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DAS ORIGINAL VOM BERG

 

Das Kantonale Gymnasium Menzingen kgm hat zehn abwechslungsreiche und herausfordernde Jahre auf dem Buckel und bringt sich konstruktiv in die aktuelle Mittelschulplanung ein.

 

von Sabine Windlin

 

In Zimmer 10 des langen Schultrakts mischt sich ins Tuscheln eine leichte Spannung. Heute erhält die Klasse 4z ihre Physikprüfung zurück. Über elektrische Felder und Flächenladung, die Wirkung von UV- und Handystrahlen musste die Klasse Bescheid wissen und hört sich nun die Erläuterungen der Lehrerin dazu an. Gefordert sind die Hirnzellen auch in Zimmer 12 nebenan. Hier studiert die Klasse 2z Formeln der Elementargeometrie und befasst sich mit Strahlensätzen und zentrischen Streckungen. Würde Hochdeutsch gesprochen, wähnte man sich in einer normalen naturwissenschaftlichen Lektion. Doch die Schülerinnen und Schüler der 4z und 2z streben eine zweisprachige Matura an und bekommen den naturwissenschaftlichen Stoff in Englisch vermittelt. Winkeltreue heisst hier „angle preserving“, Röntgenstrahlen sind „x-Rays“.

 

Am anderen Ende des Gebäudetrakts sitzt Rektor Markus Lüdin und vernimmt durchs Fenster eine schneebedeckte Winterlandschaft. Es fällt schwer, das Kurzzeitgymnasium auf 800 Metern über Meer ohne Hinweis auf die ausserordentlich attraktive Lage zu beschreiben. Dem stereotypen Hinweis auf den landschaftlich idyllisch eingebetteten Schulbetrieb und das vorherrschende familiäre Lernklima zum Trotz, fällt sofort auf: Hier wird für die Wissensvermittlung und an der Persönlichkeitsbildung der 160 angemeldeten Schülerinnen und Schüler hart gearbeitet. Rektor Lüdin spricht von der Schulung einer „verantwortungsvollen Bildungselite“, die nicht nur die Studierfähigkeit, eine steile Karriere, pralle Lohntüte und individuelles, berufliches Fortkommen vor Augen haben soll, sondern auch ein Sensorium für gesellschaftliche, wirtschaftliche und ökologische Zusammenhänge.

 

Das grösste Privileg für ihn selber bestand vor 10 Jahren darin, mit einem 13-köpfigen Lehrerteam und 45 Jugendlichen à 2 Klassen das kgm mitgründen und der Schule zu einem eigenständigen pädagogischen Profil verhelfen zu dürfen. Letzteres zeigt sich etwa darin, dass 80 Prozent der Lektionen als Doppellektionen gehalten werden, weil die längeren Zeiteinheiten mehr thematische Vertiefung und konzentriertes Arbeit erlauben. Dazu gehört ferner die konsequente Berücksichtigung von Themen im Bereich der nachhaltigen Entwicklung und der internationalen und interkulturellen Verständigung, die 2011 in der offiziellen UNESCO-Assoziierung des kgm mündete. Dazu gehört nicht zuletzt aber auch die intensive Pflege von drei bis vier Studienwochen pro Jahr, in denen die Schülerinnen und Schüler in klassenübergreifenden Ateliers spezielle Themen erarbeiten, in denen der Fokus sich auf Literatur, Musik oder Geschichte richtet. Für die Schulleitung sind solche Projekttage- oder wochen, gemeinsame Konzerte und Theateraufführungen keine Alibiübungen, sondern von grosser Bedeutung, weil das Ausbrechen aus dem Regelunterricht bei den Schülern oft ungeahnte intellektuelle und kreative Energien freisetzt. „Stundenpläne und Stofffokussierung, Leistung und Struktur sind wichtig, aber Bildung braucht auch Sammlung, Musse und gemeinsame, emotionale Erlebnisse“, ist Lüdin überzeugt, der alle Schüler mit Namen kennt und selber auch noch Englisch unterrichtet. Das kgm konnte den Anspruch, in Menzingen nicht einfach eine Kurzzeitkanti, sondern ein Gymnasium mit eigenem Geist und Groove aufzubauen, einlösen. Das kgm ist keine Kopie, sondern ein Original.

