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DIE NABELSCHAU DER COACHINGBRANCHE

 

Mehr Sinn im Leben, Schwung in der Beziehung, Erfolg im Job. Die Coachingbranche bietet Hilfe in allen Lebenslagen. Jetzt soll der Coach auch eidgenössisch anerkannt werden und heisst dann «Begleiter von Veränderungsprozessen»

 

von Sabine Windlin

 

Die Äusserung «Ich bin im Coaching tätig» lässt einen oft etwas ratlos zurück. Denn einerseits ist der Begriff in aller Munde, anderseits weiss niemand so recht, was damit gemeint ist. Während sich der auf die Finanz- und IT-Branche spezialisierte Consultant durch das Erbringen einer klar definierten Dienstleistung etabliert hat, bewegt sich der Coach in einer Grauzone: irgendwo zwischen dem Psychologen, dem Sozialarbeiter und dem Guru.
 

Coaching ist vieles: die Begleitung des übergewichtigen Nachbarn beim Joggen (Personalcoaching), die Beratung von Eltern mit Erziehungsschwierigkeiten (Familiencoaching) oder die Betreuung von Berufsleuten mit Veränderungswünschen (Laufbahncoaching). Das Praktische daran: Coach kann sich jeder nennen. Die Berufsbezeichnung ist nicht geschützt, und es existieren keine Qualitätsstandards für diese Tätigkeit. Erwartet werden von den marktführenden Weiterbildungsinstituten meist eine dreijährige Berufslehre und vier Jahre Berufserfahrung, manchmal auch ein Hochschulabschluss. Die Kosten für die berufsbegleitenden Lehrgänge liegen zwischen 15 000 und 30 000 Franken. Dann schwärmen die Coachs aus in die Persönlichkeits-, Organisations- und Führungsentwicklung, wobei das Grundwort «Entwicklung» durchaus bewusst gewählt ist, wohl um nicht falsche Erwartungen zu wecken. Nicht die Anvisierung eines konkreten Ziels ist Sinn und Zweck der meisten Coachings, sondern die Begleitung eines Prozesses - wohin immer dieser führen mag.

 

Oft ist die Rede von Entwicklungspotenzial, Perspektivenwechsel und Ressourcenaktivierung, und man fragt sich mitunter, ob es wirklich darum geht, den Kunden eine praxistaugliche Hilfe zu bieten, oder ob es nicht allenfalls der sich anbietende Coach selber ist, der in einem Prozess der Selbstfindung steckt. Die Ratschläge, mit denen sich Coachs auf ihren Websites anpreisen, hören sich jedenfalls so an: «Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit gezielt nach innen», heisst es etwa, «erkennen Sie eigene Handlungs- und Denkmuster», «finden Sie zu einem bewussteren Umgang in Ihrem Alltag» oder «lösen Sie sich aus der Spirale von Zwängen und Forderungen». Hält ein Coach einen Vortrag vor internationalem Publikum, dürfen Begriffe wie Empowerment oder Awareness nicht fehlen – auf gut Deutsch: Bestärkung und Bewusstheit.

 

Allein in der Deutschschweiz gibt es über 50 Institutionen, die Leute zu Coachs ausbilden und ihnen zu einem im Arbeitsmarkt mehr oder weniger bekannten Titel verhelfen: zum Coach BSO, verliehen vom Berufsverband für Coaching, Supervision und Organisationsberatung, zum Coach SCA, verliehen von der Swiss Coaching Association, zum Coach ECA, verliehen von der European Coaching Association, oder zum Coach ICF, verliehen von der International Coach Federation. Unabhängig vom Titel zeichnen sich die Coachs durch ein mehr als nur intaktes Selbstbewusstsein aus und preisen sich als Alleskönner an, die potenziellen Kunden, verunsicherten Menschen, Hilfe versprechen – egal ob diese unter einem Suchtproblem, Stimmungsschwankungen oder einem Kriegstrauma leiden. Um ein wenig Licht ins Dickicht zu bringen und dafür zu sorgen, dass das Image des Coachings nicht geschädigt wird, soll nun der Coach nach dem Ablegen einer Prüfung einen eidgenössisch anerkannten Fachausweis erlangen können. Inhaber dieses Titels sollen dereinst seriös in Firmen zum Einsatz kommen oder auf die berufliche Selbständigkeit vorbereitet werden.

 

Auffallend ist: Die Coaching-Branche ist stark mit sich selbst beschäftigt. In Coaching-Verbänden organisierte Mitglieder laden sich gegenseitig an ihre aufwendig inszenierten Kongresse ein und bieten sich gegenseitig als Referenten und Dozenten auf. Ein wichtiger Player dabei ist das Departement Angewandte Psychologie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), das den wissenschaftlichen Überbau liefert, indem es «Wirkfaktoren und Kongruenzerleben im Führungskräfte-Coaching» oder die «Risiken und Nebenwirkungen von Coaching» erforscht. Die Hochschule führt jährlich eine Marktumfrage bei Schweizer Coachs durch, um deren Befindlichkeit auszuloten. Die neuste Befragung legte den Fokus auf die Frage: «Was verstehen Coachs unter Coaching?» Offenbar besteht diesbezüglich auch innerhalb der Branche Klärungsbedarf.

