Archiv

 

 

SINNLICHER BROCKEN

 

Harmoniebedürftig, sensibel, besonnen: Als Schweizer «Tatort»- Kommissar Philipp von Burg entspricht Laszlo Kish keinem Klischee.

 

von Sabine Windlin

 

Der Kommissar ist ein Kasten: 1,83 Meter gross, breit, kurz geschoren. 90 Kilogramm Lebendgewicht. Der Hüne heisst László Kish und wohnt in einer kleinen Strasse am Rande von Köln. In der Wohnung riecht es nach Dufttee-Lichtern statt nach Schiesspulver. Auf dem Berberteppich schläft der Sennenhund, in den Kissen die Katze. Die Sonne scheint zum Tee auf dem Balkon.


«Ich bin ein umgänglicher Mensch», sagt der Schauspieler und stellt nach getaner Arbeit ein Bügelbrett weg, «sehr harmoniebedürftig und biege mich oft dem Frieden zuliebe.»
Auf einer Mordkommission wäre der Kerl nicht zu gebrauchen. Aber dort macht Kish ja nur Fernsehkarriere. Als «Tatort»-Kommissar Philipp von Burg bringt er Verbrecher zur Strecke. «Die Rolle», sagt er, «klebt an mir.» Auch wenn Kish seit Anfang Juli in der Sat-1-Vorabendserie «Freunde wie wir» als gefühlvoller Zahnarzt agiert, bleibt er fürs Schweizer Publikum «der Kommissar».


Binnen weniger Jahre ist Kish zu einer festen Grösse unter den TV-Kommissaren geworden. Er repräsentiert einen Typ, den es selten gibt: Vernünftig, besonnen, erdig - ein introvertierter, fast menschenscheuer Ermittler. «Mit dem Lederjacken-Haudrauf hab ich nichts gemein», sagt Kish. «Philipp von Burg funktioniert feiner.»


In der Krimiwelt des Fernsehens regiert die Vorstellung, dass das Antlitz der Polizeipatriarchen schnell lesbar sein soll. Kish kann da nicht dienen. Wohl deshalb fällt er dem Zuschauer sofort auf. Der Mann mit dem durchdringenden Blick und der bulligen Statur besticht schon äusserlich durch eine anrührende Eigenheit. Da weigert sich jemand sichtlich, in Klischees aufzugehen - auch was die Psyche des Kommissars betrifft. Im Gegensatz zu vielen Ermittlern verfügt er nicht über penetrante Selbstgerechtigkeit, ist nicht scharf auf Schiessereien, hat Angst vor Schlägen und knallt keine Autotüren. Der sinnliche Brocken trägt Hosenträger statt Schlips und brüllt nicht.


Kishs Eltern - während dem ungarischen Aufstand im Herbst 1956 in die Schweiz geflüchtet - hätten ihren Sohn gerne als Arzt gesehen. Sein Vater, von Beruf Geburtshelfer, legte ihm eine solide Ausbildung und ein Studium ans Herz. Aber der 20-Jährige entschied sich für die Schauspielakademie, nahm Gesangsunterricht, liess sich zum Bariton ausbilden und lernte Sprachen und Klavierspielen. «Schauspielerei erschien mir zuerst so unmöglich wie eine Mondlandung. Dann merkte ich: Das kann man lernen.»


Als er Anfang der Achtzigerjahre sein erstes Engagement am Schauspielhaus Zürich hatte, freute er sich auf viel Publikum und eine «grosse Rolle». Der ehrgeizige Darsteller aber bekam nur bessere Statistenrollen. Er würde noch «aufgebaut» und müsse Geduld haben. Die hatte Kish mit seinen 28 Jahren nicht mehr. Er zog die Konsequenzen und ging zum Fernsehen. «Ich merkte schnell, dass ich beim Theater nicht glücklich werden konnte, obwohl ich es liebte. Ich mochte die gemeinsamen Proben.»


Und jetzt? Kann es Spass machen, in Serienkrimis Plattitüden zu brummen? Stereotyp heisst es allenthalben: «Die Ermittlungen gehen vor.» «Es war kein Unfall.» «Ich will eine Grossfahndung - und zwar sofort». Kish winkt ab. Natürlich sei das Phrasendrescherei, aber eine realistische. «In den Büros wird so gesprochen.» Davon abgesehen sei er kein Serienfan. Die Annahme einer Rolle hänge jedoch auch vom aktuellen Kontoauszug ab. Als Familienvater habe er keine Illusionen.


