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DIE DIPLOMIERTEN ELTERN

 

Ob Referate oder Intensivlehrgänge – auf der Suche nach der richtigen Erziehungstaktik investieren Eltern viel Zeit und Geld.

 

von Sabine Windlin

 

Ein Berufspolitiker und eine Vollzeitmutter weisen in ihren Tätigkeiten kaum Gemeinsamkeit auf, ausser vielleicht folgende: beide brauchen sie für die Ausübung ihres Jobs kein Diplom. Doch während erstere ihre Aufgabe meist mit strotzendem Selbstbewusstsein meistern, sind Väter und Mütter tief verunsichert und suchen scharenweise Rat: in Elternkursen und -Seminaren.


«Sowohl die Anzahl der durchgeführten Kurse, wie die Anzahl Teilnehmender sind im Laufe der letzten acht Jahre markant angestiegen», bestätigt Maya Mulle, Geschäftsführerin von Elternbildung CH. Der in allen drei Landesteilen engagierte Dachverband ist der aktivste Player in der Elternbildung und zählt nebst den 240 Einzelmitgliedern 90 mitgliederstarke Organisationen, die in der Branche tätig sind. Über 70'000 Väter und Mütter besuchten im Jahr 2011 schweizweit über 5000 Veranstaltungen und hörten sich Expertenmeinungen an zu Themen wie «Grenzen setzen», «Märchen erzählen», «Trotzphase meistern». Sie kamen, um zu lehren, wie sie den Kindergeburtstag organisieren, das Haushaltsbudget optimieren, die Grosseltern einbinden, den Geschwisterstreit schlichten, ihren Säugling  beruhigen, stillen, betten, pflegen, füttern und massieren sollen.


Dabei ist es gar nicht etwa so, dass nur junge oder unerfahrene Eltern mit kleinen Kindern die Angebote der Elternbildung nutzen. Der Geburtsvorbereitungskurs mag für viele der erste, doch nicht der letzte Kurs sein. Nachher, das zeigen die Statistiken, geht es erst richtig los. Vorträge zu Themen wie «Suchtprävention»,  «Taschengeld»,  «Hausaufgaben», «Schulerfolg» oder «Umgang mit Medien» erfuhren in den letzten drei Jahren darum am meisten Zulauf, wobei die Väter  unter den Teilnehmern stark am Aufholen sind. Auf zwischen 200 und 400 Franken belaufen sich die Kosten für Seminarien pro Paar, je nachdem, ob die Kursleiter auf eigene Rechnung arbeiten oder im Auftrag von Gemeinden, Schulen oder Sozialverbänden auftreten. Handelt es sich um zeitlich ausgedehnte Veranstaltungen mit verschiedenen Modulen ist man schnell bei 800 Franken.


Evergreens sind zertifizierte und somit standardisierte Erziehungskurse wie  «PEKiP»,  «Step» oder  «Triple P», die dank Mund-zu-Mund-Propaganda  praktisch ohne Marketing ihr Publikum finden. Sie folgen inhaltlich einem präzisen Muster und  funktionieren immer gleich, egal, ob sie in Ermatingen oder Kandersteg gehalten werden. Beim aus den USA stammenden Training STEP (Systematic Training for Effektive Parenting) lernen Eltern, wie sie ein «kooperatives Zusammenleben in der Familie erreichen und eine tragfähige, erfüllende Beziehung mit ihren Kindern aufzubauen können». Im  PEKiP (Prager Eltern Kind Programm) treffen sich Eltern mit kleinen Babys und erhalten Ideen für Spiel- Bewegungs- und Sinnesanregungen. Bei  Triple P. (Positive Parenting Program) steht die Verbesserung von angespannten Situationen durch Lob und Zuwendung im Mittelpunkt. Rund 200 lizenzierte Referentinnen sind mit dem Kurs  «Starke Eltern -  Starke Kinder» unterwegs und verhelfen Eltern in einem Basis- und Aufbaukurs zu einer selbstbewussten Einstellung in der Erziehungsarbeit und zeigen Handlungsalternativen für Situationen auf, die zu Hause regelmässig in eine Sackgasse führen. Nach der Arbeit in Gruppen mit insgesamt 16 Lektionen gibt es Hausaufgaben.


