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GLOBALE STRAMPLER

 

Amt für Tauschhandel

 

von Sabine Windlin

 

Nur Menschen, die zu viele Börsenberichte und Aktienkurse lesen, glauben, die weltweite Globalisierung finde in der Wirtschaft statt. Eltern und alle, die kurz davor stehen, es zu werden, wissen: der grenzüberschreitende Austausch von Waren und Gütern nahm seinen Anfang nicht in der Ökonomie sondern im Kinderkleiderschrank.

 

Nehmen wir Sterntaler, den Babystrampler, der seinen Namen dem himmelblau grundierten Sternchenmuster verdankt. Erstanden hatte ihn meine älteste Schwester 1999 in Berlin, als sie mit dem ersten Kind schwanger war. Franca sah darin aus wie ein Engel und schlief auch so. Zwei Jahre später, 2001, musste sie den Pyjama an ihre kleine Schwester Johanna abtreten, die in Luzern zur Welt kam.Und als auch diese dem flauschigen Pyjama entwuchs, wurde Sterntaler in eine Kartonkiste verpackt und in einem Schrank verstaut. Ans Tageslicht fand er erst wieder, als Francas Cousin Jakob im Winter 2002 in Norddeutschland zur Welt kam. Sieben Monate später  meldete meine zweite Schwester in Australien Bedarf an. Sterntaler flog per Fedex nach Übersee, wo fortan Lucy in ihm schlief und froh war, weil dort die Temperaturen sanken. Im Frühling 2003 wurde Jakobs kleine Schwester Lotte in Paris geboren, worauf Sterntaler den Rückflug von Melbourne via Indischen Ozean und Golf von Bengalen nach Europa antrat. Als schliesslich auch Lotte dem Kleidungsstück entwuchs, lagerte der Strampler abermals im Keller. Ein Jahr lang, zwei Jahre lang….

 

Seine Weltreise, dachte ich, ist jetzt wohl zu Ende. Die Familienplanung von uns drei Geschwistern schien abgeschlossen – Neugeborene einstweilen keine in Aussicht. Da meldete unverhofft mein Bruder in der Karibik Bedarf an und verkündete, er werde nochmals Vater: Auf, auf, Sterntaler, deine Dienste sind noch einmal gefragt! Flieg weg von Paris, über die Azoren via Washington D.C und Miami ans karibische Meer.

 

Die Temperaturen sind dort momentan für einen langärmligen Frotteepyjama fast zu hoch und das Himmelblau ist wegen der sechsjährigen Waschkarriere ziemlich verblasst. Der kleine Lino trägt ihn trotzdem. Denn Sterntaler birgt ein Geheimnis: Er führt die müde Kinder Hand in Hand sorgenfrei ins Traumland.