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VON KUBA, KERLEN UND KONDOMEN

 

Der Dokumentarfilm «la reina del condon» zeichnet das Bild von einer potenten Kämpferin, die dem karibischen Liebesleben auf den Grund geht. Kurzweilig und klug.

 

von Sabine Windlin

 

Es liegt noch in der Luft, das Teufelswort, das Monika Krause, erste staatliche Sexualaufklärerin in Kuba, in den Mund zu nehmen gewagt und dann gegen Kubas Männer geschleudert hat: Kondom. In Radio- und Fernsehsendungen, bei Vorträgen in Schulinternaten, unzähligen Einzel- und Familiengesprächen.

 

Mit einer landesweit gestarteten Aufklärungskampagne, so der Auftrag ihres Chefs Fidel Castro, sollen den zunehmenden Teenagerschwangerschaften im Kuba der 60-er Jahre Einhalt geboten werden, aber eben, das Wort Kondom ist im Land der standhaften Machos tabu.

 

Die Wortzensur ist nur eines von vielen eindrücklichen Beispielen, das im Dokumentarfilm der beiden Schweizer Filmschaffenden Silvana Ceschi und Reto Stamm, das abenteuerliche Leben der DDR-Bürgerin Monica Krause (geboren 1941) auf Kuba dokumentiert. Aufgewachsen in Rostock, stürzt sich die Lateinamerikanistik-Studentin mit 20 Jahren in ein (Liebes)-Leben, das sie sich in ihren kühnsten Vorstellungen nie erträumt hätte. Es beginnt mit der Begegnung mit dem charismatischen und romantischen Jesús Jimenez, 22jährig und jüngster Kapitän der Welt, der in Warnemünde das neue Frachtschiff «Sierra Maestra» abholt und nach Havanna steuern muss.

 

Monica verliebt sich in Jesus, folgt ihm nach Kuba und verkehrt schon bald im einflussreichen Bekanntenkreis ihres Mannes. Die emanzipierte Deutsche mutiert bald  zur offiziellen, staatlichen Sexualaufklärerin, nimmt ihren Job aber zunehmend ernster, als es den Funktionären der sozialistischen Republik lieb ist. Sie redet Klartext in Sachen Sex, kämpft für libidinöse Gleichberechtigung, das Recht der Frau auf Abtreibung und der Pflicht des Mannes zur Schwangerschaftsverhütung. Als Tabubrecherin wird sie über Nacht im ganzen Land berühmt und erhält den Übernamen «la reina del condon» (die Königin des Kondoms); eine ambivalente Krönung freilich, denn sie bedeutet im Leben der Monica Krause ein Kampf, bei dem das private (Familien)-Glück auf der Strecke bleibt und schliesslich zerbricht.

 

Es sind die zwei Söhne, Daniel und Dictys, die, auf Spurensuche, das Wirken ihrer prominenten Mutter in Erinnerung rufen und dabei ihren Vater erstmals wieder sehen. Einfühlsam und bildstark, präzise und kreativ zeichnen Silvana Ceschi und Reto Stamm das Bild einer ungewöhnlichen Persönlichkeit und einer Gesellschaft, die zwischen revolutionärem Fortschrittswillen und tradierten Rollenbildern oszilliert. Darum malt der Film nebst dem Porträt einer Frau, auch das Porträt eines widersprüchlichen Landes, in dem sich Wünsche, Träume und Vorstellungen -  für eine Vernunft gesteuerte Europäerin – zu einem unverdaulichen Konglomerat vermengen. Die zuerst leicht spröde anmutende Protagonistin entpuppt sich im Laufe des Film als äusserst sensible Persönlichkeit, die Ihre Geschichte im Rückblick nicht ohne Humor auf sehr kurzweilige und alles andere als verbitterte Art zu reflektieren weiss, was angesichts der erlebten Zensur, Kritik und Sabotage an ihrer Arbeit nicht selbstverständlich ist. Dies gibt dem Film – untermalt mit mal heiteren, mal wehmütigen kubanischen Klängen und den unumgänglichen Tanzeinlagen - letztlich auch die nötige Prise Leichtigkeit.

 

Die mit Bedacht gewählten, historischen schwarz-weiss Aufnahmen kontrastieren die Farbigkeit des karibischen Liebeslebens, zu der eine fröhliche Tuntenparty auf den Dächern Havannas genauso gehört wie der tägliche Flirt auf der Strasse, gegen den die Hintern schwenkenden, sich ihres Sexappeal durchaus bewussten Kubanerinnen nichts einzuwenden haben. Bestens erinnern sich die Leute noch heute an ihre reina del condon, wie eine Umfrage in Havannas Gassen dokumentiert. Und wenn man bedenkt, wie offen da ein Kubaner  über das Geheimnis der Klitoris spricht, das aufzuspüren ein guter Liebhaber sich zu Herzen nehmen soll, und wie spontan und auskunftsfreudig sich eine Männerrunde zusammenfindet, um über Jungfräulichkeit zu diskutieren, fragt man sich natürlich, ob dieser Fortschritt der langjährigen Sexualaufklärerin aus der DDR zu verdanken ist. «La reine del condon» ist ein aufklärerischer Film im besten Sinne, denn er schafft das Kunststück, das Bewusstsein von der sozialen Wirklichkeit in einem Land anhand einer Hülle aus Kautschuk zu schärfen.