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EINE AFRIKANISCHE SEELE

 

Er nennt sich Famara und spielt Percussion wie ein Schwarzer. Der Basler Thomas Nikles erobert Gambias Musikszene.

 

von Sabine Windlin

 

Die rote, spitze Filzmütze verleiht dem Mann auf der Bühne das Flair eines Gartenzwerges, aber sonst gibt es über ihn nichts zu lachen.
Im Gegenteil: Das zweihändige Trommelfeuer des Perkussionisten beeindruckt das Publikum dermassen, dass viele nur ungläubig den Kopf schütteln. «Der Mann», sagt Konzertveranstalter Eric Orji, «spielt wie ein Schwarzer.»


Der Mann mit der Filzmütze und den geröteten Wangen ist ein Weisser, ein Schweizer, ein waschechter Basler, er heisst Thomas Nikles. In der westafrikanischen Mini-Republik Gambia ist der 32-Jährige ein gefeierter Mann. «Ein Naturwunder», wie Gambias Musikkritiker schreiben. In der Schweiz dagegen ist Thomas Nikles ein Nobody, einer, der den Einfamilienhausbesitzern im Frühling die Gärten bestellt.


Hinter «Famara», so der Künstlername Nikles', steckt das Lebensdrehbuch einer schrillen Persönlichkeit, die auszog, um gegen die eigene Bedeutungslosigkeit zu rebellieren. Es ist die Geschichte von einem, der beschloss, im kleinsten Land Afrikas ein grosser Star zu werden. Der Verlauf der verblüffenden Karriere erfüllt alle Voraussetzungen einer erstklassigen Künstlersaga in den Sümpfen der Mangroven.


«Er ist ein Schweizer mit afrikanischer Seele», lacht Bojang, ein Mann, der den klangvollen Vornamen «Sheriff» trägt. Der 27-Jährige ist Chefredaktor der gambischen Tageszeitung «Daily Observer» und gilt als Entdecker Famaras. Vor drei Jahren hat er den Basler an einem Konzert im Fussballstadion der gambischen Hauptstadt Banjul zum ersten Mal gesehen und trommeln gehört. Zwei Tage später stand im auflagenstärksten Blatt Gambias das erste Interview mit dem Basler. Titel: «The biggest musical surprise from Europe» - Europas grösste musikalische Überraschung.
Seither verbringt der Basler die Hälfte seines Lebens in der gambischen Hauptstadt Banjul. Er gibt Konzerte, dichtet Songs und spürt seinen musikalischen Wurzeln nach. Er lebt in in einem schäbigen Bungalow, in dem ein Doppelbett, ein wackliges Tischchen, ein Waschtrog, ein Kühlschrank und vier Sessel mit geblümten Schaumstoffkissen stehen. «Ich bin nur zum Spielen oder zum Schlafen hier», sagt der von Gambias tropischer Sonne bronzierte Basler und fächert sich mit einem alten Handtuch Luft zu. Viel ist es nicht, was er aus der Schweiz mitgenommen hat: kurze Hosen, Zahnbürste, Wegwerf-Rasierklingen, Bodylotion und Tabletten für die Malariaprophylaxe.


Wenn Nikles im Bungalow bei dreissig Grad Zimmertemperatur selbstvergessen und in atemberaubender Geschwindigkeit seine Drums bearbeitet, begreift man, warum es so einen nach Gambia zieht; in ein Land, wo die Kultivierung von Erdnüsschen und die Musik die wichtigsten Exportartikel sind. «Die Schweiz», sagt Nikles, «inspiriert mich nicht, deshalb muss ich meiner Musik nachreisen.»


Der Mann mit dem durchdringenden Blick und der bulligen Statur besticht durch ein rührendes Gebaren. Freundlich winkt er nach rechts und nach links, hebt die Sonnenbrille, wenn er durch die Slums marschiert und die Kinderscharen den Europäer «Doubab! Doubab!» rufen: «Weisser! Weisser!»


Famaras Stilmix setzt sich fröhlich über die Grenzen von Hip Hop, Raggamuffin und dem klassischen Rootsreggae hinweg. Gerne würde der Musiker sein bizarr verspieltes Repertoire mit den schnellen Rhythmen auch noch nachts üben. Aber die deutschen Touristen, deren Frottéetücher säuberlich an der Wäscheleine vis-à-vis hängen, mögen das ewige Getrommel Famaras nicht mehr hören. Regelmässig beschweren sie sich beim Quartieraufseher. «Die wissen nicht», sagt Famara mit gespreiztem Ernst, «wer ich bin.»


Immerhin hat er sich seinen Platz in der westafrikanischen Musikszene selbst erspielt. Letzten Silvester nahm er als einziger Europäer am Festival «2000 Drums» teil und trommelte am Cap Point mit 1999 Einheimischen aus Schwarzafrika das neue Millennium ein. Als Special Guest stand Nikles auf einer 200 Quadratmeter grossen Bühne vor 10 000 am Sandstrand jubelnden Zuschauern. «Ein unvergessliches, tiefes Erlebnis», erinnert er sich an den spektakulären Neujahrsrutsch mit der filmreifen Kulisse: segelnde Silberreiher, gigantische Affenbrotbäume und im Wind schaukelnde Palmen. Der Konzertabend war einem Jahrgänger Famaras gewidmet - dem 32-jährigen Colonel Yahaya Jammeh, Gambias Staatsoberhaupt.