Die grösste Herausforderung am «Tatort»-Auftrag ist für Kish, seinem Kommissar Charakter zu geben. «Ich muss dem Regisseur eine von mir selbst durchgearbeitete Rollenkonzeption anbieten», sagt Kish. Damit meint er keine hohle Mienentechnik, wie sie Serienhelden nur zu oft liefern. Als TV-Kommissar sieht er sich in einer Tradition, die wie Shakespeares «Macbeth» den Spiegel des Verbrechens nutzt, um die Gesellschaft zu analysieren und zu kritisieren.


Anderseits ist ihm bewusst, dass es die kleinen, bisweilen platten Gesten sind, die ihn als Fersehkommissar unverwechselbar und beim Publikum beliebt machen. Wenn von Burg mit seinem Kompagnon Markus (Ernst Sigrist) einen Fall beim Fondue analysiert, steht er dem Zuschauer näher, als wenn er mit einer Sonnenbrille in einer Disco rumschleicht. Wenn er in einer vertrackten Situation die Augenbrauen hochzieht und gleichzeitig mit den Augen rollt, wirkt das nachdrücklich wie ein Tobsuchtsanfall. Das pädagogische Geschick von Kommissar von Burg bringt die Missetäter zum Reden. Deshalb findet der Darsteller seine Figur auch sympathisch, «privat würde ich ihn mögen».


Es ist nicht die Faszination am Verbrechen, die Kish an seiner Rolle interessiert. In Zeitungen überliest er Meldungen über Mafia, Frauenhandel und Geldwäsche. «Ich hasse diese Themen.» Ihn interessiert das lebensechte Beziehungsdelikt, die Psychologie der Gesetzesbrecher. Privat schaut Kish sogar in die Sterne. Vor der Hochzeit mit Ehefrau Ulrike Bliefert liess er sich ein Partnerschaftshoroskop erstellen. «Ein harmonisches Duo», befand die Astrologin zur Kombination Widder (er) und Jungfrau (sie).


Die Spur der Verbrechen führt Kommissar von Burg selten in die Welt der Profikiller und Schwerverbrecher. Meistens recherchiert er in bodenständigen Milieus, die aber nicht minder beklemmend sind. Etwa im Berner Oberland, wo das Rätsel um einen Bankenmord zwischen Alpenfestung und Käsekeller liegt. Oder im Berner Jura, wo eine Bauernsekte einen Landvermesser tötet, weil er Umweltverschmutzern auf die Schliche gekommen ist. Kish mag den regionalen Stallgeruch und bedauert, dass aus Kostengründen die «Tatort»-Mundartversionen gekippt wurden. «In Baseldeutsch», glaubt er, «wär ich noch glaubwürdiger.»


Der Hauptdarsteller der Gruppe «Leib und Leben», wie die «Tatort»-Mordkommission im Schweizer Fernsehjargon behaglich heisst, hat punkto Karriere einen Traum: einen Auftritt mit Vorbild Mathias Gnädinger. Schliesslich werden die beiden künstlerischen Kraftpakete oft miteinander verglichen. «Wieso noch niemand auf die Idee gekommen ist, uns als Vater und Sohn zu buchen», sagt Kish, «ist mir ein Rätsel.» Was nicht ist, kann ja noch werden.

 

ENDE LAUFTEXT


László Kish, 42, spielt im Schweizer «Tatort» seit 1993 die Rolle des Kommissars Philipp von Burg. Zweimal führte der gebürtige Basler auch Regie: Mit seinem Kurzfilmdebüt «Gänsehaut» gewann er 1994 in Locarno den Preis für den besten Kurzfilm. 1997 wurde «Halbe Herzen» an den Solothurner Filmtagen uraufgeführt. Kish spielte in diversen Kinofilmen mit, etwa in Kurt Gloors «Mann ohne Gedächtnis», in Andrew Birkins «Salt on Our Skin» und in «Marthas Garten» von Peter Liechti.
Kish ist mit der deutschen Schauspielerin Ulrike Bliefert verheiratet und wohnt seit 15 Jahren in Köln. Zurzeit ist der Schauspieler in der Sat-1-Serie «Freunde wie wir» zu sehen. Der nächste «Tatort» mit Kish wird im Herbst ausgestrahlt.