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«SKIFAHREN KöNNEN IST GENBEDINGT»

 

Der Erfinder der Skiakrobatik, Art Furrer, verdiente in den USA seine erste Million und schuf damit auf der Riederalp ein Hotelimperium. Dort wird er von den einen bewundert, von den andern gehasst.

 

von Sabine Windlin

 

Herr Furrer, haben Sie schon mal eine Interview-Anfrage ausgeschlagen, Herr Furrer?
Einmal ja, einem Walliser Journalisten, der nicht fair zu mir war. Ansonsten gilt mein Grundsatz: Ich verweigere keine Interviews.


Warum sprechen Sie so gerne mit den Medien?
Ich unterhalte mich generell gerne.


Dann erzählen Sie mal, wann dieses Foto entstand?
1945, ich war in der dritten Klasse. Ganz links ist mein Bruder Gregor, dann komme ich und dann unsere Schulkameraden. Von der Berghilfe bekamen wir jedes Jahr ein paar Holzski. Entsprechend der Länge wurden sie vom Lehrer an die Kinder verteilt. Das Foto entstand auf der Riederalp.


Ihr Vater war Taglöhner und Jäger und starb an Staublunge, als sie dreizehn waren. Mussten Sie untendurch?
Ich hatte eine sehr glückliche Kindheit, auch wenn das Geld knapp war. Wir lebten im 90-Seelen-Bergdorf Greich auf 1365 Meter in einem einfachen Häuschen. Mein Vater war einer der besten Jäger im Wallis, ein Wilderer. Aber der Pfarrer sagte uns, das sei keine Sünde, weil das sein Haupteinkommen war. Wir lebten vom Ertrag der bei Nacht und Nebel erlegten Gemsen und Marder. Das Fell eines Fuchses gab damals 150 Franken. Das reichte für zwei Monate.


Mit vierzehn Jahren kamen Sie ins Kollegium Spiritus Sanctus nach Brig.
Etwas Schlimmeres als ein katholisches Walliser Internat in den fünfziger Jahren ist kaum vorstellbar. Um halb sechs war Tagwacht. Im Schlafraum, in dem ein Sprechverbot herrschte, schliefen 30 Knaben. Zuerst ging es zum Waschtrog und dann in Zweierkolonne zum Gottesdienst. Erst beim Frühstück durfte man sprechen. Wer sich nicht daran hielt, musste am Abend draussen eine Stunde lang knien.


Was wollten Sie damals werden?
Berufsvorstellungen hatte ich nicht, aber eines wusste ich: Ich wollte einen guten Lebensstandard und ein hohes Ansehen haben. Das kommt von meinem Vater, der häufig sagte: Die unten im Tal sind die Besseren, die haben fliessendes Wasser, Geld und Land, wir nicht. Als Knabe setzte ich mich oft auf ein Mäuerchen, liess die Beine baumeln, schaute ins Tal und dachte: Eines Tages will ich jemand sein.


Bankdirektor? Hochschulprofessor?
Nein, nein, meine Stärke war der Sport. Es war naheliegend, dass ich mich nach der Lehre zum Skilehrer und Bergführer ausbilden liess. Der Bruder meiner Urgrossmutter war der erste patentierte Skilehrer und Bergführer im Oberwallis. Skifahren können ist genbedingt.


Stimmt es, dass Sie mit einem zweifach beinamputierten Deutschen das Breithorn bestiegen?
Franz Merkt, so hiess der Mann, lernte ich in Pontresina kennen. Er stürmte ständig, dass er auf einen Viertausender wolle. Es gebe da allerdings ein kleines Handicap: Er habe im Zweiten Weltkrieg beide Beine verloren. Da ich sensibel war für Leute, denen es nicht so gut geht, dachte ich: Okay, nimmst den armen Siech halt mit. Im Sommer 1960 stiegen wir über den Theodulgletscher aufs Breithorn. Doch der Abstieg war Wahnsinn. Ich hatte Franz am Strick, doch er brach immer wieder ein. Als er sich nicht mehr bewegte, drehte ich mich um: Eine Holzprothese steckte samt Socken und Schuh vier Meter weiter hinten im Schnee. Doch ein Jahr später stürmte Franz wieder. Er wolle auf den Montblanc. Ich erhöhte extra den Tarif, in der Hoffnung, es wäre ihm zu teuer. Aber Franz sammelte bei Freunden Geld, bis er die tausend Franken beisammenhatte. Im September 1961 bestiegen wir zusammen den Montblanc. Franz schrieb mir danach in einem Brief: «Es war der schönste Tag meines Lebens.»


Nationale Berühmtheit erlangten Sie als Skiakrobat. Was war daran so revolutionär?
Mein eigenwilliger Fahrstil. Ich galt als Gleichgewichtskünstler und wollte den Wintersportgästen ein lustvolles Skifahren beibringen. Die Päpste vom Schweizerischen Skilehrerverband aber hatten - ähnlich wie die Jesuiten im Kollegi - ihre Dogmen und pflegten militärische Lehrmethoden mit einem Skiplan, der noch aus dem Ersten Weltkrieg stammt. Sie sagten, das Körpergewicht müsse auf den Talski verlagert werden. Ich aber sagte: Warum soll einer, der lieber den Bergski belastet, nicht den Bergski belasten? So schuf ich die Anfänge der Skiakrobatik. Es entbrannte ein Streit über den «richtigen» Skistil, worauf ich aus dem Verband geschmissen wurde.