«Ich spiele überall, Hauptsache ich kann spielen», sagt Famara zu Manager Eric Orji, dem zwei Meter grossen Nigerianer, der Famaras Terminkalender überblickt. Die Woche ist verplant:
Famara spielt am Kombobeach, wo sich knackige Junggesellen gegen Geld mit käsweissen Mittvierzigerinnen auf Liegestühlen wälzen. Famara spielt im «Tropicsmile» und im «Alibaba», dem legendären Klub im Vergnügungsviertel Senegambia, wo ihm der Wirt statt Gage Vanilleglace offeriert. «Reich werde ich hier nicht», sagt Famara. Mit den Auftrittsgeldern kann er sich knapp das Rückreiseticket finanzieren. Famara spielt im Stadion der Stadt Bakau vor 3000 Leuten, die aus Sicherheitsgründen 25 Meter von der Bühne entfernt hinter einer Securitastruppe in Tarnanzügen tanzen.


Beim musikalischen Durchbruch half ihm der senegalesische Superstar Youssou N'Dour. Im vergangenen Jahr konnte der Basler beim Unabhängigkeitsfestival in dessen Vorprogramm auftreten. Seit diesem Tag spielt Radio Westcoast Famaras Ohrwurm und Hitparadenstürmer «Dunia» fast täglich. Wenn der Basler von Tele Gambia ins Studio geladen wird, um bei der mitternächtlichen Kultsendung «Extratouch» live ein paar Takte zu trommeln, rennen draussen die Fans fast die Tür ein. «Famara, we respect you!», rufen sie. «Famara is one of us.»


Bevor aus Thomas Nikles Famara wurde, findet sich in der Biografie keine Ingredienz, aus der Superstars gemacht werden. Wenig motiviert machte der Teenager nach der Realschule eine zweijährige Verkäuferlehre bei Coop in Ettingen BL. Im jurassischen Chamblon wird er Panzerabwehrsoldat.


Dann verreist er für drei Monate in eine Sprachschule nach Südkalifornien. Zurück in der Schweiz weiss Nikles nur so viel: ans Fliessband der Konsumkasse will er nicht zurück. Um keinen Preis. Lieber jobbt er als Pizzakurier. Zwischendurch schiebt er Nachtschicht bei der Post und träumt vom Musikmachen in Afrika. Seine Freunde nahmen ihm das nicht ab. Famaras Vater, der im Berufsleben Duschbrausen nach Asien exportiert, kann es heute noch nicht glauben, dass sein Sohn statt im Baselbiet in Schwarzafrika Karriere macht.


Aus Verlegenheit hatte die Mutter ihn als 14-Jährigen für einen Trommel-Workshop im Basler Missionshaus angemeldet. Trommeln, dachte sie sich, das tut in Basel jeder Bub gern. Dass Kursleiter Nana Twum Nketia ein renommierter Trommler aus Ghana war, konnte Mutter Nikles nicht wissen. Und Famara selbst hat erst Jahre nach seinem musikalischen Debüt realisiert, dass er bei einem grossen Meister gelernt hatte. In der senegalesischen Casamence beim Jola-Stamm erfuhr er schliesslich, was musikalisch in einem Bougarabu-Drum steckt.


Die Hautfarbe als Exotenbonus? Auch das. Wenn Nikles mit dem Schiff auf Coconut-Island fährt, um dort in der Primarschule einen Morgen lang Autogramme und Poster zu verteilen, fragt man sich bisweilen, weshalb die Kinder so gerührt sind: Weil sie die Unterschrift eines blonden Basler Bürgers erhalten, oder weil sie ganz einfach dankbar für das Papier sind, das auf der Insel Mangelware ist?


Wenn er sich auf dem Handwerkmarkt von Brikama beim Meisterschnitzer Morro Dintta nach Drums umschaut, dauert das einen ganzen Tag. Er fachsimpelt auf Englisch und manchmal gar in der Stammessprache der hier ansässigen Wolof oder Mandinka. Zärtlich befühlt er das stramme Kuhfell, fährt mit der Hand über den Trommelbauch und klemmt das Instrument zwischen die stämmigen Schenkel. Famara kommt in Fahrt. Mit selbstmörderischem Eifer trommelt er los, zwischen Bergen von Touristentand: hölzernen Nilpferden, Elefanten, Keulen, Kämmen, Krokodilen und als Ruderboote getarnten Salatschüsseln.


Diese Woche wird Thomas Nikles wieder für ein paar Monate in die Schweiz fliegen, um als Gelegenheitsgärtner den Rasen der Einfamilienhäuser zu mähen. Dass er bei der Fangemeinde in Afrika nicht in Vergessenheit gerät, dafür hat der Schweizer gesorgt: Ende März geht auf Tele Gambia sein erster Videoclip auf Sendung.

ENDE LAUFTEXT


Thomas Nikles, 32, hat im Ausland weitaus mehr Erfolg als in der Heimat. Der Musiker machte zuerst eine Verkäuferlehre bei Coop, dann eine Anlehre als Gärtner. Vor vier Jahren reiste er erstmals nach Afrika. In Senegal, Gambia und Guinea Bissau lernte er bei Einheimischen das Percussionspiel auf Jembe- und Bougarabu-Drums. 1998 trat Nikles im Vorprogramm des Senegalesen Youssou N'Dour auf. Seither kehrt er regelmässig für Konzerte und Aufnahmen in die gambische Hauptstadt zurück. Ende März erscheint unter dem Titel «Just a natural fact» Famaras erste CD, ein Mix aus traditioneller westafrikanischer Volksmusik, Raggamuffin und Rootsreggae.