Zum elternbildenden Blockbuster ist der Film «Wege aus der  Brüllfalle» des deutschen Filmemachers und Medienpädagogen Wilfried Brünings geworden, der aufzeigt wie Eltern Ruhe bewahren können, wenn ihre Kinder trotz mehrmaligem Mahnen nicht auf sie hören, wie sie überdies mehr Sicherheit und Durchsetzungskraft gewinnen und zu einer natürlichen Autorität werden. Brüning geht damit im gesamten deutschsprachigen Raum auf Tournee und ist ziemlich gut gebucht. 15‘000 bis 20‘000 mal ist die DVD im deutschsprachigen Raum im Laufe der letzten fünf Jahre verkauft worden. Aus der Schweiz gehen jede Woche bis zu 20 Bestellungen ein.


Am intensivsten dürfte die Auseinandersetzung in der von  Marlies Bieri konzipierten «Elternlehre» sein, die 18 Monate dauert und in drei Module aufgeteilt ist. Einmal pro Monat an einem fixen Abend treffen sich die Eltern , um mehr über die Kindesentwicklung, das Spielverhalten, Fördermöglichkeiten und sinnvolle Rituale zu erfahren. Wer alle 50 Lektion besucht hat, erhält ein Attest ausgehändigt. Im Kanton Bern haben innerhalb der letzten fünf Jahre bereits 150 Väter und Mütter die Elternlehre absolviert. Im Oktober expandiert das erfolgreiche Programm in den Kanton Aargau. Hier fand unlängst auch der 6. Elternbildungstag statt, der auf ein riesiges Echo stiess. Sämtliche an der Veranstaltung ausgeschriebenen Workshops waren ausgebucht. Manche mussten aufgrund der grossen Nachfrage dreimal durchgeführt werden. Im Kanton Aargau bestehen ebenso wie in den Kantonen Zürich, Zug, Thurgau, Solothurn, Aargau, St. Gallen, Baselstadt und Baselland Leistungsvereinbarungen mit Institutionen der Elternbildung oder ist diese innerhalb der kantonalen Verwaltung angesiedelt.  Entsprechend ausgeprägt ist in diesen Regionen das Kurswesen.


Der Boom hat auch eine neue Berufsgattung geschaffen: jene der Elternbildner. Die Berufsbezeichnung -  nicht zu verwechseln mit dem diplomierten Erwachsenenbildner - ist vom BBT zwar nicht anerkannt. Doch Elternbildung CH ist gegenwärtig damit beschäftigt, ein national anerkanntes Label zu entwickeln, mit dem sich nur jene Referenten schmücken dürfen, die nebst Sach- auch über «Auftrittskompetenz» verfügen. An Gelegenheiten, um referieren zu können, wird es  in Zukunft nicht fehlen. Pro Familia und fünf ihrer Mitgliederorganisationen haben die Elternbildung für die Jahre 2011 bis 2013  zum Schwerpunktthema erklärt.


Lehrerverbände, Beratungszentren, Landeskirchen, aber auch die Stiftung Kinderschutz Schweiz und die Pro Juventute  – sie alle empfehlen sie sich als qualifizierte Partner in der Elternbildung und buhlen um die Aufmerksamkeit lernwilliger Mamis und Papis. Das Problem dabei: Das Sammelsurium von Kursen wird immer grösser und der Begriff der Elternbildung ist mittlerweile so weit gefasst, das alles, was im entferntesten mit der  Gestaltung  des Familienalltags zu tun hat, darunter zu fallen droht. Der Dachverband sah sich deshalb gezwungen, eine Liste zu erstellen mit Kursinhalten, die definitiv nicht dazu zählen, ergo nicht beworben und in den Veranstaltungskalender aufgenommen werden: Es sind dies u.a:  Basteln für den Muttertag, Blockföten-, Tragetuch-, Atemkurse, Familiengottesdienste, Veloflicktage, Kurse zum Ausfüllen der  Steuererklärung oder über die Anwendung von Schüsselersalzen. 


