Portraits

 

 

ERFOLGS-JUNKIES UND ANDERE ALKIS

 

In «Höhenrausch» schreibt «Spiegel»-Autor Jürgen Leinemann, wie Macht und Medien die Politiker verändern. Sein Buch dokumentiert auf eindrückliche Weise auch die eigene Sucht nach Alkohol und Anerkennung.

 

von Sabine Windlin

 

Das Bild ist vertraut: Politiker, die genüsslich die Aufmerksamkeit der Menge aufsaugen, sobald sie an einem Dorffest oder einer Theaterpremiere auftauchen. Gelegentliches Winken und Zurufe, die ihnen gelten, beflügeln die Promis  wie Aufputschpillen.

 

Politik als Sucht? Die Diagnose ist vertraut. Psychologen und Historiker haben sich umfassend mit diesem Thema beschäftigt. Dass der Rausch auch auf Journalisten übergreift, die die politische Führungselite publizistisch begleiten, ist ein weniger bekanntes Phänomen. Der renommierte deutsche Politjournalist und Kisch-Preisträger Jürgen Leinemann analysiert es in seinem eben erschienen Buch «Höhenrausch». Präzis und spannend, detailliert und geistreich schildert der herausragende Schreiber und Rechercheur eine Politbühne, deren Darsteller (Politiker und Medien) allmählich die eigene Bodenhaftung verlieren und sich zunehmend an ihrer eigenen Bedeutung berauschen.

 

Leinemann, geboren 1937 in Celle (Niedersachsen) studierte zunächst Geschichte, Germanistik und Philosophie. Aus bescheidenen Verhältnissen stammend - der Vater ist Sparkassenangestellter, die Mutter Hausfrau - war Leinemann schnell weit gekommen. Mit 27 Jahren wurde er freier Mitarbeiter bei der DPA in Westberlin, mit 31 Jahren – es war das Jahr 1968 - ging er für den Spiegel als Korrespondent nach Washington. «Ich war der junge Mann aus Germany , ein kaum wahrgenommener Aussenseiter im legendären White House Press Corps. » Den Ausweis empfand er als eine Art Orden, die Sicherheitskontrollen zum weissen Haus passierte er mit frommem Schauder. Als 34jähriger wurde er Büroleiter des Spiegel in Washington. Er war «talentiert und fleissig» genug und hatte gelernt, die Erwartungen seiner Umwelt zu erkennen und zu erfüllen. Doch was ihm fehlte, war das innere Gleichgewicht. Er arbeitete bis zur Bewusstlosigkeit, um seinen beruflichen Aufstieg zu rechtfertigen.

 

Als prägendes Ereignis schildert Leinmann den 9. August 1974, als Richard Nixon infolge Watergate das Amt an Vizepräsidenten Gerald Ford abgab. Zuvor betrieb Leinemann eine Jagd nach Details zur ungeliebten Person Nixons, den er in seiner Artikeln als «blutleer, aufgedonnert und schemenhaft» schilderte. Eine Weile glaubte sich Leinemann in seiner Beobachtungsposition auf der sicheren Seite – bis er merkte, dass er als Journalist keineswegs nur Zuschauer war sondern auch Akteur: hungrig nach Lob und Zustimmung.

 

Er steigerte sich so leidenschaftlich in die eigene Berichterstattung hinein, dass die Formulierung und die Intensität seiner Argumentation aggressive, ja geradezu wahnhafte Züge annahmen. Was nach aussen wie professionelle Leidenschaft wirkte - und sich auf die Berichterstattung zweifelsohne sehr positiv auswirkte – empfand er selbst immer mehr als Besessenheit. «Ich begann Richard Nixon zu hassen.» Nicht nur hatte dieser ihm endgültig den amerikanischen Traum einer funktionierenden und integren Demokratie zerstört. «Er trug alle Merkmale des kleinbürgerlichen Aufsteigers, der sich in Positionen hochgedient hatte, denen er nicht gewachsen war – so wie ich selbst.»

