wegen seiner Tragwerkskonstruktion und seiner architektonischen Gestaltung einzigartig. Mit dem Ziel, das Gebäude möglichst unverändert zu belassen, haben Eigentümer und Architekt in enger Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege ein Restaurierungskonzept erarbeitet, das private und denkmalpflegerische Interessen gleichermassen berücksichtigte. Heute wird dort eine Druckerei betrieben. Der Bau lebt!

 

Sie haben in den vergangen Jahren oft Ihre Tochter in der syrischen Hauptstadt Damaskus besucht. Was haben Sie für einen Ort vorgefunden?
Einen Ort von beeindruckender geschichtlicher Tiefe. Dass meine Tochter dort studierte und arbeitete, war für mich ein Glücksfall. Denn Damaskus gilt weltweit als der älteste, dauerbesiedelte Platz. Das sieht und spürt man überall. Die berühmte Altstadt mit der Umayyaden Moschee ist UNESCO-Kulturerbe. Aber ich war auch in Gegenden ohne Touristenattraktionen unterwegs, habe stundenlange Spaziergänge in  neue Stadtgebiete unternommen, die stark von der Moderne der 1930er Jahre geprägt sind. Ende 2011 war ich letztmals in Damaskus. Der Bürgerkrieg, der schon damals in Gang war, bringt dem Land täglich unermessliches menschliches Leid. Die Zerstörung von Kulturgut ist eine zusätzliche Katastrophe, weil damit für die Betroffenen auch Heimat verloren geht. 

 


Georg Frey, 64, ist Architekt und war von 2001 bis 2013 kantonaler Denkmalpfleger bei der Direktion des Innern. Vorher übte er die gleiche Funktion in Appenzell Ausserrhoden aus und wohnte in Trogen in einem bäuerlichen Wohnhaus aus dem 18. Jahrhundert. Er hat zwei erwachsene Kinder und ist zweifacher Grossvater. Freys Nachfolger ist der  Luzerner Architekt Artur Bucher.