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KUCHENBACKEN FüR DIE SCHULE

 

Die Elternmitwirkung im Schulbetrieb wird zwar in Gesetzen und Konzepten zunehmend gefordert, verläuft aber selten störungsfrei.

 

von Sabine Windlin

 

Der Schriftverkehr erinnerte an die Organisation eines diplomatischen Empfangs, in Planung jedoch war das Schulsommerfest 2010. Ein erster Brief erreichte die Eltern im April mit Ort- und Zeitangabe zum Fest, unterschrieben mit «das OK». Ein zweiter Brief folgte im Mai mit Aufruf zur elterlichen Mitarbeit und der Bitte um Koordinaten zwecks Kontaktaufnahme. Ein dritter Brief kam schliesslich im Juni mit Anmeldetalon und der Aufforderung um Detailinfos über: Anzahl teilnehmender Personen, Zeitangabe für Mithilfe beim Getränkeausschank sowie Verpflegungsbeitrag für Salat- oder Dessertbuffet. Die zum Mitwirken Aufgerufene wollte bei der Angabe «Pastasalat» bereits voreilig abschliessen, bis sie im nächsten Abschnitt auf einen weiteren Punkt stiess, den es diesbezüglich zu präzisieren galt: «für 2, 3, 4 oder 5 Personen?»

 

Mal abgesehen davon, dass es kaum jemandem in den Sinn kommen dürfte, für ein Buffet einen Salat für zwei Personen beizusteuern, zeigt das Beispiel exemplarisch, wie umständlich und verkrampft sich die Zusammenarbeit zwischen Schule und Eltern in der Schweiz mitunter gestaltet. Ob Mithilfe beim Räbenschnitzen, bei Schulolympiaden, der Begleitung von Schulreisen oder Schullager: Immer wieder versucht die Schule, Eltern für Aktivitäten in die Pflicht zu nehmen und stösst dabei auf Abwehr. Laut aktuellen Zahlen des Bundesamts für Statistik sind über 80 Prozent der Eltern schulpflichtiger Kinder erwerbstätig. Bei den Frauen haben die höheren Teilzeitpesen, in denen man mindestens zu 50 Prozent beschäftigt ist, seit 1992 deutlich zugenommen. Jede zweite Schweizer Mutter, die Kinder im Schulalter hat, arbeitet über  50 Prozent. Zeit für ein Engagement in der Schule bleibt da kaum.

 

«Es wird immer schwieriger, Freiwillige zu finden. Und wenn, dann sind es immer die gleichen Eltern, die sich engagieren», so René Weber von der Dachorganisation Schule und Elternhaus, die seit über 50 Jahren die Partnerschaft zwischen Schule und Eltern fördert. Schweizweit etabliert haben sich in manchen Kantonen Elterngruppen oder Elterntreffs, wobei diesen etwas Stiefmütterliches anhaftet, zumal sie wenig Einfluss geltend machen können. Dafür fallen sie durch umfangreiche Kurs- und Vortragsreihen auf, wo sich die Elternmitwirkung in Diskussionen um bildungspolitische Fragen erschöpft.  Beruflich viel beschäftigte Eltern winken da eher dankend ab.

 

«Ich helfe schon mit, wenn es in der Schule etwas zu tun gibt, aber für Plauderstunden habe ich weder Zeit noch Geduld », so Olivia, 43, Mutter zweier Söhne und Staatsanwältin im Luzernischen. «Ständig soll man Kuchen backen, Kostüme nähen, beim Schminken helfen», so Birgit, Kuratorin 45 aus Bern, dreifache Mutter und betont, dass es schon schwierig sei, sich für Besuchstage von der Arbeit auszuklinken. Irritierend wirkt es sodann auch auf viele Eltern, wenn sie aufgefordert werden, während offiziellen Arbeitszeiten an Projektwochen von Schule oder Kindergarten mitzuwirken. «Ich hab’ meinen Job, die Lehrer sollen ihren machen», fordert Caroline, 36, Treuhänderin leicht genervt. Sie schicke ihren Sohn rechtzeitig ins Bett, wecke ihn am morgen um sieben, schaue, dass er pünktlich losmarschiere und dass er abends seine Hausaufgaben erledige. «Was will die Schule mehr von mir?»

 

Wirklich berauschend sind denn auch die Vorschläge nicht, mit welchen die Schweizer Fachstelle «Elternmitwirkung» auf ihrer gleichnamigen Website aufwartet: Elternmitwirkung, doziert die Institution, heisse «miteinander reden», «sich treffen», «schwierige Situationen gemeinsam lösen», «Gesprächskultur aufbauen», «Vertrauen schaffen», «gemeinsam Werte festlegen» usw. Viele Schweizer Gemeinden haben im Laufe der Jahre auf Basis kantonaler Gesetze umfangreiche Konzepte, Leitfäden und Handreichungen erarbeitet, die detailliert festhalten, wie Elternmitwirkung zu funktionieren, und wo man sich nicht einzumischen hat. Diese Papiere wirken indes oft derart bürokratisch und praxisfern, dass Zweifel aufkommen, ob damit die Partnerschaft Schule-Eltern wirklich nachhaltig verbessert wird. Das «Reglement Elternmitwirkung» der Primarschule Rümlang, um nur ein Beispiel zu nennen, präsentiert sich als ein zehnseitiges Dokument mit 15 Artikeln, die – nach einer Begriffsdefinition des Wortes Eltern – die «Wahl und Abwahl der Elternvertreter» genauso regeln, wie deren «Amtszeit», die  «vorzeitige Amtsniederlegung», das Verbot von «Doppelmandaten», das Respektieren der «Schweigepflicht», den Antrag auf «Durchführung des Elternabends» (es reicht eine Zweidrittelmehrheit), das «Archivieren von Sitzungsprotokollen» und den einzuhaltenden «Sitzungsrhythmus».

