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GELD UND GRöSSE

 

Amt für Gleichberechtigung

 

von Sabine Windlin

 

Es gibt, trotz Anstrengungen der fortschreitenden Gleichberechtigung und -Stellung, Gegebenheiten, die in sakrosanter Weise unterschiedlich bleiben. Die Rede ist von der gesellschaftlichen Idee unterschiedlicher Körpergrössen, die besagt, dass ein Mann grösser zu sein hat als eine Frau.

 

Geschrieben steht das nirgends. Und doch wird uns dieses Idealbild ständig vor Augen gehalten. Sie blickt zu ihm hoch. Er zu ihr runter. Zufall ist das nicht, sondern mit dem viel zitierten Beschützerinstinkt erklärbar: Grosse Frau sucht noch grösseren Mann. Kleiner Mann sucht noch kleinere Frau. Nur so scheinen die Verhältnisse zu stimmen. Tatsache ist aber auch, dass Frauen grosse Männer sexyer finden als kleine, und dies nicht erst seit der wissenschaftlichen Studie der California State University, in der 93 Prozent der befragten Frauen angaben, dass sie sich einen Mann an der Seite wünschen, zu dem sie hochschauen können. Bevor die kleiner gewachsenen Männer nun aufheulen und «Diskriminierung!» rufen, sei gesagt: 70 Prozent der Frauen in derselben Studie erklärten ebenso, dass sie sich einen Mann mit gutem Einkommen wünschen. Geld und Grösse – darauf kommt es also an.

 

Da ist es nahe liegend, auszurechnen, wieviel mehr ein kleiner Mann verdienen muss, um neben einem grossen Mann standzuhalten, wenn es beide auf die gleiche Frau abgesehen haben. Es sind laut Studie exakt 12 Euro im pro Jahr und Zentimeter. Ein Mann von 1.50 Meter wirkt also bereits attraktiver als ein 1.95 Mann, sobald er  mindestens 540 Euro im Jahr mehr verdient. Oder umgekehrt: Will ein Mann mit einem Salär von 92 000 Euro einen besser verdienenden Rivalen mit 92 540 Euro Jahresgehalt aushebeln, muss er mindestens 45 Zentimeter grösser sein. So wollen es die  marktwirtschaftlichen Gesetze der Liebe.

 

Mein erster Freund war 1.85 gross, der zweite 1.88, der dritte 1.90 und der aktuelle 1.94. Meine Männer wurden also immer grösser und – Zufall oder nicht – deren Saläre sanken proportional zur wachsenden Zentimeterzahl, was allerdings fast gezwungenermassen so kommen musste, weil mein erster Ex so viel Geld verdient, dass seine Nachfolger (alles kreative Freiberufler) nur schwer mithalten konnten. «Und wie ist das eigentlich bei den Frauen?», fragte mein Freund neulich und blickte amüsiert auf mich runter. «Müssen die auch mehr verdienen, wenn sie grössere Konkurrentinnen ausschalten wollen?» Er spielte auf eine Kollegin an, die auf ihn steht und deutlich grösser ist als ich. «Ja, leider», sagte ich und stand auf die Zehenspitzen. «Darum bin ich doch Tag und Nacht am arbeiten.»