Sie gingen in die USA, weil Sie in der Schweiz keine Perspektiven mehr sahen?
Ja, ich wurde isoliert und galt als Ketzer. Also beschloss ich, nach Amerika ins Exil zu gehen. Ich wohnte in Franconia im Gliedstaat New Hampshire. In den ersten zwei Jahren entwickelte ich dann eine gesamte Choreografie, deren Grundformen noch heute identisch sind mit der Skiakrobatik an Olympiaden und Weltmeisterschaften. Auch die Amerikaner waren begeistert von meinen Schwüngen. Plötzlich kamen Fotografen und interessierten sich für den «crazy Swiss».


Sie blieben dreizehn Jahre in den USA. Hatten Sie Heimweh?
Brutal. Im Sommer flog ich jeweils ins Wallis und arbeitete als Bergführer. Ich wurde natürlich wie ein Held empfangen. Ein Dollar kostete damals Fr. 4.30. Nach dem ersten Jahr Amerika packte ich die Geldbündel aus meinem Nachttischchen in einen Koffer und flog damit in die Schweiz. Bei der Bankgesellschaft in Brig wechselte ich in Schweizerfranken und eröffnete ein Konto. Es gab 8300 Franken. Als ich die Bank verliess, dachte ich: Jetzt bist du reich.


Was gab den Ausschlag, dass Sie definitiv in die Schweiz zurückkamen?
Ich hatte allmählich Mühe mit dem amerikanischen Lebensstil. Damals galt das Motto: tagsüber «tough business», abends heim zu Frau und Familie und beten. Diese Heuchelei machte mir zu schaffen. Dann kam das Angebot als Skischulleiter der «Playboy»- Klubs. Aber mit dieser Welt kam ich innerlich noch weniger zurecht. Diese «Playboy»-Bunnys mit ihren Hasenohren waren eine ständige Versuchung, der ich als Katholik widerstehen musste. Gott sei Dank lernte ich bald meine heutige Frau kennen.


Sie investierten die Dollars und wurden Immobilienkönig auf der Riederalp.
In den guten Jahren verdiente ich in den USA bis zu 180 000 Dollar. Wenn man das hochrechnet, gibt das eine schöne Summe. Bereits 1966 begann ich, Land zu kaufen; den Quadratmeter für rund 14 Franken. Mein erstes Hotel stellte ich auf der Riederalp 1973 hin, dann kam das zweite, das dritte und das vierte. Nach dem Bau des ersten Hotels verspürte ich einen enormen Expansionsdrang. Ich wollte den Ertrag sofort reinvestieren, und so ging das immer weiter. Das ist eine richtige Sucht, dieser ewige Ausweitungsdrang. Meine Nachbarn fanden das nicht so gut.


Machten Sie sich unbeliebt?
Ja sicher, vor allem bei denen, die in den siebziger und achtziger Jahren nichts taten. Dabei haben die von meinem Lebenswerk auch profitiert. Wenn ich am Fernsehen über die Riederalp ein Interview gab, war es immer auch Marketing für die anderen Hoteliers. Doch die Missgunst in der schönen Bergwelt kann gross sein. Als ich den ersten Wellnessbereich eröffnete, hiess es sofort, das sei doch ein Puff, nur weil einer der Hotelgäste nackt in den Schnee rannte.


Spornten die Neider Sie an?
Sie waren meine besten Helfer für mein Lebenswerk.


Beherrschen Sie eigentlich den berühmten Royal-Schwung noch, der jeden Ihrer Prospekte ziert?
Spielend! Nur die Sprünge mache ich nicht mehr. Das wäre unvernünftig in meinem Alter.

 

ENDE INTERVIEW


Arthur Furrer, geboren 1937, wuchs im Walliser Bergdorf Greich in armen Verhältnissen auf. Sein Vater war Jäger und Taglöhner und starb mit 40 Jahren. Der Halbwaise wurde ins Kollegium nach Brig geschickt und liess sich anschliessend zum Skilehrer und Bergführer ausbilden. Wegen «ketzerischen Fahrstils» wurde er aus dem Skilehrerverband ausgeschlossen. Als 22-Jähriger reiste Furrer nach Amerika. Dort wurde «Art» zum gefeierten Erfinder der Skiakrobatik und zum Skilehrer von Jacqueline Kennedy und Leonard Bernstein. Er organisierte Skishows und kam zu Werbeaufträgen. Nach 13-jährigem Exil kehrte Art Furrer ins Wallis zurück und baute auf der Riederalp ein Hotelimperium mit insgesamt sieben Häusern auf, das heute von seinen Söhnen Alexander und Andreas geleitet wird.