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ANGST, DASS ALLES AUFFLIEGT

 

Jürgen Leinemanns Spiegel-Geschichten aus dem Innenleben der politischen Klasse sind legendär. Er zählt zu den besten Kennern der deutschen Politik und ihrer wichtigsten Vertreter.

 

von Sabine Windlin

 

Herr Leinemann, fast 40 Jahre lang haben Sie in Washington, Bonn und Berlin den Politbetrieb beobachtet beschrieben und analysiert. Wer leidet mehr unter Profilierungssucht, die Spitzenpolitiker und die Starjournalisten?
Sie befällt immer jene, die die Möglichkeit zur Profilierung haben, und das sind beide Berufsgruppen. Wenn sie in der Möglichkeit, sich öffentlich in Szene zu setzen, beschränkt werden, empfinden sie das als Kränkung oder Niederlage.

 

Aber Journalisten und Politiker unterscheiden sich nicht grundsätzlich von anderen Menschen?
Nein, jeder Mensch braucht Anerkennung. Aber Politiker haben eine grandiose Neigung, sich aufzuspielen und aufzublähen, um so ihre faktische Ohnmacht zu verdrängen. Wer mit sich nicht im Reinen ist, wem ein inneres Geländer fehlt, der braucht mehr äussere Bestätigung als andere.

 

Welche Sucht war bei Ihnen persönlich grösser? Die nach Alkohol oder die nach Anerkennung?

Der Alkohol hat mich fast umgebracht. Ich bin beruflich schnell vorangekommen und weil ich meinem Job emotional und charakterlich nicht gewachsen war, habe ich mit 30 angefangen zu trinken. Natürlich hat das mein Problem nicht gelöst, sondern verstärkt. Ich hatte ständig Angst, dass jemand merken könnte, dass ich meinem Posten als Auslandkorrespondent nicht gewachsen war. Im Hinterkopf hatte ich immer eine Stimme, die sagte: gleich fliegt alles auf. Ich hatte Angst vor dem Scheitern, aber das durfte keiner merken.

 

Sie haben flaschenweise konsumiert. Erstaunlich, dass Sie noch fähig waren, einen Text zu schreiben.

Der Körper stellt sich mit der Zeit um, der Alkohol verselbständigt sich. Das Problem war ja zunächst nicht, dass ich wegen dem Alkohol nicht mehr schreiben konnte, sondern dass ich ohne Alk nicht mehr schreiben konnte. Ich gelangte dadurch in eine andere Bewusstseinslage.

 

Mit knapp 40 haben Sie sich für den Entzug entschieden.

Ja. Den körperlichen Entzug machte ich alleine zu Hause. Danach ging ich für neun Wochen in eine Klinik und begann eine intensive Psychotherapie. Der ganze Heilungsprozess dauerte aber fast zwei Jahre, in der ich nachreifen und – man könnte fast sagen - erwachsen werden musste. Jetzt bin ich ein trockener Alki.

 

Das heisst, Sie trinken keinen Tropfen Alkohol mehr?

Ja, seit 28 Jahren.

 

Wären Sie auch abgestürzt, wenn Sie nicht für den Spiegel geschrieben hätten?

Ich weiss es nicht. Die Geschwindigkeit meiner Karriere hat die Gefahr, abzustürzen, sicherlich verstärkt. Wäre ich – wie meine Mutter es sich wünschte – Lehrer in einer Kleinstadt geworden, hätte ich womöglich ein ungefährliches Leben mit einer konstanten inneren Unzufriedenheit geführt, was auch nicht unbedingt erstrebenswert ist.

 

Haben Sie je daran gedacht, den Journalismus aufzugeben?

Ja, als ich in der Klinik war und meine Therapie begann. Ich hatte Angst, dass ich ohne Sprit nicht schreiben kann. Außerdem hatte ich zunehmend Spass, meine Therapeuten zu sehen und dachte daran, Medizin zu studieren. Dann aber kam ich zurück auf die «Spiegel»-Redaktion und spürte, dass ich weiterhin schreiben wollte. Es ging sogar besser als mit Stoff.

 

Sie outen sich in Ihrem Buch als Ex-Alki. Wie waren die Reaktionen darauf?

Ich habe aus meiner Sucht nie ein Geheimnis gemacht. Schließlich kannten schon vor dem Buch viele Kollegen und Politiker mein Problem, das man ja auch gar nicht verstecken kann. Durch mein Buch melden sich jetzt aber vermehrt Leute, die ich nicht kenne, und die mir ihre Geschichte erzählen wollen. Ich bin jetzt gerade auf Lesetour und lese nächste Woche auch bei einer Antialkohol-Selbsthilfegruppe.

 

Kommen Sie auch in die Schweiz?

Wenn man mich jemand einlädt.