 

Interessant ist die Typologie des Coachs, die sich durch die Befragung – sozusagen als Nebenprodukt – ergeben hat. Der typische Coach ist nämlich eine Sie: 49-jährig, selbständig und in Zürich wohnhaft. Ferner hat sie acht Jahre Berufserfahrung, verfügt über einen (Fach-)Hochschulabschluss in Wirtschaft oder Psychologie, arbeitet Teilzeit und belegt Weiterbildungskurse. Konkret begleitet sie jährlich 10 Prozesse à 7 Sitzungen, die 89 Minuten dauern, und verrechnet die Stunde mit 185 Franken, wobei die Zahl mit Vorsicht zu geniessen ist. Im Coaching-Business wird gemeinhin nicht nach Stunden abgerechnet, sondern nach «Beratungsinteraktionen».

 

Ob Mediation, Supervision, Emotionsregulation, Trancekommunikation, Psychosynthese, Transaktions- oder Existenzanalyse – ständig alimentiert sich die Branche mit neuen Begriffen. Dadurch schafft sie zwar nicht mehr Klarheit, suggeriert aber, Familien und Firmen mithilfe der stets neusten «wissenschaftlich erprobten Methoden» aus unerfreulichen Situationen, sogenannten Blockaden, zu führen. Eine selbsternannte «Coach Akademie Schweiz» bietet Basis-, Master- und Fachlehrgänge nach einem Dr. Milton Erickson an, deren Teilnehmer sich nach sechs Tagen mit dem Titel «Systemischer Trance Coach» schmücken dürfen. Mittels «Integrative Body-Mind-Training» soll die Integration «von Körper, Kognition, Emotion und Spiritualität» herbeigeführt werden, während das «wingwave-coaching» die «Regulation von Leistungsstress und bilaterale Hemisphärenstimulation» ermöglicht. Hoch im Kurs steht auch die «Symbolon-Methode». Diese soll unter Zuhilfenahme von Bildern angeblich dabei helfen, die Teamentwicklung in Firmen zu optimieren oder das Rollenverständnis innerhalb von Familien zu verbessern. «Die Fachkompetenz», doziert der Symbolon-Coach mit Blick auf eine grünblaue Ebene, «ist das Festland; die Umgangskompetenz: der See.»
 

Selbstverständlich sind kreative und unkonventionelle Ansätze auch in der Bewältigung von Problemen erlaubt. Aber muten seriöse Firmen, Verbände oder Verwaltungseinheiten – und diese werden von den Coachs als Referenzen genannt – ihren Mitarbeitenden nicht zu viel zu? Unaufhörlich ist die Rede von Selbstkongruenz, Selbstmanagement und Selbstwirksamkeit. Und zu welchem Problem der Coach auch immer beigezogen wird: Alles ist bei ihm «systemisch», «situationsangemessen» und «lösungsorientiert». Letztgenanntes impliziert, dass es auch Beratungen gibt, die darauf abzielen, statt Probleme zu lösen, neue zu kreieren.

Der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ist es ein echtes Anliegen, dass, «wo Coaching draufsteht, auch Coaching drin ist». Dass ein Coaching den erhofften Erfolg bringe, könne jedoch nie garantiert werden. Die «Lösungsverantwortung», betont die ZHAW, liege beim Kunden.

 

Interview mit Peter Bürki, 56, Präsident der Swiss Coaching Associaion SCA und Leiter des Coaching Zentrum Olten

 

Früher lautete ein Sprichwort „Wer nichts wird, wird Wirt.“ Schaut man sich die boomende Beratungsbranche an, in der sich mehr oder minder qualifizierte Berufsleute als Coachs anpreisen, könnte man auch sagen: „Wer nichts wird, wird heutzutage Coach.“ Wie sehen Sie das?
Bestätigen kann ich, dass der relative junge Beruf des Coachs über eine hohe Anziehungskraft verfügt und im Laufe der letzten 20 Jahre eine Vielzahl von Institutionen entstanden sind, die Leute zum Coach, Supervisor oder Organisationsberater ausbilden.

 

Warum wollen so viele Leute Coach werden?
Offenbar ist das Bedürfnis, in einer Art und Weise unterstützend zu wirken, sehr verbreitet. Doch das qualifiziert mich noch lange nicht zum Coach. Auch reicht es nicht, eine tolle Website aufzuschalten und im Freundeskreis zu erzählen, man sei jetzt Coach. Wenn ich als Coach in die Selbständigkeit gehe, brauche ich ein ausgezeichnetes Beziehungsnetz und idealerweise Kenntnisse in einer bestimmten Branche. Ansonsten ist das Vorhaben zum Scheitern verurteilt.

