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SOZIALISIEREN ODER PARKIEREN

 

«Studien» zum Thema Kinderkrippen sorgen immer wieder für Aufregung. Dabei ist die Aussagekraft der empirischen Daten äuusserst banal. Allgemeinwissen wird wissenschaftlich betoniert.

 

Die Nachrichten, die uns Anfang Jahr aus Amerika erreichten, konnten jungen, berufstätigen Müttern nicht gefallen. Der Psychologe Jay Belsky vom amerikanischen National Institute of Child Health and Human Development NICHD führte in einer Studie Brisantes zu tage: Kleine Kinder, die viel Zeit in einer Krippe verbringen, verhalten sich später dreimal häufiger problematisch als Kinder, die vorrangig von ihren Müttern betreut werden. Die Rede ist von Aggressionen, unbeherrschtem Verhalten, Grausamkeit und Gewalt gegen Personen und Dinge.

 

Die Reaktionen auf die «Early-Child-Care»- Studie waren erwartungsgemäss gross. Berufstätigkeit und Fremdbetreuung als Risikofaktor für das Kind? Typisch Amerika! Bestimmt steckten hinter der Studie konservative Politiker und Traditionsbataillone mit nur einem Ziel: Frauen zurück an den Herd. Bisher galt  – zumindest in Europa – über die institutionelle Betreuung doch immer Gegenteiliges, Gutes: Kinderkrippen und Horte als Garant für sozialkompetente Gesellschaftsmitglieder.

 

Doch das im US-Gesundheitsministerium angegliederte, 1962 gegründete NICHD ist keine hinterwäldlerische Instanz. Das Institut geniesst weltweit einen Topruf in der Kinder-, Familien -und Reproduktionsforschung. Bei besagter Studie handelt sich nicht um eine kleine Umfrage sondern um ein Langzeitprojekt, das seit 1991 läuft und an dem 27 Forscherinnen und Forscher von zehn Universitäten beteiligt sind. Über 1300 Familien und ihre Kinder haben sie untersucht, verteilt in ganz Amerika; arme, reiche, schwarze, weisse. Im Alter von 12, 15, 24, 36, 54 Monaten wurde die kleinen Kinderleben in grossen Datenbanken analysiert. Berücksichtigt wurden diverse Betreuungsformen: Krabbelgruppen, Kinderkrippen, Horte, Babysitting oder die Betreuung durch Tages- und Grossmütter.

 

«Es ist die Studie aller Studien», sagt  Martin Dornes, stellvertretender Direktor des Instituts für medizinische Psychologie am Universitätsklinikum in Frankfurt. Umfangreiche Fremdbetreuung im ersten Lebensjahr könne sehr wohl ein Risikofaktor für spätere Verhaltensprobleme sein, jedoch nur wenn sie mit bereits schwierigen Familienverhältnissen zusammentreffe. In Amerika, so Dornes, sei die Qualität der Fremdbetreuung, da gesellschaftlich wenig akzeptiert, jedoch oftmals schlechter als in Europa.Was also in Amerika gilt, muss für die Schweiz nicht stimmen.

 

Wer Studien sucht, die krippenskeptische Resultate liefert, wird fündig. Wer Studien sucht, die eher krippenbefürwortende Resultate liefert, wird genauso fündig. Aus dem Potpourri der samt und sonders als wissenschaftlich daherkommenden Erkenntnisse pickt sich schliesslich jeder und jede raus, was der eigenen Meinung am weitesten entgegenkommt. Material gibt es zur Genüge.

 

Je länger man sucht im Dickicht der entwicklungspsychologischen Babyforschung, je mehr drängt sich freilich auch die Frage auf: Wie empirisch und seriös sind eigentlich diese «Studien»? Mal werden nur fünfzig Familien wissenschaftlich begleitet, mal werden dreihundert Familien untersucht, mal über tausend. Mal werden die Kinder über Monate hinweg beobachtet, mal über Jahre hinweg. Die Befunde, bestätigt Experte Dornes, seien manchmal recht «widersprüchlich und marginal». Mitunter warten Psychologinnen und Fachärzte mit derartigen Binsenwahrheiten auf, die jede Mutter mit gesundem Menschenverstand von sich aus gekommen wäre. Allgemeinwissen wird wissenschaftlich betoniert.

 

Eine Internetrecherche zum Thema Fremdbetreuung spuckt Abhandlungen in gigantischem Ausmass aus: «Kleinkinderbetreuung auf dem Prüfstand», «Vertrauen schaffen von Anfang an», «Psychobiologie der Bindung» oder «Mein Kind in guten Händen» heissen die Titel der Forschungsliteratur, um nur die griffigsten zu nennen. Leute vom Fach tauschen sich aus über «Die Umweltresistenz von Säuglingen», «Die Deprivation als frühe Schädigung» und über «Pathogene, psychodynamische und protektive Entwicklungsfaktoren in Kindheit und Jugend als Prädisposition für seelische Störungen im Erwachsenenalter».

