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TRüFFELSCHWEINE DES FEUILLETONS

 

Der Internetdienst Perlentaucher spiegelt täglich den kulturellen Reichtum des deutschsprachigen Feuilletons wider. Journalisten machen vom Angebot regen Gebrauch.

 

von Sabine Windlin

 

 Ein Perlentauchertag ist ein Tag, gefüllt mit Trouvaillen. Er beginnt morgens um 10 Uhr mit einer kurzen, aber gepflegten Feuilletonrundschau: Die NZZ flaniert durch Plattenbausiedlungen der Kulturhauptstadt Halle - die FAZ entwirft die historische Soziologie der «Groupies» - die Welt polemisiert gegen die Übellaunigkeit der deutschen Theaterkritik - die Frankfurter Rundschau beschreibt den Nahen Osten als Paradies für Zyniker - die taz kritisiert den Gesetzesentwurf zum Verbot heimlicher Vaterschaftstests - die Süddeutsche Zeitung berichtet von Journalistenbestechung und Propagandapaketen der amerikanischen Regierung.

 

Die Frage ist, ob man Zeit hat, dieses unbestritten reizvolle Menu an Artikeln  auch zu lesen. Doch die Idee des deutschen Internetservices Perlentaucher.de setzt woanders an: Er destilliert jeden Tag die «Perlen» aus dem deutschsprachigen Feuilleton und verbreitet deren Quintessenz in einer kommentierten Presseschau per Email an seine Abonnenten. Aufgrund eines einzigen Mails wissen so Journalisten und Journalistinnen binnen kürzester Zeit über die Highlights im Blätterwald Bescheid, ohne dafür sechs verschiedene Zeitungen gekauft und gelesen haben müssen. Um 11 Uhr folgt der «Medienticker», gegen Mittag die «Bücherschau des Tages». In der «Magazin-Rundschau» durchstreift die Perlentaucherredaktion ausserdem jeden Montag internationale Wochenmagazine (Spiegel, L’Express, The New Yorker, L’Espresso, The economist) auf der Suche nach interessantem Lesestoff; auch hier mit Links zu den Originalartikeln.

 

Der nunmehr seit vier Jahren bestehende Internetdienst, der von der dreiköpfigen Redaktion und rund zwei Dutzend Freien bestritten wird, scheint ein grosses Bedürfnis abzudecken und heimst in der Medienszene viel Sympathie ein. Jedenfalls nehmen die Leserzahlen seit 2000 zu. 400 000 laut Umfrage «gebildete und begeisterungsfähige» Personen besuchen monatlich eine Million Perlentaucher-Seiten, 10 000 Personen haben den Perlentaucher-Newsletter abonniert. Vergangenes Jahr wurde die Dienstleistung mit dem  «Grimme online Award» ausgezeichnet, weil er, so die Jury, «einen Zugewinn an Lebenszeit und Orientierung» biete. Fein und uneitel gestalte sich überdies dessen Internet-Auftritt.

 

So praktisch und simpel der Service scheint – die Idee von Perlentaucher resultiert aus dem Fehlen einer europäischen Öffentlichkeit, die Perlentaucher-Gründer Thierry Chervel als grosses mediales Manko empfand. Schon als der redegewandte 47jährige Journalist und deutsch-französische Doppelbürger noch für die Süddeutsche Zeitung als Korrespondent in Paris arbeitete, fiel ihm auf, wie wenig der interkulturelle Austausch über die Landesgrenzen hinweg gepflegt wurde. Frankreich, Grossbritanien und die USA, kritisiert er, interessierten sich fast nur für nationale Grössen und frönten dem Glauben, das Universum ende an den Landesgrenzen. Er aber wolle eine europäische Debatte. Mit Perlentaucher sei es möglich, mit einfachsten Mitteln Kristallisationspunkte interkultureller Öffentlichkeit zu schaffen.

 

Er selber entpuppt sich im Gespräch als leidenschaftlicher Fan des deutschen Feuilletons. «Deutschland hat die beste Kulturpresse der Welt. Nirgends sonst sind die Feuilletons so umfangreich, so lebendig und streitlustig», schwärmt Chervel. In wenigen Ländern würden so viele Bücher rezensiert. Cees Nooteboom, Péter Esterhazy, Nagib Machfus, Zeruya Shalev, Haruki Murakami – all diese Autoren stünden in Deutschland auf der Agenda und würden vom Publikum auch gelesen; «ein Verdienst», so Chervel, «der geistig offenen und lebendigen deutschen Kulturpresse».

 

Ende Februar geht Perlentaucher unter dem Namen pearlfisher.net mit einem englischsprachigen Dienst online und liefert von da an täglich eine englische Version der Presseschau. Woche für Woche wird sich die Redaktion in Berlin zudem um die Rechte an drei oder vier Artikeln aus dem deutschen Feuilleton bemühen, sie ins Englische übersetzen und online publizieren. Das bedeutet Mehrarbeit für Thierry Chervel und seine Trüffelschweintruppe. Und ein hochwillkommener Mehrwert für alle Perlentaucherfans.