 

Sprechen Sie aus Erfahrung?
Ich kenne den Markt recht gut und weiss, wie hart umkämpft er ist. Selber bin ich gelernter Maschinenmechaniker und habe mich innerhalb meiner beruflichen Laufbahn in das höhere Kader hochgearbeitet. Vor 15 Jahren habe ich mich selbständig gemacht und zwei heute sehr erfolgreiche Ausbildungsinstitutionen gegründet. Als Coach und Organisationsberater liegt mein Schwerpunkt bei Change Management Prozessen und in der Personalentwicklung. Das sind meine Praxisfelder, die ich als eidgenössisch diplomierter Betriebsausbildner gut kenne. In diesen Branchen weiss ich, wie die Leute ticken. Hier kann ich die passenden Fragen stellen und auf wunde Punkte hinweisen.

 

Executive-Coaching, Health-Coaching, Hypno-, Trance-, Spiritual- und Astrocoaching. Dies alles klingt nicht sehr vertrauenswürdig. Haben Sie als Präsident der Schweizerischen Coaching Association den Durchblick?
Nein, denn es gibt tatsächlich die verrücktesten Kurse und Angebote, die teilweise – man kann es nicht anders sagen – Quatsch sind. Für unsere Branche ist das problematisch, weil die Gefahr besteht, dass dadurch das Image des Coachings beschädigt wird; eine Tätigkeit, die äusserst anspruchsvoll ist, viel analytisches Knowhow und Menschenkenntnisse erfordert.

 

Die SCA setzt sich zusammen mit der Schweizer Kader Organisation SKO auf Bundesebene dafür ein, dass Coachs künftig eine Berufsprüfung ablegen und einen eidgenössisch anerkannten Fachausweis erlangen beziehungsweise eine Höhere Fachprüfung ablegen können. Was erhoffen Sie sich davon?
Einerseits, dass die Spreu vom Weizen getrennt wird, anderseits, dass es zu einem Paradigmenwechsel kommt. Künftig soll nicht mehr entscheidend sein, wer sich an welchem Institut, an wie vielen Tagen zu welchem Preis zum Coach hat ausbilden lassen, sondern einzig und allein, über welche Kompetenzen die Person verfügt. Denn dies allein entscheidet letztlich darüber, ob jemand erfolgreich als Coach eingesetzt werden kann.

 

Es gibt Akteure in der Coachingbranche, die eine Regulierung auf Bundesebene nicht gutheissen und gegen die beim Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT) eingereichte Prüfungsordnung Einsprache erhoben haben. Warum?
Gewisse Verbände und Institutionen fürchten wohl, dass die von ihnen bisher anerkannten Ausbildungslehrgänge und die entsprechenden Labels dadurch entwertet werden könnten.

 

Ist diese Angst begründet?
Ich finde nicht. Wer bisher seriöse und praxistaugliche Ausbildungsgänge angeboten hat, die einen guten Ruf geniessen, wird das problemlos weiterhin tun können. Als Verantwortlicher des Coaching Zentrums Olten, das selber Leute zum Coach ausbildet, sehe ich jedenfalls keinen Grund, mich vor einem vom BBT genehmigten Berufsbild zu fürchten. Es schafft Klarheit und definiert, welche Kompetenzen ein Coach oder Begleiter haben muss, und wie und wo er innerhalb einer Firma eingesetzt werden kann. Interessanterweise kamen praktisch alle Einsprachen aus dem Nonprofit-Bereich. Vor allem Verbände, deren Mitglieder Coaching vorzugsweise in der Verwaltung, im Sozial-, Gesundheits- oder Bildungswesen betreiben, kritisierten die nun vorliegende Prüfungsordnung. Einsprachen kamen aber auch von den Fachhochschulen, die selber Masterausbildungen anbieten, sowie vom Schweizerischen Berufsverband für Angewandte Psychologie. Wirtschaftsverbände und Spezialisten aus dem Bereich Human Ressource begrüssen unser Engagement sehr.

 

Mit Sätzen wie «Fühlen Sie sich manchmal missverstanden?» oder «Haben Sie Lust auf eine Veränderung?» gehen selbständige Coachs auf Kundenfang. Da ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sich jemand angesprochen fühlt und ein Coaching in Betracht zieht. Wenn es nichts nützt – so die Meinung – wird es wohl auch nicht schaden. Stimmen Sie dem zu?
Dem Portemonnaie schadet ein unprofessionelles Coaching sehr wohl und es  kann gefährliche Auswirkungen haben. Coaching ist keine Therapie und kein Therapie-Ersatz, sondern dient der gezielten Förderung von Menschen mit intakter Selbstregulation.

 

Der eidgenössisch anerkannte Coach soll künftig etwas hölzern «Begleiter von Veränderungs- und Entwicklungsprozessen» heissen. Hat man keinen knackigeren Titel gefunden?
Bei der Namensfindung geht es vor allem darum, sich auf eine Definition zu einigen, die sich in alle drei Landessprachen übersetzen lässt. Beim jetzigen Vorschlag, mit dem sich das BBT einverstanden erklärt hat, trifft das zu.