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SCHULE OHNE GRENZEN

 

Quer durch die Schweiz lösen Gemeinden ihre Klassen auf und stellen auf altersdurchmischtes Lernen um. Die Bildungsforschung schwärmt vom pädagogischen Mehrwert des Schulmodells. Eltern und Lehrer sind skeptisch.

 

von Sabine Windlin

 

Wenn Bildungsexperten die Worte fehlen, kommen in letzter Zeit immer häufiger die Kinder selber zum Zug: Sie sind es, die dann für deren Anliegen werben: Für Harmos, für  Frühenglisch, für die Basisstufe oder aktuell für AdL. Ob auf Schulwebsites oder in Farbbroschüren: befragt nach ihrer „Meinung“ zum altersdurchmischten Lernen, sind die Schülerinnen und Schüler durchs Band begeistert. Und sie tun gut daran. Denn die meisten haben gar keine Wahl.

 

Pro Jahr stellen hunderte von Klassen an den Schweizer Volksschulen von Jahrgangsunterricht auf den gemischten Unterricht um. Jürg Brühlmann vom Dachverband Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH) redet von einer „Bewegung, die durch die Schweiz rollt“. Vor allem in der Ostschweiz ist AdL hoch im Kurs, aber auch in der Region Zürich und in der Innerschweiz sind Schulhäuser vom Wechsel betroffen. Er stellt die Abkehr von der so genannten Jahrgangsklasse dar, in der Kinder gleichen Alters eine Klassengemeinschaft bilden. Im Gegensatz dazu setzt sich beim AdL eine Klasse aus drei, vier oder gar fünf Jahrgängen zusammen und wird von einer gemeinsamen Lehrperson unterrichtet. Die Kinder arbeiten als Gruppe an ähnlichen Themen, jedoch auf unterschiedlichem Niveau.

 

Kritik am geplanten oder bereits vollzogenen Systemwechsel wurde jüngst in einzelnen Gemeinden der Kantone Bern, St. Gallen, Zürich und Luzern laut. Und vereinzelt haben Proteste die politischen Behörden dazu gebracht, die Einführung von Adl entweder zu stoppen oder zu vertagen. Das Problem dabei: Oft wird nicht transparent gemacht, warum die Umstellung überhaupt erfolgt. Weil der pädagogische Mehrwert so gross ist? Weil Kinder auf diese Weise mehr lernen? Weil die Lehrer Lust auf ein neues Experiment haben? Weil die Gemeinde darin ein Instrument sieht, um Kosten zu sparen?

 

Obwohl davon ausgegangen werden darf, dass altersgemischte Lerngruppen sowohl gewisse Nach- wie Vorteile haben, wird vielerorts so getan, als handle es sich bei der (durchaus nicht neuen) Schulart nun um die einzig vertretbare Unterrichtsform, die der Verschiedenheit der Kinder gerecht wird. Schulen, denen der Wechsel zu Adl vorsteht, lobpreisen das System kritischen Eltern gegenüber unabhängig von Rahmenbedingungen per se als Segen. Je nach Papier, das an den Informationsveranstaltungen zitiert wird, sorgt AdL für „die Förderung von nachhaltigem Lernen“, für „die Anerkennung des Kindes in seiner Einzigartigkeit“, für „die Sicherstellung unterschiedlichster Lernanreize“, für „die kindliche Erfahrung der Selbstwirksamkeit“ oder für das „Hineinwachsen in eine natürliche Gemeinschaft.“ Die Lehrerkonferenz des Kantons Aargau hält es für empirisch belegt, dass sich AdL-Kinder durch „mehr Achtung gegenüber Klassenkameraden“ und „einen positiveren Blick auf die Zukunft“ auszeichnen.

 

Angesichts dieses Argumentariums müssen sich all' jene Schulen, die noch nach dem alten, oder – je nach Sichtweise - alt bewährten System der Jahrgangsklassen unterrichten, bald fragen, ob es noch zu verantworten ist, wenn der Altersunterschied zwischen Kindern in einer Klasse nicht mehr als zwei Jahre beträgt. Fachtexte zum AdL erwecken zudem den Eindruck, als wäre die Vielfalt in einem Klassenverbund einzig und allein durch den Altersmix gegeben, und als würden in einer Jahrgangsklasse die Kinder sozial verkümmern. Im unlängst erschienen Buch „AdL - Auf dem Weg zur Individualisierenden Gemeinschaftsschule“ lobpreist Autorin Heidi Gehrig AdL nicht nur als System, welches „Raum für Verschiedenheit“ garantiert, sondern diskreditiert das Modell der Jahrgangsklasse ganz allgemein, da dieses „mit einer vordergründigen Homogenisierung den konstruktiven Umgang mit Heterogenität zusätzlich erschwert.“

 