 

Fairerweise sei aber auch  gesagt: Viele Eltern packen nur mit an, wenn ein schriftlicher Aufruf erfolgt und manche sind durchaus in Stande, nach einer Theater- oder Musikaufführung aufzustehen und davonzulaufen, ohne auch nur beim Aufräumen behilflich zu sein. In solchen Fällen monieren Lehrpersonen zu Recht, manche Eltern missverstünden Volksschule als staatlich finanzierten Dienstleistungsbetrieb, deren Angestellten keinerlei Wertschätzung bedürfen. Solche Eltern holen ihre Kinder ohne ein Wort des Dankes vom Klassenlager ab und nutzen die Anwesenheit am Elternbesuchstag, um SMS mit den Kollegen im Büro auszutauschen, sind aber – im Gegenzug – sofort zur Stelle,  wenn das eigene Kind in der Schule ein Problem hat. Der politische Vorstoss aus linker Ecke, Hausaufgaben künftig statt zu Hause in der Schule zu erledigen deutet ebenfalls darauf hin, dass die meisten Eltern am liebsten möglichst wenig mit der Schule und dem Schulstoff zu tun haben wollen; das Scheinargument – damit helfe man «bildungsfernen» Schichten – kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass berufstätige Eltern nach einem anstrengenden Arbeitstag schlicht und einfach keine Lust und Energie mehr haben, mit den Kindern Einmaleins zu üben und Diktate vorzubereiten.

 

In angelsächsischen Ländern gestaltet sich die elterliche Einbindung viel intensiver und selbstverständlicher: sei es für Mithilfe im Computer- oder Schwimmunterricht, in der Bibliothekausleihe oder als Assistenz in der Aufgabenhilfe. In manchen amerikanischen oder australischen Schulen sind Mütter und Väter, vorab in der Unterstufe, regelmässig  im Schulzimmer präsent, und unterstützen schwächere Kinder.Von Eltern, die dazu berufsbedingt keine Zeit haben, wird im Gegenzug erwartet, dass sie sich – auch bei staatlichen Schulen – finanziell erkenntlich zeigen, etwa für die Anschaffung von IT-Geräten, Schuluniformen oder Turngeräten. Auf diese Weise wird das Miteinander gestärkt, fühlen sich die Eltern mitverantwortlich und sind sogar stolz, einen Beitrag für «ihre» Schule leisten zu dürfen.

Andererseits wird solche Eigeninitiative hierzulande auch oft abgewürgt. Sara, 45, deutscher und englischer Muttersprache, bot den Klassenkameraden ihres Sohnes Englischkonversation am freien Mittwochnachmittag in der Schule an. Das Rektorat winkte sofort ab: Nicht nötig, und vor allem, gemäss geltendem Reglement, ausdrücklich verboten. Ähnlich erging es einer Mutter, die sich als Aufsicht für den schulischen Mittagstisch zur Verfügung stellen wollte, wegen fehlenden, pädagogischen Diplomen aber keine Chance hatte.

 

«Theoretisch wird man zum Mitmachen aufgefordert, aber wenn es konkret wird, krebsen sie zurück», kritisiert Beat, 45. Der gelernte Möbeldesigner wurde zuerst mit einer Idee für den Werkunterricht vorstellig und von der Fachlehrerin zurückgepfiffen. Dann wollte er sich in der Klasse seiner Tochter als Verkehrslotse zur Verfügung stellen und hielt eine Absage mit der Begründung, dies sei Sache der Polizei. Das Thema Elternmitwirkung ist für ihn seither erledigt. «Mir ist das», sagt er, «zu kompliziert.»

 

ENDE LAUFTEXT


Interview mit Heinz Bäbler, Präsident Schule und Elternhaus Schweiz, zu erwünschter und unerwünschter Elternmitwirkung

 

In den letzten Jahren entstanden schweizweit unzählige Leitfäden und Handreichungen,  in denen  die Elternmitwirkung in der Schule geregelt wird. Ist das nötig?


Dies hängt mit neuen kantonalen Volksschulgesetzen zusammen, die teilweise verlangen, dass Elternmitwirkung in der Schule in einem Zusatzpapier definiert wird. Man will damit zum Ausdruck bringen, dass Eltern nicht nur die Pflichten sondern auch Rechte haben, die Schule mitzugestalten; dass dies sogar einem Wunsch seitens der Schule entspricht.