 

Leinemann schlief schlecht, arbeitete rastlos, trank zuviel und ass zu wenig. Aus Erschöpfung wurde Depression. Medikamente kamen hinzu. Bei jedem Telefon zuckte er zusammen. FBI? CIA? «Er oder ich. Ich oder er» Am Ende war Nixon erledigt, aber Leinemann hatte nicht gewonnen. Im Gegenteil – auch er wollte und konnte nicht länger in Washington bleiben. «So krank, müde und depressiv, wie Nixon wirkte, fühlte ich mich auch.» Ein Hochstapler im weissen Haus war enttarnt. Jetzt war bestimmt er selber dran.

 

Er schrieb begnadete Geschichten – und soff. Er führte brillante Interviews – und stürtze ab. «Ich hatte immer eine halbe Wasserflasche auf meinem Schreibtisch – und ein volles Wodkaglas», schreibt Leinemann. Es ging ihm miserabel und er fragte sich allmählich, welchen Preis er für seine berufliche Kariere bezahlen wollte. Was Ärzte zunächst als «endogene Depression» diagnostizierten, erhielt am Ende eine weit profaneren Namen: Sucht. Der Spiegel muss über den desolaten Gesundheitszustand Leinemanns Bescheid gewusst haben. Jedenfalls, erinnert Leinemann, habe ihn sein Arbeitgeber  während seiner «Notzeit» vorbildlich geschützt und gestützt. Nach Sieben Jahren USA-Korrespondenz entschloss sich Leinemann, nach Deutschland zurückzukommen. Er begann eine Therapie und nahm an Selbsthilfegruppen teil. Als Ex-Alki war es einfach,  die Suchtstrukturen der von ihm portraitierten Politiker zu erkennen; diesmal aber eben die Sucht  nach politischer Macht. Es wurde Leinemanns Lebensthema.

 

Zu beobachten, wie Macht die politischen Führer verändert, wie sie anfällig werden für  die hektische Selbstgenügsamkeit des politischen Betriebes, sich einmauern in Posen von Kompetenz und Zuversicht, sich verstecken hinter beruhigenden Formeln, feudalen Schreibtischen, üppigen Lüstern, hohen Flügeltüren; und wie sie hinter den Scheiben gepanzerter Limousinen immer mehr der Realität entrücken. «Wo leben die eigentlich?», fragt der Journalist immer wieder. «Wissen die noch wie es zugeht in der alltäglichen Welt, oder haben sie den Kontakt zur Wirklichkeit verloren?»

 

Der Reichstag in Berlin repräsentiert für Leinemann den grösstern Versammlungsort für Süchtige. In den letzten zwei Jahrzehnten hat er die prägenden politischen Figuren journalistisch begleitet und lässt sie in seinen Schilderungen lebendig werden: Helmut Kohl und Johannes Rau, Oskar Lafontaine und Rudolf Scharping, Gerhard Schröder und  Edmund Stoiber, Joschka Fischer und Angela Merkel. Auch Letztere – die anfangs noch witzig und ironisch gewesen sei – zählt Leinemann heute zu den Politjunkies. «Ihr Ziel ist der Machterhalt. Danach ist sie süchtig. Auch wenn sie dabei als Mensch auf der Strecke bleibt.» Besondere Erwähnung findet Joschka Fischer, der die Führung des Aussenministeriums mit der Besteigung eines 7000-Meter –Gipfels vergleicht, die Kanzlerschaft mit dem Erklimmen eines 8000er.

 

Und warum hat es 30 Jahre gedauert, bis Jürgen Leinemann über den Rauschcharakter der Macht ein Buch geschrieben hat? «Weil ich wusste, dass ich mich selbst als Süchtiger zu erkennen geben müsste, sollte die Charakterisierung der Politiker als Erfolgs-Junkies nicht denunzierend wirken», erklärt er. Als «trockener Alki» wollte er sich erst outen, wenn er für den Spiegel nicht mehr im politischen Tagesgeschäft aktiv war.

 

Jürgen Leinemann: Höhenrausch. Die wirklichkeitsleere Welt der Politiker. Blessing Karl Verlag, 2004. Preis: 20 Euro.

 

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