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DIE FALSCHE FRAU ZUR FALSCHEN ZEIT

 

Rita Fuhrer hat keinen Frauenbonus. Für linke und liberale Frauen ist sie kaum wählbar. Und Männer fürchten eine Frauenmehrheit im Bundesrat.

 

von Sabine Windlin

 

Das ist der Stoff, aus dem zu Beginn des dritten Jahrtausends die Mädchenträume sind. «Sie trägt ein blaues Kostüm. Tailliert und kniekurz. Dazu Stöckelschuhe Ton in Ton. Es ist Barbie. Aber nicht im Minirock und auch nicht im Hochzeitskleid. Diesmal im Karriere-Outfit der Präsidentin von Amerika. Ja. President 2000 Barbie.» Die das schreibt, ist die Feministin Alice Schwarzer in ihrem neuesten Buch «Der grosse Unterschied», das exakt 25 Jahre nach ihrem ersten Bestseller «Der kleine Unterschied» herausgekommen ist.

 

In Bern, Bundeshaus, 6. Dezember 2000, ab 8 Uhr, könnte der kleine Unterschied wieder ein grosser werden. Denn mit Rita Fuhrer käme die dritte Frau in den Bundesrat. Und die vierte stünde bereits vor der Tür: Die Berner Ständerätin Christine Beerli hält sich für die Nachfolge von Kaspar Villiger bereit, der erklärtermassen «vor Ende 2003» zurücktreten will. Sollte Christine Beerli wider Erwarten nicht zum Zug kommen, offeriert sich mit der Tessiner Regierungsrätin Marina Masoni mindestens eine zweite populäre FDP-Frau fürs höchste Regierungsamt im Schweizerland.

Vier Frauen im Bundesrat vor Ende 2003? - «Vom Bild her wunderschön», freut sich Brigitte Hauser, Präsidentin der CVP-Frauen.

 

Männer analysieren kühler. «Wir könnten die heilige Maria ins Rennen schicken, sie würde nicht gewählt», sprach einer, der die konservativen Männer im Bundeshaus kennt: Ueli Maurer, der SVP-Präsident. Ein paar Tage später schickte Christoph Blocher seine Rita Fuhrer ins Rennen, und seither wird rund um die Geschlechterfrage ein unpolitischer Bogen gemacht: «Ich hoffe, dass am 6. Dezember, dem Samichlaustag, nicht ein Schmutzli gewählt wird, sondern ein Engel», sprach die SVP-Delegierte Flavia Landert aus Brüttisellen bei der Nominationsfeier vom Samstag.

Unterschwellig wird die Frauenfrage in Bern doch thematisiert; aber eben nur unterschwellig.

 

Alt-FDP-Nationalrat Ernst Mühlemann, ein alter Hase für Bundesratswahlen mit Kontakten zu aktiven Kumpanen, sagt: «Das Problem von Rita Fuhrer ist nicht, dass sie eine Zürcherin ist, sondern dass sie eine Frau ist. Viele Männer haben mit Christine Beerli bereits die vierte Frau vor Augen.» Und so eine «Frauenmehrheit» mache den Herren National- und Ständeräten Angst. Und Edi Engelberger, FDP-Mann aus Nidwalden, bestätigt: «Solche Diskussionen finden statt.»

Hinzu kommt, dass Rita Fuhrer ausgerechnet das frühere EMD und heutige VBS übernehmen müsste. «Eine Frau als Wehrministerin? Dazu ist die Zeit in der Schweiz wohl noch nicht reif», schrieb eine Journalistin der «Berner Zeitung». Rita Fuhrer selber traut sich das locker zu: «Durch die Führung der Direktion für Soziales und Sicherheit im Kanton Zürich bin ich mit Sicherheitsfragen konfrontiert und auch gewohnt, in militärischen oder polizeilichen Strukturen zu führen. Damit habe ich überhaupt keine Mühe.»

 

Neu ist die Angst vor den Frauen nicht. «Die Männer haben Angst - Angst, Macht abgeben zu müssen und Einfluss zu verlieren», sprach die Grüne Cécile Bühlmann am 21. April 1999 im Nationalrat, als über die Quoteninitiative debattiert wurde. «Frauen in der Politik waren schon immer ein Problem für die Männer», sagt Chiara Simoneschi, CVP-Nationalrätin aus dem Tessin und Präsidentin der Eidgenössischen Frauenkommission. «Sie müssen Platz machen, und dafür sind viele Männer noch nicht reif.»