 

Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die Schule seit Sommer 2012 einen erweiterten Fächerkatalog bei den Maturatypen anbietet. Dieser ermöglicht den Schülerinnen und Schülern nicht mehr nur eine musisch-sprachlich Ausrichtung, sondern auch eine Schwerpunklegung im Bereich Mathematik, Natur- Wirtschafts- und Rechtswissenschaften. Auf diese Weise sollen einerseits mehr Buben nach Menzingen gelockt und gleichzeitig die unter Platznot leidende Kantonsschule Luegeten in Zug entlastet werden. Die Erweiterung hat sich aber auch aufgedrängt, weil das kgm in den Jahren 2009 bis 2011 einen empfindlichen Rückgang bei den Schülerzahlen (von 220 auf 140) verzeichnen musste. Dies vorab wegen des elterlichen Drangs zum  Langzeitgymnasium. Damit wiederum wird die nächste grosse Neuerung begründet, die am kgm ansteht: Das kgm soll ab Sommer 2015 um ein Langzeitgymnasium ergänzt werden und ab diesem Zeitpunkt folglich auch Kinder ab der 6. Klasse aufnehmen. Statt wie derzeit 10 Klassen, würden gemäss Berechnungen der Bildungsdirektion an der Schule in drei Jahren 14 Klassen, und in zehn Jahren gar 24 Klassen unterrichtet.

 

So gewichtig und einschneidend diese bildungspolitischen Entscheide sein mögen – den schulische Alltag in Menzingen tangieren sie nicht. Dafür ist man zu stark mit dem Schulstoff beschäftigt, den es zu verstehen, zu vertiefen – ja durchaus auch –zu pauken gilt: Bei der 3b steht Embryologie auf dem Programm. Doch statt ihren Schülern Schritt für Schritt zu erklären, wie aus einem Ei ein Mensch wird, will Lehrerin Regula Walti von den Jugendlichen erst mal hören, was sie darüber bereits wissen, und das ist, wie ein spontanes Brainstorming zu Tage fördert, einiges. Nicht lange dauert es, und im Schulzimmer entspannt sich eine lebhafte Diskussion, die weit über das Thema Befruchtung hinausgeht und interessante Fragen und Meinungen zu Stammzellen, Chromosomensätzen, Gendefekten und Zwillingsschwangerschaften aufwirft. Etwas Anlaufschwierigkeiten bekundet die 3a in Zimmer 9, die im Französisch „Un coupable“ von Jean-Denis Bredin behandelt. Lehrerin Gaby Strebel ist nachsichtig und zeigt ein gewisses Verständnis dafür, dass das Résumé über das sozialkritische Werk nur stockend zustande kommt, zumal der Unterricht in der morgendlichen Frühstunde um 7.45 Uhr stattfindet. Doch nach zwanzig Minuten ist die Klasse warmgelaufen, hat die Handlungsstränge wieder präsent und es gelingt, die verschiedenen Protagonisten des Buches zu charakterisieren und die Absichten des Autors zu analysieren.

 

Läuft denn der Schulbetrieb immer so harmonisch ab? Markus Lüdin hält inne und räumt ein, dass es disziplinarisch tatsächlich kaum oder höchst selten Probleme gebe, was wohl damit zusammenhänge, dass die Schülerinnen und Schüler sich hier schlicht wohl, gut betreut und aufgehoben fühlten, dass sie viel mitgestalten dürften, genügend Freiraum hätten und offenbar wenig Grund sähen, gegen den Schulbetrieb Widerstand zu leisten oder gar gegen einzelne Lehrpersonen zu rebellieren. „Wenn es Probleme gibt, sind diese nicht disziplinarischer Natur, sondern haben eher mit der persönlichen Situation zu tun, in welche einzelne Schüler unverschuldet geraten“, erzählt Lüdin. Diesbezüglich besonders gefordert war die Schulleitung im Jahr 2007, als einzelne Schülerinnen schwerwiegende persönliche Krisen durchliefen und mit Problemen im Bereich Essstörungen und Depressionen zu kämpfen hatten, die selbstredend vor der Schule nicht Halt machten. Hier sind die Menschenkenntnisse und das Feingefühl des Rektors gefragt, der als Vater von vier Kindern im Alter von 18 bis 23 Jahren weiss, mit welchen Nöten und Ängsten Heranwachsende in der Adoleszenz zu kämpfen haben.

