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AUF ZUM FINGERTEST

 

Amt für Wissenschaft

 

von Sabine Windlin

 

Dass manche Mädchen und Frauen beim Laufen, Fussball- und Tennisspielen den Männern locker das Wasser reichen, wissen aufgeklärte Menschen. Doch nur die Leser des «British Journal of Sports Medicine» erfahren, was ein untrügliches Zeichen für weibliche sportliche Begabung, insbesondere flinke Beine ist: Der Ringfinger.

 

«Schnelle Frauen haben lange Ringfinger», meldete doch tatsächlich das Wissenschaftsmagazin und zitierte die Ergebnisse einer Studie von Forschern des Londoner St. Thomas Hospitals.  Genauer: Bei Frauen, die schnell laufen können, ist der Ringfinger länger als der Zeigefinger. Röntgenaufnahmen und der Vergleich von 607 weiblichen Zwillingshänden im Alter zwischen 25 und 79 Jahren lieferten den Beweis.

 

Logisch, dass ich als ambitionierte Joggerin sofort die Lektüre zur Seite legte, mir die rechte Hand vor Augen hielt, sämtliche Gliedmassen durchstreckte und mit Spannung das Resultat erwartete. Doch Fehlalarm: Zeig- und Ringfinger waren exakt gleichlang! Wohlwissend, das dies rein anatomisch gar nicht möglich sein konnte und die Natur irgendeine Differenz – wenn auch nur von Millimetern -  geschaffen haben muss, spannte ich den Ringfinger kräftig durch, um dessen Spitze mit der des Zeigefingers zu vergleichen. Doch die Fingerübung änderte sich nicht zum Guten. Im Gegenteil: Der etwas länger gewachsene Fingernagel erweckte lediglich den Anschein, der Ringfinger sei länger – eine simple, optische Täuschung. Bei entspannter Haltung überragte sogar der Zeige- den Ringfinger.

 

Als die Spreizübung an der anderen Hand das gleiche, unbefriedigend Bild bot, gab ich’s auf, las demotiviert den Artikel fertig und nahm zur Kenntnis: Die relative Länge der Finger gilt schon seit längerem als Hinweis auf persönliche Eigenschaften. Meine Ehrenrettung war mir indessen gewiss, als ich den Schluss der Studie las: Frauen mit längerem Zeigefinger verfügen häufig über hohe Intelligenz und Scharfsinn.

 

Tolle Studie! Befand ich, faltete meine Hände und lobpreiste die Wissenschaft und ihre Forscher. Ohne sie wären wir um manche Erkenntnis ärmer, man könnte schon fast sagen arm.