 

Bei der Wahl von Ruth Dreifuss im März 1993 musste tatsächlich ein Mann Platz machen: Francis Matthey, an Stelle der offiziellen SP-Kandidatin Christiane Brunner zum Bundesrat gewählt, durfte die Wahl auf Geheiss der SP-Männer rund um Peter Bodenmann nicht annehmen.

Im Vergleich dazu hatte es Ruth Metzler sechs Jahre danach komfortabel: Nun war sogar den Männern klar, dass nur eine Frau in Frage kam. «Sie hat ihren Posten unseren beiden Kandidaturen zu verdanken», meint die Fast-Bundesrätin und heutige SP-Präsidentin Christiane Brunner. Und Jacqueline Fehr, SP-Frauen-Präsidentin, sagte via NZZ über Ruth Metzler: «Wenn es eine Quotenfrau gibt in jüngerer Zeit, dann ist sie sicher nahe daran, eine zu sein.»

 

Die Reserve der linken Frauen gegenüber der jungen, modischen, unbeschwerten Ruth Metzler hat ihren Grund: Ruth Metzler war anders. Keine dieser bürgerlichen Frauen, die immer ein klein wenig linker waren als die bürgerlichen Männer. Mit Ruth Metzler kam eine Frau zum Zug, die Frauen-unsolidarische Sätze sagt wie: «Frauenpolitik gefällt mir nicht, feministische Politik gefällt mir auch nicht. Ich bin als Frau in den Bundesrat gewählt worden, die ganz allgemein politisiert und sich nicht speziell auf Fragen konzentriert, die gewisse Frauen als Frauenfragen anschauen.»

 

Am 12. März 2000 kam die Quoteninitiative zur Abstimmung. Lanciert wurde diese am 3. März 1993, am Tag der Nichtwahl von Christiane Brunner. Verlangt wurde eine «gerechte Verteilung in den Bundesbehörden». Für den Bundesrat hätte das geheissen: «Mindestens drei Frauen». Doch das Volk sagte zu 70 Prozent Nein. Dessen ungeachtet gab SP-Frauenpräsidentin Jacqueline Fehr via «SonntagsZeitung» die Durchhalteparole aus: «Wir wollen eher vier Frauen als drei im Bundesrat. Bis dieses Ziel erreicht ist, werden wir Frauenkandidaturen unterstützen.»

 

Und jetzt? Wie von der Quoteninitiative verlangt, kandidiert eine dritte Frau. Nur ist es, nachdem schon Ruth Metzler nicht allen Frauen passte, diesmal eine Frau, die den meisten Frauen ganz und gar nicht passt. Anita Thanei zum Beispiel, SP-Nationalrätin aus Zürich, fände es zwar wie alle SP-Frauen gut, wenn eine dritte Frau im Bundesrat Einsitz nähme - aber nicht Rita Fuhrer. «Mit verweigerter Solidarität hat das nichts zu tun. Mir passt ihre Ausländer- und Asylpolitik einfach nicht.» Nachdem Anita Thanei in einem Interview auf Tele 24 ihre Vorbehalte geäussert hatte, erfuhr sie eine für sie neuartige Frauensolidarität. Die kam von rechts - und richtete sich gegen sie als linke Frau: «Auf der Strasse wurde ich von erbosten Passantinnen zur Rede gestellt. Die fragten mich, was ich gegen Frau Fuhrer hätte.» Genau gleich erging es der Zürcher CVP-Nationalrätin Rosmarie Zapfl, nachdem sie «offen und ehrlich» ihre Zweifel an Rita Fuhrer angemeldet hatte.