Der amerikanische Psychologe Marshall B. Rosenberg, der in den 1980er Jahren den Begriff der gewaltfreien Kommunikation prägte,  meinte einst: Elternsein ist der wichtigste Beruf der Welt. Mit diesem Satz wird  ein facettenreiches, flächendeckendes und Jahr für Jahr wachsendes Kurswesen legitimiert, das manche wertvolle Inputs an Eltern liefern mag, aber unter dem Deckmantel der viel zitierten  «Erziehungskompetenz» auch viel Mittelmässiges und Banales auftischt. Die im Laufe der letzten zwanzig Jahr neu entstandene Branche der Elternbildung lebt von einem zwiespältigen Befund: Noch nie nahmen sich Eltern so wichtig, und kaum je fühlten sie sich so inkompetent.

 

Interview mit Andy Tschümplerlin, SP-Nationalrat aus dem Kanton Schwyz. Er präsidierte während fünf Jahren den Schweizerischen Dachverband Elternbildung CH.

 


Herr Tschümperlin, sie sind Vater von vier Kindern. Wo haben Sie sich die Kompetenzen für die Erziehung geholt?
Meine Frau und ich haben uns als Pädagogen von Berufes wegen schon mit Erziehungsfragen auseinander gesetzt, bevor wir Eltern wurden. Ansonsten floss in mein Erziehungsmuster wohl vieles, was ich von meinen eigenen Eltern mit auf den Weg bekommen habe. Bevor das erste Kind zur Welt kam, haben meine Frau und ich zudem gemeinsam einen Geburtsvorbereitungs- und einen Säuglingspflegekurs in Schwyz besucht.

 

Ihre vom Stände- und Nationalrat gutgeheissene Motion sorgt dafür, dass die Elternbildung im Weiterbildungsgesetz verankert wird. Ist ein Kurs zum Thema «Taschengeld»  wirklich gleich zu werten wie ein Französischkurs, der für eine Arbeitsstelle vorausgesetzt wird?
Es geht nicht um Gleichstellung, sondern darum, dass das nationale Weiterbildungsgesetz künftig auch den Begriff der Elternbildung aufnimmt und auf diese Weise für die Kantone eine gesetzliche Grundlage geschaffen wird, die Elternbildung als Weiterbildungsangebot in der Familienphase zu etablieren. Mein Vorstoss war aber sehr umstritten, das Resultat mit 88:86 entsprechend knapp. Ich musste um jede Stimme kämpfen und erreichte am Ende im Nationalrat nur dank einer Stimme aus der FDP und drei aus der BDP eine Mehrheit.

 

Und dies, obwohl der neu formulierte Artikel weitreichende finanzielle Konsequenzen haben und dafür sorgen wird, dass  Anbieter von Elternweiterbildungskursen vereinfacht kantonale Gelder einfordern können. Macht dies aus Frauen und Männern bessere Eltern?
Der neue Artikel wird keine grossen zusätzlichen Mittel freisetzen, aber hoffentlich dafür sorgen, dass künftig alle Eltern, auch jene mit geringem Einkommen, an der Elternbildung teilnehmen und davon profitieren können. Bisher war es leider so, dass das Kursangebot nicht für alle erschwinglich und nicht in allen Kantonen gleich gut zugänglich war, und deshalb viele Familien ausschloss. Vor allem aber soll künftig auch eine Qualitätssicherung stattfinden. Denn hier besteht Handlungsbedarf. Die Anbieter sollen eine gewisse Kontrolle darüber ausüben dürfen, welche Kurse von wem veranstaltet werden und dadurch die Möglichkeit erhalten, gezielt Kurse zu subventionieren. Überdies sollen die Veranstaltungen künftig nach Durchführung evaluiert werden, damit  ein gewisses Niveau gewährleistet ist. 