 

Für die Organisation eines Grillabends braucht es aber doch kein Elternmitwirkungskonzept?


Das sehe ich auch so. Aber man darf davon ausgehen, dass die erwähnten Reglemente, wie sie etwa in Zürich, Luzern oder Bern existieren, Grundlage sein sollen für Aktivitäten, die eben über das Kaffeekränzchen hinausgehen. Unsere Organisation setzt sich zum Beispiel dafür ein, dass in den Gemeinden Elternräte und Elternforen entstehen, dass also die Elternmitwirkung institutionalisiert wird, ähnlich wie es in Deutschland der Fall ist. 

 

Dort ist die Einrichtung von Elternvertretungen in den Schulgesetzen aller Bundesländer vorgeschrieben. Schwebt Ihnen so etwas vor?


Ja. Elternmitwirkung ist in Deutschland Alltag, eine Selbstverständlichkeit. Elternräte haben dort auch in der politischen Meinungsbildung ein Gewicht, werden zu Vernehmlassungen eingeladen, in der Öffentlichkeit als Stimme wahrgenommen und prägen die Schulhauskultur. Beim deutschen Modell geht es um eine verbindliche, substantielle und kontinuierliche Zusammenarbeit zwischen Schule und Eltern. Es gibt sogar einen Bundeselternrat, der die Elternvertreter in den Ländern bei der Ausübung ihrer schulischen Mitwirkungsrechte unterstützt.

 

Tatsache ist aber, dass viele Eltern heutzutage oft gar keine Zeit oder Lust mehr haben, sich in der Schule zu engagieren. Väter sind zumeist ganz im Job engagiert, und die Mehrheit der Mütter mit Kindern im schulpflichtigen Alter sind ebenfalls erwerbstätig.


Diese Veränderungen spüren auch wir und sie macht die Sache nicht einfacher. Ich sehe da zwei Gruppen, an die wir nicht herankommen: Zum einen die bildungsfernen Eltern in prekären Lohnverhältnissen, die kaum auf das Existenzminimum kommen und nebst Familie und Arbeit schlicht keine Kapazität für ein schulisches Engagement haben. Zum anderen beruflich erfolgreiche und finanziell gut situierte Eltern, die schlicht keine Lust verspüren für ein Mitwirken im Schulleben.

 

Manche Lehrer signalisieren aber klar, dass es ihnen am liebsten ist, wenn sie möglichst wenig mit den Eltern zu tun haben und in Ruhe unterrichten können.


Das stimmt. Die elterliche Einmischung ist seitens der Lehrerschaft nicht immer gewünscht. Aber im Zentrum in dieser Diskussion steht weder das Wohlbefinden der Eltern, noch jenes der Lehrer, sondern das des Kindes. Und für ein Kind ist eine gute Partnerschaft zwischen Schule und Eltern wichtig. Dann ist auch eine Vertrauensbasis geschaffen, wenn es einmal Probleme gibt. Ich selber habe als Vater schon an einer Projektwoche teilgenommen und im Schulzimmer einen Vortrag über Hörbehinderungen gehalten, da ich in diesem Bereich arbeite. Bei den Kindern kam das sehr gut an.

 

Da sind sie aber eine Ausnahme. Gerade Väter, das beklagt auch ihre Organisation, engagieren sich kaum in der Schule und sind in Elterngruppen krass untervertreten.


Das ist auch meine Erfahrung, und ich bedaure dieses Männerdefizit. Trotzdem starte ich jetzt keine Männeroffensive, und auch keine Migrantenoffensive. Wie gesagt: In der Schweiz kennen wir diese Tradition der Elternmitwirkung noch nicht. Das kann man nicht von heute auf morgen ändern. Mein Ziel als Präsident ist es, dass wir in allen Kantonen S&E Sektionen haben und als Verband noch stärker wahrgenommen werden, ähnlich wie der LCH, der sich im Laufe der Jahre zu einer mächtigen Stimme entwickeln konnte.

 

In der Handreichung des Volksschulamtes des Kantons Zürich wird eingangs schriftlich festgehalten, was der Unterschied zwischen mitwirken, mitentscheiden, mitdiskutieren und mitgestalten ist. Ist die Sache so kompliziert?


Es geht darum, Missverständnissen vorzubeugen. Man darf nicht vergessen: Es gibt nebst den desinteressierten auch die überengagierten Eltern, die man bremsen muss, die das Gefühl haben, mitreden zu können, wenn es etwa um Lehrerwahl, Klasseneinteilung, Übertrittsverfahren, Stundenplangestaltung, didaktische oder  und methodische Fragen geht. Hier muss man klar sagen, dass dies nicht in der Kompetenz der Eltern liegt.

 

Ihre Organisation fällt immer wieder durch ein umgangreiches Vortragsangebot auf. Haben Eltern überhaupt Zeit, die sich die vielen Vorträge anzuhören?


Bei den Vorträgen stelle ich  - jedenfalls in der Innerschweiz  – stabile bis rückgängige Zahlen fest. Hier ist die Nachfrage gesättigt.