 

«Frausein ist kein Programm», sagt auch die Aargauer SP-Nationalrätin Doris Stump. «Rita Fuhrer hat kein einziges Anliegen unterstützt, das die Selbstständigkeit der Frauen vorantreibt.» Jetzt Frauensolidarität zu erwarten, sei zu viel verlangt. Hätte die SVP Ursula Haller oder Eveline Widmer-Schlumpf aufgestellt, sähe das anders aus. «Da hätte sich die SP eine Unterstützung überlegen können.» Die Sankt-Galler SP-Nationalrätin Hilde Fässler wäre «mit Eveline Widmer-Schlumpf glücklicher» gewesen, die Berner SP-Nationalrätin Ruth-Gaby Vermot «mit Elisabeth Zölch oder Brigitta Gadient». Aber mit Rita Fuhrer? «Das ist eine Hardlinerin, die mit ihrer unmenschlichen Ausländer- und Asylpolitik nicht die Stärken der multikulturellen Schweiz, sondern Ausgrenzung verkörpert.»

 

Auch die Tessiner CVP-Frau Chiara Simoneschi sagt: Eine Person, die sich hinter die neueste SVP-Asylinitiative stellt, sei für sie «nicht wählbar». Nur: Halten sich Simoneschi und die SP-Frauen an diese Devise, dürfen sie auch keinen männlichen Kandidaten wählen. Denn selbst der «liberale» Samuel Schmid stellt sich hinter die Stossrichtung der SVP-Asylinitiative.

Rita Fuhrer - die falsche Frau zur falschen Zeit? Auf den Brunner-Effekt vom März 1993 droht nun der Fuhrer-Defekt: Eine Frau mit Makel - dem Makel nämlich, dass sie für alle linken bis hin zu vielen liberalen Frauen gar nicht wählbar ist.

 

Dieser Makel zeigt sich etwa am «Level 3 bis 4», der bei Ausschaffungen in Zürich «in einzelnen Fällen» (Rita Fuhrer) zur Anwendung kommt: Vermummte Beamte fesseln Asylbewerber und führen sie ab, wenn nötig morgens um vier. Als Rita Fuhrer dazu in der TV-Sendung «Rundschau» hätte Stellung nehmen sollen, weigerte sie sich. «Wir verfolgen nicht eine harte Praxis, wir sind lediglich konsequent», sagte sie nachträglich zur «SonntagsZeitung».

 

In der Folge gehen immer mehr Frauen auf Distanz. «Der Druck, eine Frau zu wählen, ist weg - obschon jeder und jede weiss, dass es eine dritte Frau sehr wohl vertragen könnte», sagt die frühere SVP-Generalsekretärin Myrtha Welti. Ganz ähnlich sieht es die FDP-Ständerätin Christiane Langenberger. Sie trat im März 1998 als Bundesratskandidatin gegen Favorit Pascal Couchepin an, erreichte dank Frauensolidarität 92 von 246 Stimmen - und musste sich dafür das Etikett «Alibifrau» gefallen lassen. «Heute ist Rita Fuhrer ganz sicher keine Alibifrau», sagt Christiane Langenberger. Ob sie sie wählen wird? «Ich muss sie zuerst besser kennen lernen.»

 

Rita Fuhrer sieht sich selber so: Sie sei eine bürgerliche Frau, von einer bürgerlichen Mutter nach völlig traditionellem Frauenbild erzogen. Später habe sie diese traditionelle Form gelebt, wurde früh Mutter und war als Hausfrau zufrieden. Feminismus habe sie nie interessiert. Beim Frauenstimmrecht, immerhin, sei sie dafür gewesen - «obschon mir meine Mutter gesagt hat, das sei nicht nötig». Auch heute als Regierungspräsidentin des Kantons Zürich sage sie gerne zu den Frauen: «Ihr habt das Recht, so zu leben, wie ihr wollt. Wollt ihr als Frauen ausschliesslich Mütter und Hausfrauen sein, sollt ihr das dürfen.»

 

Geht es nach Alice Schwarzer, planen die Frauen anders: «Frauen streben, trotz aller Hindernisse, in den Beruf. Sie heiraten immer weniger und später und bekommen weniger Kinder (auch weil das mit der «Vereinbarkeit» nur ein hohles Wort ist). Das alles macht die Frauen selbstständiger und selbstbewusster - auch in der Sexualität.»