 

Entweder ist ein Kurs – d.h. Referentin und Inhalt – gut und verkauft sich, oder das Angebot ist mangelhaft und findet bei den Eltern keinen Anklang. Reguliert sich hier der Markt nicht selber?
Nein. Ein verstärktes Engagement der Kantone ist nur schon deshalb nötig, weil die Defizite und Versäumnisse der Elternbildung nicht selten in der Schule ausgebadet werden müssen. Ich weiss dies aus meiner 20-jährigen Erfahrung als Reallehrer im Kanton Schwyz. Da sind ständig Eltern hilferufend auf mich zugekommen und haben von mir Unterstützung oder Ratschläge im Umgang mit ihren pubertierenden Kindern erbeten. Und so ergeht es ganz vielen anderen Lehrpersonen heutzutage auch. Elternbildung ist aber nicht Aufgabe der Lehrpersonen, sondern der Kantone und Gemeinden.

 

Nicht alle Eltern, die Elternbildungskurse beanspruchen, sind mit dem Latein am Ende. Es gibt auch solche, bei denen steht die Kontaktpflege mit anderen Eltern im Vordergrund. Ist dies zu finanzieren auch Kantonsaufgabe?
Zum Zeitvertreib geht wohl niemand in die Elternbildung. Dafür sind die meisten Eltern beruflich und familiär zu stark absorbiert. Man darf zudem nicht vergessen, dass Elternbildung auch eine wichtige  präventive Funktion hat. Sie soll nicht erst dann einsetzen, wenn Väter und Mütter völlig verzweifelt sind, sondern wenn es noch Möglichkeiten gibt, an einer schwierigen Situation etwas zu verändern. Erziehung ist bekanntlich eine sehr anspruchsvolle Aufgabe.

 

Der  Begriff Elternbildung ist unglaublich breit gefasst. Oft ist nicht klar, wo Elternbildung anfängt und vor allem nicht, wo sie aufhört. Ist das nicht problematisch?
Der Begriff ist tatsächlich breit gefasst. Der Dachverband Elternbildung CH, den ich bis vor kurzem präsidierte, versteht darunter Bildungsangebote für Eltern, die von einer Fachperson geleitet werden,  Informationen über die Entwicklung und Bedürfnisse der Kinder  geben und den Austausch unter den Teilnehmenden fördert. Die Annahme der Motion bietet nun  Anlass, den Begriff etwas präziser und enger zu fassen. Bisher hatte der Verband primär die Aufgabe, die Angebote zu koordinieren und zu vernetzen. Dies hiess aber nicht, dass wir alles gut fanden, was unter dem Titel Elternbildung schweizweit angeboten wurde.

 

Elternbildung boomt, aber der Dachverband Elternbildung CH klagt trotz jährlichen Bundesgeldern von 230‘000 Franken über finanzielle Probleme. Wie ist das möglich?
Die Elternbildung boomt unter anderem deshalb, weil der Dachverband, dessen Arbeit von drei Personen in allen Landesteilen bewältigt wird,  in den letzten Jahren so gute Arbeit geleistet hat. Lange Zeit war die Finanzierung für 2012 zudem nicht gesichert und der Verband musste ernsthaft um seine Zukunft bangen.

 

Kann es auch sein, dass sich zu viele Anbieter auf dem Markt der Elternbildung tummeln? Neulich wurde bekannt, dass Pro Juventute Eltern in Erziehungsfragen vermehrt unterstützen will.
Die Angebote von Pro Juventute konkurrenzieren die Elternbildung nicht. Deren neu gegründeter Eltern-Club und der Verein Elternnotruf bieten vor allem Beratung an.