 

Wie monströs die Titel auch tönen; e dreht sich immer um das selbe: Die Rolle der Mutter in der Sozialisation des Kindes, um die sogenannte Bindungsqualität und mütterliche Berufstätigkeit. Kann ein Kind ein zu viel an Mutter haben? Oder ein Zuwenig? Überall Widersprüche. Ständiges Hinterfragen: Tragen Kinder einen irreversiblen Schaden vom Aufenthalt in einer Tagesstätte? «Nein» antwortet die Sozialpsychologin Herrad Schenk. In ihrem viel beachteten Buch «Wieviel Mutter braucht der Mensch?» plädiert sie für eine «weniger mutterzentrierte Erziehung».

 

Wissenschaftliche Untersuchungen über Kibbuz-Kinder hätten gezeigt: Es gebe keinerlei Hinweise darauf, dass eine Gemeinschaftserziehung im frühen Kindesalter der Persönlichkeitsentwicklung abträglich sei. «Erschöpfende Studien aus zwei Jahrzehnten», so auch ihre Kollegin Shari Thurer, «haben keinerlei Beweise für die negativen Folgen von Tagesbetreuung erbracht.» Thurer glaubt nicht, dass Frauen, nur weil sie Kinder zur Welt bringen, diese auch automatisch am besten erziehen können.

 

Genau das Gegenteil findet der bekannte deutsche Kinderpsychiater Johannes Pechstein, langjähriger Direktor des Kinderneurologischen Zentrums Mainz . Unter dem Titel «Zulasten der Schwächsten» liess er unlängst in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung verlauten: Jede ausserfamiliäre Betreuung für unter Dreijährige sei «entwicklungspsychologisch verantwortungslos». Er sprach von «Aufbewahrung» und «Kinderparken», das im Interesse «von bestimmten Erwachsenen» (gemeint waren wohl berufstätige Mütter) liege. Selbst die Nachmittagsbetreuung von Primarschülern sei nicht empfehlenswert. «Kinder», so Pechstein, «benötigen am Beginn ihres Lebens drei Jahre lang die liebevolle Einzelbetreuung in der Familie, möglichst mit Geschwistern.»

 

Trotzig möchte man fragen, ob nicht wohl die Mütter selber am besten beurteilen können, ob sie ihrem (Klein)-Kind eine vorübergehende Trennung zumuten können oder nicht. Doch statt Sachlichkeit herrscht grosse Aufregung. Schliesslich vertrauen nicht wenige Mütter ihre Kinder zwei oder drei Tage die Woche einer Krippe an. Rund tausend Kinderkrippen bieten in der Schweiz 50 000 Plätze an. Die Erwerbstätigkeit der Mütter nimmt Jahr für Jahr zu: 62 Prozent aller Mütter mit mindestens einem Kind unter vier Jahren sind erwerbstätig. Bei Müttern von Kindern im Kindergartenalter steigt der Anteil sogar auf  82 Prozent.

 

Trotzdem fehlen für die Schweiz bis heute harte empirische Daten zum Thema Fremdbetreuung. «Da wir punkto Fremdbetreuung lange eine Art Entwicklungsland gewesen sind, gibt es für die Schweiz keine entsprechende Studie», bestätigt Heidi Simoni, Leiterin der Abteilung Praxisforschung, beim Marie Meierhofer Institut in Zürich. Auch gebe es keinen entwicklungspsychologischen Lehrstuhl, der sich mit der Kindsentwicklung im Vorschulalter und der Qualität von ausserfamilialer Kinderbetreuung befasse.

 

Folgedessen finden bei uns die angloamerikanischen Studien Gehör. Dass diese – je nach Resultat - die unglückselige Konkurrenz zwischen Teilzeit- und Vollzeitmüttern zusätzlich schüren, ist eine besonders negative Nebenwirkung. Zwischen den Müttern habe sich ein «destruktiver Wettkampf» etabliert, so die Sozialpsychologin Herrad Schenk. Als die renommierte Entwicklungsforscherin Alison Clarke Ende der Neunziger Jahre zum Schluss kam, Krippenkinder seien generell intelligenter, kreativer und selbstbewusster, fühlten sich die berufstätigen Frauen in ihrem Lebensentwurf bestätigt. Mit der umfassenden US-Studie können nun die Vollzeitmütter zurückschlagen: «Dafür bringen sich eure Kids später gegenseitig um!»

 

Die Hysterie ist wenig erstaunlich; geht es doch um die Frage, wie  Kinder ins Leben starten. Und sie starten nur einmal.