 

Die Tessiner Regierungsrätin Marina Masoni wartete, bis sie fast 41 war. Auf einem Parteikongress in Locarno sprach sie im Februar 1999, dass nicht die CVP, sondern die FDP die «wahre Familienpartei» sei. Was niemand der Zuhörer wusste, geschweige denn ahnte: Am nächsten Morgen gebar sie Giacomo Franco Ernesto, 2,885 Kilo schwer. «Ich wollte ein Kind, und das war ein privater Entscheid», sagte Mamma Masoni im Nachhinein. Zwei Wochen nach der überraschenden Geburt war sie wieder an der Arbeit: «Was soll der Rummel?» Marina Masoni, die mit Blick auf die Villiger-Nachfolge auch schon als Bundesrätin gehandelt wird, ist keine Feministin. Aber dass Ruth Metzler vor ihrer Wahl quasi versprach, auf Kinder zu verzichten, versteht Masoni nicht: «Wenn Ruth Metzler ein Kind haben will, sollte das möglich sein.»

 

Als Lilian Uchtenhagen (drei Adoptivkinder) im Dezember 1983 Bundesrätin werden wollte, war Rita Fuhrer 30. «Uchtenhagen war für mich eine Linke» und habe sie nicht besonders interessiert. «Aber die Bürgerlichen hätten sie als offizielle Kandidatin ruhig wählen können.» Die Nichtwahl von Christiane Brunner (ein leiblicher Sohn, vier Ziehsöhne) im März 1993 ging ihr schon näher: «Man hat ihr viel zugemutet, das nicht sachlich war», sagt Rita Fuhrer heute. Aber auf den Bundesplatz ging sie nicht, denn «eine Demo», das passe ihr einfach nicht. Trotzdem anerkennt Rita Fuhrer mindestens etwas: «Diese linken Frauen haben uns den Weg geöffnet.»In der SVP jedenfalls geniessen Frauen keinen Bonus. Und weibliche Bundesratskandidaturen anderer Parteien wurden von SVP-Männern despektierlich beobachtet. «Es braucht einen gewissen Respekt vor dem Amt», mahnte der Thurgauer SVP-Nationalrat Alexander J. Baumann die Kandidatin Christiane Langenberger. «Nur weil jemand einen verschobenen - äh - einen andern Hormonspiegel hat, ist das nicht ein Präjudiz, um eine Frau zu wählen», sprach Shampoo-Produzent Baumann (Marke: Rausch) im März 1998 in die Fernseh-Mikrofone.

 

Im Bundesparlament stellt die SVP neben 48 Mannen gerade 3 Frauen: Lisbeth Fehr, Brigitta Gadient, Ursula Haller. «Vielleicht sollten wir SVP-Frauen eher Tennis spielen gehen als Politik machen», sagte Esther Weber, frustrierte Präsidentin der SVP-Frauen, nach den 99er Wahlen.

Prompt kamen die drei einzigen Gewählten unter Beschuss: Brigitta Gadient wurde von Christoph Blocher in der «Arena» im Oktober 1999 als «Feigenblatt» abgekanzelt. Lisbeth Fehr wurde, nachdem sie in einem Interview mit dem «Landboten» von «totalitären Zügen in der SVP» sprach, aus dem Vorstand der kantonalzürcherischen SVP bugsiert. Und Ursula Haller wurde ebenfalls im Frühling 2000 für die SVP-Parteileitung kaltgestellt. Ihr vorgezogen wurde ein Mann: Christoph Mörgeli.

 

Die verkehrte Welt findet am 6. Dezember 2000 statt: Eine Frau kandidiert, und stramm hinter ihr stehen nur Männer der SVP. Alle linken und viele freisinnige Frauen aber wollen diese Frau übergehen. «Ein Zeichen von Emanzipation ist es, wenn nicht das Geschlecht, sondern die Person den Ausschlag gibt», sagt FDP-Nationalrätin Christine Egerszegi. Ob sie für die Frau stimmt, weiss sie noch nicht. Wohl eher nicht. Denn: «Samuel Schmid kenne ich vom Parlament her besser - er hat meistens gleich wie ich gestimmt.»

 

Christine Beerli hat sich schon entschieden: für Samuel Schmid und damit für den Mann. Das ist in ihrem Fall nahe liegend. Würde sich die Berner Ständerätin Beerli für die Zürcher Regierungsrätin Fuhrer stark machen, würde die ganze Schweiz mit dem Finger auf die Bernerin Beerli zeigen: «Seht her, die engagiert sich doch nur deshalb für Frau Fuhrer, um den Berner Samuel Schmid zu verhindern - und damit ihre eigenen Ambitionen zu wahren.»