 

Motivierend für Schulbetrieb und die Lehrkräfte wirken sich die Resultate des Instituts für Wirtschaftspädagogik IWP der Universität St. Gallen aus, das den kgm-Abgängern einen hohen Studienerfolg an den weiterführenden Schulen (Universitäten, Fachhochschulen, ETH u.ä.) bescheinigt. Die Untersuchung beliess es nicht bei einer Bestandesaufnahme der Unterrichtsqualität, sondern wollte wissen, wie sich die drei ersten Menzinger Maturajahrgänge im Studium behaupteten. Ergebnis: der Prüfungserfolg bis zum Bachelor liegt bei bemerkenswerten 90 %, während der gesamtschweizerische Durchschnitt gemäss IWP 76% beträgt. Natürlich freut sich Rektor Lüdin über dieses Zeugnis, gleichzeitig ist er offen, falls die Untersuchung an seiner Schule Defizite aufdecken würde. „Als Rektor will ich wissen, ob die Kenntnisse und Fähigkeiten, die wir vermitteln, im Studium von Nutzen sind.“ Wenn die Pionierjahrgänge ihren Master gemacht haben, soll die Befragung darum fortgesetzt werden.

 

Noch vor der Kantonsschule, nämlich 2005 startete das kgm mit dem Angebot der zweisprachigen Matura, bei der die Schüler fünf Fächer – nämlich Physik, Mathematik, Chemie, Geschichte und Gestalten ¬ –  in englischer Sprache absolvieren. Wie ernst es dem kgm mit der Zweisprachigkeit ist, zeigt sich daran, dass die eidgenössischen Vorgaben hier deutlich übertroffen werden. Laut EDK muss ein Maturand dieser Abteilung zwingend 600 so genannte Immersionslektionen in Englisch absolviert haben, doch am kgm sind es gar deren 1000. Entsprechend kommunizieren die Jugendlichen mit einer Selbstverständlichkeit auf Englisch, dass sogar die Lehrkräfte staunen. Interessant ist eine weitere Beobachtung, die Rektor Lüdin gemacht hat: Schülerinnen, die sich eher schwer tun mit Naturwissenschaften, haben plötzlich mehr Freude daran, wenn das Fach auf Englisch unterrichtet wird.

 

Angesprochen auf die Standortfrage und die aktuelle Mittelschulplanung, entfährt Markus Lüdin ein Seufzer. Ja, es sei „ein kleiner Schock“ gewesen, als im April 2012 erneut, aber völlig unvermittelt, Cham als möglicher Standort beziehungsweise  als Alternative zu Menzingen für ein ausgebautes kantonales Gymnasium ins Spiel gekommen sei. Doch der Druck der Ennetsee-Fraktion sei zu stark geworden, als dass der Regierungsrat nicht hätte reagieren können, bekennt Lüdin, der den Prozess der erneuten Standortevaluation aktiv mitgestaltet und mit den zuständigen Regierungsräten und Gremien in intensivem Austausch ist. „Doch wie stark immer das kgm mit dieser Umgebung und der Schwesterngemeinschaft als Eigentümerin verhaftet ist, wir sind in erster Linie Auftragnehmer“, relativiert Lüdin. Was gegenwärtig stattfindet, erachten er und sein Team als einen politisch nachvollziehbaren, letztliche notwendigen und fair gestalteten Prozess, aus dem am Ende – hoffentlich – die für den Kanton Zug und alle künftigen Gymnasiastinnen und Gymnasiasten beste Lösung resultiert.

 

Selbst die Ennetsee-Fraktion muss jedoch anerkennen: Es wäre eher seltsam, wenn das gleiche Team, das vor zehn Jahren mit viel Enthusiasmus  das kgm aufgebaut hat, nun einfach klein beigeben, den Standort über dem Nebelmeer aufgeben und gedanklich bereits die Zügelkisten für den Umzug ins Tal packen würde.