Unbestritten ist: Der Systemwechsel auf AdL ist komplex, wird von den Behörden oft völlig unterschätzt und zieht einen Rattenschwanz an Veränderungen mit sich. Möglichkeiten bei der Umstellung gibt es zwei: Entweder die Variante „big bang“, bei der sämtlich Klassen zum selben Zeitpunkt zusammengeführt werden oder die Variante „step by step“, bei der nur bestimmte Jahrgangsklassen sukzessive auf die gewünschte Grösse fusionieren. Begonnen wird dann meist mit der Zusammenlegung der 1. und 2. Klasse. Vorteil der schrittweisen Umstellung von unten ist, dass die 5. und 6. Klässler – durch den anstehenden Übertritt in die Oberstufe ohnehin unter Druck – von zusätzlichen AdL-Turbulenzen verschont bleiben und automatisch aus dem alten System ausscheiden, während die frisch eingeschulten Kinder von Anfang an nichts anderes kennen.

 

In einer politischen Schlammschlacht endete die Aufgleisung von Adl in Feusisberg (SZ). Die seit Jahren mit rückgängigen Schülerzahlen kämpfende Gemeinde erteilte dem Schulpräsidenten den Auftrag, eine Lösung zu suchen und landete bei AdL. Der Gemeinderat pries das Projekt vorschnell als win-win-situation, während ein Teil der Lehrerschaft Konter gab und skeptische Eltern sich in einer „Task-Force“ formierten. Entnervt nahm daraufhin der Schulpräsident den Hut. In Meggen (LU), wo AdL ab Sommer 2012 gestaffelt hätte eingeführt werden sollen, wurde das Vorhaben einstweilen sistiert, weil einerseits „die politischen Umstände“ es erforderten anderseits die Lehrerschaft nicht mitziehen wollte und die Voraussetzungen gemäss Schulpflege für eine erfolgreiche Umsetzung zurzeit „grundsätzlich nicht gegeben sind.“

 

Der Druck, AdL zu befürworten, ist – ähnlich wie beim Thema „integrative Schulung“ – gross. Wer den Systemwechsel hinterfragt, Fragen nach Aufwand und Ertrag nur schon zu stellen wagt, gilt als Spielverderber, wer die vorbehaltlose Zustimmung zum Projekt ablehnt, sieht sich dem Vorwurf ausgesetzt, pädagogisch nicht auf der Höhe der Zeit zu sein. Auch die Rolle der Lehrerschaft ist bezeichnend. Kommt das Thema aufs Tapet, reagiert sie anfangs meist ablehnend, jammert über den – zu Recht – befürchteten Mehraufwand, verstummt dann aber sogleich wieder, wenn es heisst, man werde ihr für die zeitraubende Phase der Umstellungen „Lerncoaches“ zur Seite stellen, sie in entsprechenden Weiterbildungskurse auf die Änderung vorbereiten oder mit einer finanziellen Zulage entschädigen. Der Begleitaufwand von AdL ist so gross, dass mancher von der Änderung betroffene Lehrer tatsächlich mehr mit der Organisation des Unterrichts als mit dem zu unterrichtenden Schulstoff selber beschäftigt ist. Gemäss Leitfäden gilt es nämlich, nach Erstellung einer so genannten „Lernlandkarte“ abwechselnd entweder in „homogenen Kleingruppen“, im „heterogenen Tandem“ oder in „Lernstandsgruppen“ zu unterrichten.

 

In der Primarschule Feusisberg findet mittlerweile der Mehrklassenunterricht wie geplant statt. Im Bewusstsein darum, dass dieser an die Konzentrationsfähigkeit mancher Kinder besondere Anforderungen stellt, stehen im Schulzimmer Armee-Gehörschutzgeräte der Marke „Pamir“ zur Verfügung. Die Kinder, heisst es bei der Schulverwaltung, machen davon regen Gebrauch.

 

Interview mit Xavier Monn, 51, Fachexperte für Schulentwicklung im Amt für Volksschule Thurgau. Er hat freiberuflich zahlreiche Gemeinden in der Deutschschweiz beim Umstellungsprozess zu AdL fachlich begleitet.

 

Wenn durch die Zusammenlegung mehrerer Klassen die Schliessung eines Schulhauses verhindert werden kann, ist der Wechsel zu AdL nachvollziehbar. Warum aber soll ein gut funktionierendes, kinderreiches Schulhaus ohne Not auf AdL umstellen?
Um die pädagogischen Chancen wahrzunehmen. Das Modell Jahrgangsklasse geht von einer homogenen Lerngruppe aus. Doch nur weil Kinder in etwa dasselbe Alter haben, heisst das nicht, dass sie intellektuell gleich weit sind. AdL nutzt diesen Umstand und ermöglicht einen neuen Zugang zum Lernen. Mal gehört ein Kind der Gruppe der Älteren, mal der Gruppe der Jüngeren an. Es erlebt sich in verschiedenen Rollen.

 

Vor allem Eltern, deren Kinder die 5. oder 6. Klasse besuchen, sind nicht besonders erpicht darauf, dass – kurz vor dem Übertritt - ein ganzes System über den Haufen geworfen wird. Können Sie das nachvollziehen?
Durchaus. Ich habe dies ja teilweise selber erlebt bei den von mir begleiteten Umstellungsprozessen. Widerstand gegenüber AdL gibt es aus unterschiedlichen Gründen. Viele Eltern sind besorgt, ob ihr Kind unter den neuen Umständen überhaupt noch ruhig und richtig lernen kann. Seitens der Lehrpersonen wird oft bemängelt, dass man sie nicht rechtzeitig über einen bevorstehenden Wechsel orientiert hat oder dass über ihre Köpfe hinweg entschieden wurde. Einerseits ist es ideal, Lehrer und Eltern bei der Umstellung hinter sich zu wissen. Anderseits ist ein basisdemokratischer Entscheidungsprozess in solchen Belangen gar nicht möglich. Denn nicht Eltern und Lehrer entscheiden, wie eine Gemeinde ihre Volksschule organisiert, sondern die Behörden.

 

Viele Mehrklassenschulen bekunden Mühe, Lehrer zu finden, die bereit sind, nach diesem mitunter recht komplexen System zu unterrichten. Wie machen Sie den Lehrern AdL schmackhaft?
Grundsätzlich muss man sagen, dass Lehrpersonen im Studium weder explizit zum Unterricht im AdL-System noch im Jahrgangsklassensystem befähigt werden. Vielmehr erlernen sie das Rüstzeug, um in beiden Modellen differenziert unterrichten zu können. Es kommt aber tatsächlich vor, dass Lehrer mit der Kündigung drohen, wenn sie erfahren, dass AdL eingeführt wird. Umgekehrt kommt es aber auch vor, dass AdL der Grund sein kann, warum jemand in einem bestimmten Schulhaus arbeiten möchte. Es gibt hier als zwei verschiedene Märkte. Die Frage ist nun, ob sich bei diesen Angebot und Nachfrage einspielt.

Es fällt auf, dass AdL-Befürworter ihrem Modell nicht nur ausnahmslos positive Eigenschaften zuschreiben, sondern die Struktur der Jahrgangsklasse auch noch schlecht machen. Werden da zwei Systeme gegeneinander ausgespielt?
Das wäre nicht gut. Denn beide Systeme haben ihre Vor- und Nachteile. Massgebend für die Qualität des Unterrichts ist zudem nicht die Organisationsform, sondern die Lehrperson. In beiden Modellen lässt sich ein hervorragender oder eben ein miserabler Unterricht gestalten.

 

Aber was für eine Bündner Dorfschule  richtig sein mag, muss nicht automatisch auch für ein städtisches Schulhaus in Genf oder Zürich die beste Lösung sein. Wie sehen Sie das?
Das stimmt. Dennoch ist es nicht so, dass AdL grundsätzlich nur für ländliche Schulhäuser in Frage kommt. Auch in städtischen Schulhäusern stösst man mit dem System der Jahrgangsklassen mitunter an Grenzen. AdL kann in einem solchen Fall helfen, die unterschiedlichen Klassengrössen aufzufangen. Statt je eine erste, eine zweite und eine dritte Klasse gibt es dann einfach drei Gruppen mit Kindern aus allein drei Klassen. Diese Formationen bleiben dann konstant.

 

Manche Fächer – wie etwa Natur- oder Menschenkunde – mögen sich gut für AdL eignen. Wie aber soll ein Lehrer Schülern in einer Klasse gleichzeitig das Einmaleins und die schriftliche Division im Tausenderraum beibringen?
In der Mathematik sind die Herausforderungen für AdL tatsächlich am grössten, weil in diesem Fach die Lehrmittel curricular aufgebaut sind. Dennoch kann man auch hier altersdurchmischt lernen, etwa wenn Themen wie Gewicht, Geld oder Zeit erarbeitet werden. Bei AdL muss man sich von der Vorstellung lösen, dass der Lehrer den gesamten Unterricht managt. Hier wird das Voneinanderlernen unter den Schülerinnen und Schülern viel stärker gewichtet. Im Idealfall entsteht eine dynamische Lernkultur, in der Kinder viel Verantwortung übernehmen und zur Selbständigkeit erzogen werden.

 

Die Schule ist Moden, aber auch schwankenden Schülerzahlen unterworfen. Wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass Schulhäuser, die gegenwärtig auf AdL umstellen, in zehn Jahren wieder zum alten System übergehen?
Ich selber habe zwölf Jahre lang an einer altersdurchmischten Unterstufe unterrichtet und hätte mir am Ende nicht mehr vorstellen können, mit einer Klasse, die ausschliesslich aus Erstklässlern besteht, zu starten. Tatsache ist, dass die allermeisten Gemeinschaften – ob in der Krippe, im Hort, in der Freizeit, Familie oder später im Beruf – ohnehin altersdurchmischt funktionieren. Insofern haftet einer Schulklasse, in der alle gleich alt sind, etwas Unnatürliches an. Dem Modell AdL dürften darum gute Prognosen beschieden sein.